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Pisa 2010: Am Lehrer hängt doch alles

Zehn Jahre nach dem ersten Weckruf scheiden deutsche Schülerinnen und Schüler bei den Tests wieder besser ab. Erfolgreich sind Schulsysteme, wenn die Leistungen der Pädagogen angemessen gewürdigt werden, betont die OECD.

Deutschland atmet auf, doch die GEW sieht keinen Grund zur Euphorie.
Deutschland atmet auf, doch die GEW sieht keinen Grund zur Euphorie.
Foto: dpa

Deutschlands Schüler holen langsam auf und rücken im internationalen Vergleich weiter nach vorn. In der am gestrigen Dienstag in Berlin veröffentlichten neuen Pisa-Studie 2009 gelangten die deutschen 15-Jährigen mit ihren Leseleistungen auf Platz 16 unter 34 Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Vor neun Jahren war es noch Platz 21. Mittlerweile liegt das Land beim Lesen im Mittelfeld – ist aber von den Spitzenreitern Korea, Finnland, Kanada sowie den chinesischen Regionen Shanghai und Hongkong noch weit entfernt.

Die Leseleistungen der deutschen Schüler entsprechen jedoch denen Gleichaltriger in den USA, Schweden oder Frankreich. In Mathe und Naturwissenschaften schneiden die deutschen Schüler sogar überdurchschnittlich ab.

Nur noch vier Staaten vor Deutschland

„Deutschland ist einer der wenigen OECD-Staaten, dessen Bildungssystem sich im Verlauf von zehn Jahren durchgängig positiv entwickelt hat“, sagte der Bildungsforscher Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (Dipf), das die Federführung bei der Erhebung von Pisa 2009 in 226 deutschen Schulen hatte.

Alle Bereiche zusammengenommen (Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften) liegen Klieme zufolge nur noch vier Staaten vor Deutschland. Bei Pisa 2000 waren es noch elf.

Die Fortschritte rückte auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) bei Vorstellung der Studie in den Vordergrund. Sie sieht Bund und Länder auf dem richtigen Weg zur Bildungsrepublik. Die sogenannte Risikogruppe jener Schüler, die mit 15 Jahren nur auf Grundschulniveau lesen konnten, verringerte sich seit Pisa 2000 von 22,6 auf 18,5 Prozent. Die Leistungsunterschiede zwischen guten und schwachen Lesern wurden kleiner. Sie unterscheiden sich nicht mehr wesentlich vom OECD-Durchschnitt. Vor allem die Migrantenkinder haben laut Pisa-Studie Fortschritte gemacht.

Deutliche Fortschritte in Mathematik

In Mathematik gehört Deutschland sogar zu den sechs OECD-Staaten, die seit Pisa 2003 deutliche Fortschritte gemacht haben. Mit 513 Leistungspunkten schafften es die hiesigen 15-Jährigen weit über den OECD-Durchschnitt von 496 Punkten.

Die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen (SPD) sagte, nun komme es auf eine gezielte Förderung der Lesefähigkeit an. „Wir müssen die besten Programme und Initiativen zu einer gemeinsamen Strategie entwickeln.“ Denn noch ist beim Lesen der Abstand zu den Spitzenländern der Studie sehr groß. Der Leistungsrückstand beträgt bis zu einem Schuljahr. Als „auffällig“ bezeichnet die OECD, dass deutsche Schüler vor allem beim Reflektieren und Bewerten von Texten deutliche Schwächen zeigten.

„Will Deutschland sich behaupten, vor allem auch gegen die Aufsteiger aus Asien, dann muss dringend in Bildung investiert werden“, sagte Heino von Meyer, Leiter des OECD-Centrer in Berlin.

GEW sieht keinen Grund zur Euphorie

Trotz erkennbarer Fortschritte sei der Umfang der Bildungsausgaben in Deutschland zu gering, bemängelte auch der internationale Leiter der Studie, Andreas Schleicher, in einem Interview auf Spiegel online. Zudem seien die Investitionen nicht effizient genug verteilt. Schleicher kritisierte etwa, dass vor allem die Klassenstärke in den ersten Schuljahren zu groß sei.

Die Bildungsgewerkschaft GEW sieht nach den jüngsten Verbesserungen keinen Grund zur Euphorie. Es mangele an systematischer Leseförderung. Außerdem müsse die Ausbildung der Lehrer weiter verbessert werden.

Der konservative Gegenspieler der GEW, der Deutsche Lehrerverband mit seinem Präsidenten Josef Kraus, griff die Macher der Pisa-Studie an. Den OECD-Experten warf er laut Saarbrücker Zeitung vor, vom deutschen Schulsystem „nach wie vor wenig Ahnung“ zu haben. „Die tatsächlichen Probleme des deutschen Schulwesens werden durch Pisa nicht erfasst.“

Diesen hohen Anspruch hat das Programm jedoch nie gehabt. Zwar zeigen sich durch die internationalen Tests auch viele Defizite in den Schulen, der Schwerpunkt des Vergleichs liegt laut OECD jedoch darauf, die Leistungen der Schüler zu messen und daraus Parameter für erfolgreiche Bildungssysteme abzuleiten. Dazu zählen die Pisa-Experten neben Autonomie für die einzelne Schule vor allem eine gute Pädagogenausbildung, wie es etwa Finnland vormacht.

„Erfolgreiche Schulsysteme zeichnen sich dadurch aus, dass die Leistungen von Lehrern in der Gesellschaft positiv gewürdigt werden“, heißt es. Unabhängig vom Gehalt. Für einen wichtigen „Erfolgsfaktor“ beim Bildungswettlauf der Länder hält die OECD auch eine möglichst gerechte Verteilung von Bildungschancen.

Gute Leistungen erzielten in der Regel jene Länder, die Kinder unabhängig vom Status und vom Gehalt ihrer Eltern förderten. Das jeweilige Schulsystem, über das in Deutschland seit Jahrzehnten ideologisch gestritten wird, scheint dabei zwar nicht grundsätzlich eine positive oder negative Rolle zu spielen, wohl aber laut OECD die frühe Aufteilung in verschiedene Bildungszweige: „Je früher die erste Aufteilung erfolgt, desto größer sind die Leistungsunterschiede – ohne dass dadurch die Gesamtleistung der Schüler steigt.“

Für die Befürworter des längeren gemeinsamen Lernens dürfte diese Aussage Balsam sein.

Autor:  Torsten Harmsen und Katja Irle
Datum:  7 | 12 | 2010
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