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Alzheimer: Das Verlöschen

Edith Bussmann leidet an Alzheimer im Anfangsstadium. Ihr Mann versucht, sich so gut es geht auf das Alltagsleben mit dieser Krankheit vorzubereiten. Eine Ehe im Übergang.

Edith und Christoph Bussmann.
Edith und Christoph Bussmann.
Foto: Paulus Ponizak
Stuttgart –  

Drei Bücher hat Edith Bussmann im Laufe ihres Lebens geschrieben. Das erste heißt „Sie hörte den Zigeuner singen“ und enthält Erinnerungen an jene Monate ihrer Kindheit, die sie in einem Barackenlager der Nazis verbringen musste. Das zweite, „Mondsteine“, enthält Gedichte, es ist eine poetische Aufarbeitung dieser Erfahrung. Und das dritte Buch ist weg. Mehrmals schon hat Edith Bussmann ihre Wohnung danach abgesucht, erfolglos. Aber „weg“, das hat in ihrem Leben noch eine ganz andere Bedeutung. „Ich weiß nicht mal mehr, wie das Buch heißt. Oder worum es ging“, sagt sie. Irgendetwas mit Gedichten muss es sein, ungefähr diese Richtung. „Das hat dann wieder damit zu tun“, sagt sie ohne große Aufregung in der Stimme. Inzwischen hat so einiges „damit“ zu tun.

Etwa ein halbes Jahr ist es her, dass Edith Bussmann ihre Hausärztin aufsuchte. Etwas stimmte nicht. Sie hatte beim Aufräumen Notizen weggeworfen, die ihr eigentlich sehr wichtig waren – und das nicht nur einmal, wie es jedem passieren kann, sondern wieder und wieder. Die Ärztin schaute ihr nicht ins Gesicht und tippte die ganze Zeit in ihren Computer. Am Ende wurde Edith Bussmann Blut abgenommen, dann bekam sie eine Überweisung zu einem Spezialisten. Als sie auf den Zettel schaute, las sie das Wort „Demenz“. Es war der Anfang eines neuen Lebens.

Langsames, aber stetiges Verlieren

Edith Bussmann ist 82 Jahre alt, sie hat schlohweißes Haar und trägt eine Brille. Gemeinsam mit ihrem Mann Christoph, 84, lebt sie in einer ruhigen Gegend am Rande von Stuttgart. An den Wänden ihrer kleinen Wohnung hängen Porträts und abstrakte Bilder, die die beiden selbst gemalt haben. Zweimal in der Woche kommt jemand, der sich um den Garten kümmert, ansonsten erledigt Edith Bussmann im Haushalt alles selbst. Auch das Kochen: Sie hat darauf bestanden, Frikadellen zu servieren, mit Kartoffelsalat und Rosenkohl. Der Rosenkohl ist angebrannt, das sieht man schon von weitem. „Für mich bitte nicht. Du weißt ja, dass ich es mit Gemüse nicht so habe“, sagt Christoph Bussmann zu seiner Frau.

Edith Bussmann verliert sich, langsam, aber stetig – das ist ihr völlig klar und das war auch der Grund, für diese Einladung. „Ich muss mein Leben bestehen“, sagt sie. Sie führt einen Kampf, den sie verlieren wird. Aber sie möchte dabei wahrgenommen werden. Ihr Mann hilft ihr dabei, so gut er eben kann.

Sie hat einen fremden Menschen gebeten, zu ihr zu kommen, sie hat ihm angebrannten Rosenkohl serviert und auch den Namen ihres eigenen Buches nicht nennen können. Sie hat das nicht vorhergesehen und manches vermutlich gar nicht mitbekommen – dass sie einem Journalisten Unzulänglichkeiten vorleben würde, war ihr bewusst. All das unter ihrem echten Namen. „Wenn ein junger Mensch krank ist, wird er bemitleidet“, sagt sie. „Bei einer alten Frau heißt es immer nur: Die spinnt!“
Manchmal, wenn sie erschöpft ist, kann sie den Feind, der allmählich von ihrem Leben Besitz ergreift, nicht mehr erkennen. Dann kommt es vor, dass sich die Bedrohung, der sie sich heute ausgesetzt sieht, und die Bedrohung, die sie in ihren jungen Jahren erfuhr, auf seltsame Weise überblenden. Dann sagt sie Sätze wie „Demenz ist ein Tabuthema, obwohl dieser Adolf Hitler so viel Unheil angerichtet hat“. Je weiter sich Edith Bussmann in ihre eigene Welt zurückzieht, desto näher kommt sie auch wieder ihrer Kindheit, einer Zeit, die vom Nationalsozialismus geprägt war.

Ein fremder Name

Kämpfen lernen musste Edith Bussmann schon früh in ihrem Leben. Ihr Vater war SPD-Mitglied, 1935 nahmen ihn die Nazis fest. Die Familie durfte nicht in ihrer Wohnung bleiben, Edith Bussmann, ihre Mutter und ihre zwei Geschwister kamen ins Barackenlager: zwei winzige Räume für die ganze Familie, eine Latrine für den ganzen Block und viel zu viele Menschen. Ein Ort, noch um einiges entfernt von den nationalsozialistischen Mordfabriken, aber für manche Nachbarn wurde er zur Zwischenstation dorthin. Für Edith Bussmanns Familie nicht. Sie wurde nicht noch tiefer hineingerissen in den Abgrund der Gewalt. Der Vater überlebte die Tortur im KZ – 1944 ließ man ihn wegen eines Herzleidens frei.

„Wichtgen, jetzt brauchst nicht mehr zu weinen!“, ruft Edith Bussmann und muss nun gerade weinen. Niemand hatte ihnen gesagt, dass der Vater freikommt, die Mutter war arbeiten und die Tochter in der Schule. Als sie nach Hause kam, stand er einfach da. Sie heulte los, weinte und weinte. Der Vater nahm sie in den Arm, strich ihr über das Haar. „Wichtgen, jetzt brauchst nicht mehr zu weinen!“, sagte er. Wichtgen war sein Kosename für sie. „Meine Mutter ist dann später auch in die Partei eingetreten“, sagt Edith Bussmann plötzlich. In die Partei? „Ja, nach dem Krieg.“ Sie sucht nach Worten. „Sozialdemokraten!“, ruft sie und atmet tief.

Später stößt Edith Bussmann noch einmal einen ähnlichen Triumphschrei aus: „Taube und Dornenzweig!“ Das ist es, das dritte Buch. Sie hält ein grünes Bändchen in der Hand. Auf dem Umschlag steht ein fremder Autorenname. Und auch der Titel lautet anders. Es ist eine Anthologie, aber: Sie enthält auch eines ihrer Gedichte.

Dann gibt es Kuchen. Edith Bussmann hat ihn selbst gebacken. Es ist ein sehr süßer Kuchen, luftig und saftig, mit vielen Schokostreuseln. Er schmeckt toll. „Ein einfacher Rührkuchen“, sagt Christoph Bussmann. Es ist nicht despektierlich gemeint.
Unter welcher Form der Demenz Edith Bussmann leidet, ist noch nicht ganz klar. Wahrscheinlich ist es Alzheimer, aber besser kann man das erst nach einigen Tests sagen, die sie noch absolvieren muss. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Es liegt im Wesen dementieller Erkrankungen, dass eine exakte Diagnose schwierig ist und ihre Abgrenzung nicht immer möglich.

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Autor:  Sebastian Stoll
Datum:  18 | 10 | 2011
Seiten:  1 2
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