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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

10. August 2009

Antisoziale Persönlichkeitsstörung: Der große Manipulator

 Von Frauke Haß
Klaus Kinski in dem Film "Aguirre, der Zorn Gottes ". Foto: swr

Psychopathen nutzen ihre Mitmenschen gewissenlos und manipulativ aus - viele Banker, Manager oder auch Heiratsschwindler passen in das Raster. Von Frauke Haß

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Checkliste
Feine Unterschiede

1. Trickreich sprachgewandter Blender mit oberflächlichem Charme

2. Erheblich übersteigertes Selbstwertgefühl

3. Stimulationsbedürfnis (Erlebnis-hunger), ständige Langeweile

4. Pathologisches Lügen (Pseudologie)

5. Betrügerisch-manipulatives Verhalten

6. Mangel an Gewissensbissen oder Schuldbewusstsein

7.Oberflächliche Gefühle

8.Gefühlskälte, Mangel an Empathie

9.Parasitärer Lebensstil

10.Unzureichende Verhaltenskontrolle

11. Promiskuität

12. Frühe Verhaltensauffälligkeit

13. Fehlen von realistischen, langfristigen Zielen

14. Impulsivität

15. Verantwortungslosigkeit

16. Mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen

17. Viele kurzzeitige ehe(ähn)liche Beziehungen

18. Jugendkriminalität

19. Missachtung von Weisungen und Auflagen

20. Vielschichtige Kriminalität

Psychopathen haben kein Gewissen, sind nicht in der Lage, sich in andere Menschen einzufühlen (fehlende Empathie), spüren keine Schuld und kennen keine Loyalität außer zu sich selbst. So definieren es Paul Babiak und Robert Hare in ihrem Buch "Menschenschinder oder Manager - Psychopathen bei der Arbeit" (Hanser 2007).

Soziopathie ist kein offizielles Krankheitsbild. Gemeint ist damit ein Verhalten, dass die Gesellschaft insgesamt als antisozial und kriminell betrachtet, die aber von bestimmten Subkulturen als normal und notwendig betrachtet werden. Soziopathen können ein normal entwickeltes Gewissen haben, fühlen Empathie, Schuld und Loyalität, aber ihr Sinn für Richtig oder Falsch basiert auf den Normen ihrer Subkultur. Viele Kriminelle können als Soziopathen bezeichnet werden.

Antisoziale Persönlichkeitsstörung ist ein Krankheitsbild, das laut US-Definition die Psychopathie einschließt.

Die Lämmer schweigen nicht. Und Hannibal, the Cannibal, ist für viele der erste Gedanke, wenn jemand von Psychopathen spricht. Das ist fatal, weil der von Thomas Harris erdachte, horrible Roman-Mörder Hannibal Lecter aus Sicht der Psychologen eine unglückliche Assoziation ist, wenn es um das Krankheitsbild Psychopathie geht. Denn Hannibal sei Dank, assoziieren die meisten den "Psychopathen" mit hautabziehenden Schlächtern, blutbadenden, kannibalistischen Serienmördern. Zu viele Krimis gelesen. Andersherum ist die Allgemeinheit bei jedem Verbrechen, das besonders schwer zu begreifen ist, bei dem es viele, zufällige Opfer gibt, wie bei den Attentaten von Winnenden oder Erfurt, furchtbar schnell mit dem selben, irreführenden Etikett bei der Hand. Dabei sind sich die Fachleute einig: Die Schulattentäter sind vermutlich alles andere als Psychopathen.

Der Begriff wird im Deutschen schablonenhaft mit "böse" oder "durchgeknallter Gewalttäter" gleichgesetzt. Die Kinderpsychiaterin Kathrin Sevecke von der Uni Köln verwendet deshalb nur den englischen Fachausdruck "Psychopathy". Offiziell gilt die Psychopathie als Unterart der "Antisozialen Persönlichkeitsstörung".

Aber was ist ein Psychopath? Und wie erkennt man ihn? Ist er das, was man gemeinhin als "böse" empfindet? Da widerspricht Professor Norbert Nedopil, Forensischer Psychiater an der Ludwig-Maximilians-Uni München: "Böse ist ein Werturteil, keine wissenschaftliche Kategorie." Psychopathische Züge, von denen der kanadische Psychopathie-Forscher Robert Hare 20 definiert hat, "haben auch viele Banker oder Manager. Wenn jemand 15 dieser Merkmale hat, nennen wir Wissenschaftler ihn einen Psychopathen. Hat er keins, ist er ein Langweiler."

