Neue Aufregung statt reiner Freude: Dem Heidelberger Krebsforscher Harald zur Hausen wird kommende Woche in Stockholm der Medizin-Nobelpreis verliehen - für seine Arbeiten zur ersten Anti-Krebs-Impfung. Doch nun ist das 2007 eingeführte Vakzin gegen Gebärmutterhals-Krebs erneut unter Beschuss geraten - 13 Mediziner und Gesundheitsforscher halten es nicht für erwiesen, dass der Impfstoff ausreichend wirksam ist. Zur Hausen setzt sich nun vehement zur Wehr.
Die 13 Wissenschaftler haben, wie berichtet, die am Robert-Koch-Institut (RKI) angesiedelte Ständige Impfkommission (Stiko) aufgefordert, ihre Empfehlung zur Einführung der Impfung "dringend" zu überprüfen. Der Hauptvorwurf: Die Stiko habe den Impfstoff gegen die Humanen Papillomviren (HPV) durchgewunken, ohne genügend Daten aus medizinischen Studien zu haben. Die HPV lösen den Krebs im Gebärmutterhals aus - das hatte zur Hausen nachgewiesen.
Die HPV-Impfung wird von den Krankenkassen seit der Stiko-Empfehlung im März 2007 bei Mädchen im Alter von zwölf bis 17 Jahren bezahlt. Sie sollten noch Jungfrau sein, da die Viren per Geschlechtsverkehr übertragen werden. Notwendig sind drei "Pikser" in den Oberarm binnen acht Monaten. Die Impfung ist sehr teuer, sie kostet pro Person rund 460 Euro.
Die Kritiker, darunter Professoren der Charité in Berlin sowie der Unikliniken in Frankfurt am Main und Bielefeld, sprechen von "irreführenden Kampagnen für die Impfung". Der Vorwurf, die Impfung sei - unter anderem auf Druck der Pharmakonzerne - übereilt eingeführt worden, ist bereits öfter erhoben worden, aber nicht in dieser Vehemenz. Interessanterweise sind auch zwei Mitglieder des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen unter den Kritikern. Professor Norbert Schmacke aus Bremen, formuliert: Man wisse nicht, ob die teure Impfung tatsächlich Nutzen stifte. Trotzdem werde sie massenhaft eingesetzt. Das sei übereilt.
Tatsächlich untersuchen die medizinischen Studien nicht Krebsfälle. Dann wäre eine Wirksamkeit der Impfung erst nach etwa 15, 20 oder mehr Jahren nachzuweisen; diese Zeit vergeht mindestens von einer Infektion bis zur Entwicklung eines Karzinoms. Allerdings zeigen Studien, dass bei Geimpften Vorstufen des Krebses, die nur durch Operationen beseitigt werden können, seltener auftraten.
Der Streit geht nun darüber, in welchem Maße dies geschieht. Die bisher zugelassenen Impfstoffe wirken gegen die beiden gefährlichsten HPV-Typen 16 und 18, die für rund 70 Prozent der Krebsfälle verantwortlich sind. Die Kritiker argumentieren: Die wichtigsten Impfstudien belegten nur eine Minderung der Krebs-Vorstufen um maximal 17 Prozent. Zur Hausen widerspricht. Die 17 Prozent träfen nur bei Frauen zu, die vor dem Zeitpunkt der Impfung bereits sexuell aktiv gewesen waren - die also das Virus möglicherweise bereits in sich trugen.
Bei Mädchen, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatten, betrage die Schutzrate, bezogen auf HPV 16 und 18, rund 98 Prozent. Daraus errechne sich die Schutzwirkung von fast 70 Prozent im Blick auf alle HPV-Viren. Der Heidelberger Wissenschaftler "empfiehlt" den 13 Kollegen süffisant, die von ihnen "zitierte Arbeit sorgfältig zu lesen". Diese allerdings beharren darauf, dass die Zahlen gerade für jüngere geimpfte Mädchen nicht nachvollziehbar seien.
Das Robert-Koch-Institut indes sieht derzeit "keinen Grund, die Impfung neu zu bewerten". Die Wirksamkeit der Impfstoffe zur Verhinderung der Krebs-Vorstufen sei "sehr gut", sagte eine Sprecherin der FR. "Es wäre verantwortungslos, 15 Jahre bis zur Zulassung abzuwarten". Damit würden viele vermeidbare Krebsfälle und Operationen in Kauf genommen.
Die Impfstoff-Hersteller weisen die Kritik ebenfalls zurück. Die bislang aufwendigste Studie mit 30 000 Mädchen und Frauen aus vier Kontinenten zeige, dass die Schutzwirkung auch sieben Jahre nach der Impfung noch anhalte, hieß es bei Glaxo-Smith-Kline auf Anfrage der FR.
Hoffnung, der Impfstoff werde künftig in Deutschland billiger angeboten, machte der Pharmakonzern nicht. Bei der Einführung in Entwicklungländern werde man aber anders kalkulieren. Das hat auch zur Hausen schon oft gefordert.
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