Nedopil nennt drei wesentliche Komponenten, die den Psychopathen kennzeichnen: "Er - oder sie - nutzt seine Umwelt und Mitmenschen gewissenlos und manipulativ aus - Typ Heiratsschwindler; er ist emotional kalt, kennt keine Gefühle und kein Mitgefühl, wird leicht gewalttätig; er ist impulsiv, berücksichtigt die Folgen des eigenen Handelns nicht, braucht den Kick, um sich wohlzufühlen, bricht früh die Regeln, schüchtert andere ein (Bullying), hat einen Machttrieb; statt zur Arbeit zu gehen, läuft er aus einer plötzlichen Eingebung heraus einer schönen Frau nach oder fährt in den Urlaub; er lernt nichts aus Strafen, kennt keine Reue, kein Schuldgefühl."

Robert Hare hat zusammen mit Paul Babiak ein ganzes Buch über Manager und Abteilungsleiter in funktionierenden Unternehmen geschrieben, die als Psychopathen einzustufen sind: Psychopathisch sein heißt eben nicht, anderen immerzu die Eingeweide herausschneiden zu wollen. Manche Vertreter dieser Spezies sind überaus erfolgreiche, oft hochintelligente Selbstdarsteller und Manipulierer. Gute Chefs oder Teamplayer sind sie nicht. Eines der wichtigsten Kriterien für einen Psychopathen ist vermutlich die fehlende Empathie, die Unfähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen. Sie sind nicht in der Lage, Mitgefühl oder Schuld zu empfinden, überhaupt starke Gefühle, außer impulsiver Wut, und suchen gerade deshalb ständig neue Aufregungen und starke Erlebnisse.

Wie der 21-jährige Terry, den Robert Hare in seinem Buch "Gewissenlos" beschreibt. Ein Junge aus gutem Hause mit zwei erfolgreichen Brüdern. Nur er tanzt aus der Reihe, stellt seine Eltern während der wilden Teenagerjahre auf eine harte Probe. Er ist mit 20 bereits zweifacher Vater, gerät wegen zu schnellen Fahrens und Trunkenheit mit der Polizei in Konflikt, dann wegen Drogen und Glücksspiels, und, als seine Eltern ihn finanziell nicht mehr unterstützen, wird er zum Bankräuber.

Als er mit 21 im Gefängnis sitzt, zeigt er keinerlei Reue: "Wenn meine Eltern mir Geld gegeben hätten, als ich es brauchte, wäre ich nicht hier. Welche Eltern lassen ihren Sohn an einem Ort wie diesem verrotten?" Nach dem Befinden seiner eigenen Kinder gefragt, antwortet er achselzuckend: "Wie soll ich das wissen? Ich habe sie nie gesehen. Ich vermute, sie wurden zur Adoption freigegeben."

Hanna, die ehemalige KZ-Wärterin in Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser", ist vielleicht keine Psychopathin in Reinkultur, doch beschreibt der Autor Szenen, in denen sich dem Leser die Nackenhaare aufstellen angesichts ihrer vollkommenen Fühllosigkeit: "Ja, was hätten Sie denn gemacht?", fragt Hanna den Richter, als sie erklären soll, warum sie die Türen der brennenden Kirche nicht aufgeschlossen habe, in der die von ihr bewachten Frauen und Mädchen auf dem Todesmarsch eingesperrt waren: "Wie hätten wir die vielen Frauen bewachen sollen? Wie hätten wir da noch mal Ordnung reinbringen sollen? Wir hätten sie doch nicht einfach fliehen lassen können. Wir waren doch verantwortlich. Das war doch der Sinn, dass wir sie bewachen." Also lässt sie sie verbrennen. Und versteht nicht einmal, was daran falsch sein soll.

Hanna zeigt in jenen Momenten, in denen sie sich wegen ihres nicht eingestandenen Analphabetismus gedemütigt fühlt, auch die bei Psychopathen beobachteten Ausbrüche impulsiven, mitleidlosen Zorns, doch vermutlich ist sie nicht intelligent genug, um das Vollbild des Psychopathen zu erfüllen. Des Psychopathen, der mittels der Darstellung von Gefühlen, mit Tricks und vielen schönen Worten das Leben anderer Menschen in seinem Sinne manipuliert und oft zerstört - oder zumindest beschädigt.

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