Düfte haben in der Weihnachtszeit Hochkonjunktur: Auf dem Weihnachtsmarkt verströmt der Lebkuchen den Duft von Orangeat und Zitronat, der Duftölstand nebenan ist eingehüllt in Wolken von Lavendel und Rosenaroma und zu Hause bringt man mit Bergamotte in der Duftlampen gute Stimmung in den dunklen Abend.
Ebenfalls im Angebot: Duftkerzen, die nach Zimt, Bratapfel, Nelken und Vanille riechen. Düfte wecken Assoziationen, Gefühle und Erinnerungen und beeinflussen die Gemütslage direkt im limbischen System unter Umgehung der für die bewusste Wahrnehmung zuständigen Gehirnareale. Die Aromen von Zitrusschalen und -blüten oder Lavendel beispielsweise entspannen, lösen Ängste und helfen beim Einschlafen. Rosenduft festigt die Erinnerung an neu Gelerntes, wenn er das Lernen und den anschließenden Schlaf begleitet, haben Studien gezeigt.
Pflanzen bilden ätherische Öle, um sich vor natürlichen Feinden wie Insekten, Bakterien oder Pilzen zu schützen. Diese flüchtigen Aromastoffe sind vor allem in Blüten und Blättern von Pflanzen enthalten, sie beeinflussen Duft, Geschmack und Heilwirkung.
Wie bei Lebensmitteln unterscheidet man zwischen naturreinen, natur-identischen und synthetischen Ölen. Letztere bestehen aus im Labor konstruierten Molekülen, die es in der Natur nicht gibt. Die naturidentischen werden im Labor aus Stoffen zusammen-gemischt, die in der Natur vorkommen. Naturreine Öle werden durch schonende Verfahren aus reinem Pflanzenmaterial gewonnen. Nur sie sollten in der Therapie angewendet werden.
"Bergamotte ist der Luftikus unter den Anti-Stress-Ölen und hat sich als wahrer Lichtbringer für trübe Stunden erwiesen", erklärt Hanns Hatt, Zellbiologe und Riechforscher der Ruhr-Universität Bochum. "Untersuchungen der Universität Mailand ergaben, dass es antidepressiv und angstlösend wirkt."
Empfindlichstes Organ
Doch auch für Düfte gilt: Die Dosis macht das Gift. Zu hohe Konzentrationen können Kopfschmerzen und Übelkeit hervorrufen. "Unsere Nase gehört zu den empfindlichsten Sinnesorganen, ein Molekül reicht meist aus, eine Riechzelle zu erregen", sagt Hatt. "Man braucht nicht diese Riesenmengen von Duftstoffen, die in den ätherischen Ölen in die Duftlampen gekippt werden und dann noch so lange über Feuer erhitzt werden, bis alles eingedampft und verkokelt ist und der Rauch aufsteigt."
Außerdem hat das Zuviel an Düften, die Duftcocktails, die uns inzwischen überall umgeben wie die Hintergrundmusik im Restaurant oder Kaufhaus, die Zahl der Duftallergiker in die Höhe schnellen lassen. Zehn Prozent aller Bundesbürger sind gegen Düfte allergisch, das wird nur noch von der Nickelallergie übertrumpft. Daher empfiehlt das Umweltbundesamt, öffentliche Räume nicht künstlich zu beduften, um unangenehme Gerüche zu überdecken oder Appetit und Kauflust zu wecken.
Viele der Düfte, die uns tagtäglich umgeben, erreichen unser Gehirn, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Auch unterhalb der Wahrnehmungsgrenze können Gerüche messbare Reaktionen auslösen wie eine Veränderung der Herz- und Atemfrequenz, des Hautwiderstands oder der Hormonausschüttung. Das macht uns empfänglich für Manipulation, zum einen mit Düften, die wir nicht riechen.
Zum anderen können uns Düfte etwas vorgaukeln, das gar nicht vorhanden ist, wie der "Neuwagenduft", Kaffeegeruch am Verkaufsregal oder der Duft der roten Pampelmuse, der laut dem amerikanischen Neurologen Alan Hirsch Frauen in den Augen des Mannes sechs Jahre jünger erscheinen lässt.
"Wir sind dem schutzlos ausgesetzt, weil wir das Riechen nicht abstellen können: Solange wir atmen, riechen wir", erläutert Hatt. Einerseits blickt die Aromatherapie auf eine uralte Tradition zurück. "Es gibt auch klinische Erfahrungswerte", meint Hatt. "Man wird einen Patienten am Abend nicht in ein Rosmarinbad setzen, das ihn wach, munter und aktiv macht, sondern in ein Melissebad."
Wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über Düfte und ihre Wirkung gibt es jedoch relativ wenige. "Die Wissenschaft beschäftigt sich erst seit ein paar Jahren mit den molekularen Prozessen, durch die wir zwischen dem Duft einer Rose und einer vollen Windel unterscheiden können."
Allerdings solle man sich vor Aromatherapiebüchern hüten, meint der Duftforscher, die vom Hühnerauge bis zum Haarausfall einen Duft bereithalten, dafür gäbe es überhaupt keine wissenschaftlichen Grundlagen. "Wer wissenschaftliche Aromatherapie betreiben will, muss sich klar von Esoterik distanzieren und statistische Methoden der Naturwissenschaft anwenden", betont auch Gerhard Buchbauer, emeritierter Pharmakologe der Universität Wien, der die Wirkung von Riechstoffen in einer Vielzahl von Studien belegt hat.
Dass Düfte unbewusst beispielsweise im Schlaf wirken, zeigen unter anderem die Experimente des Lübecker Hirnforschers Björn Rausch. Er ließ Versuchsteilnehmer bei Rosenduft etwas lernen und schickte sie dann ins Bett. Ein Teil von ihnen wurde in der Tiefschlafphase mit dem Rosenduft umweht, die anderen schliefen in einem geruchsfreien Raum. Anschließend erinnerte sich die Bedufteten an 97 Prozent des Gelernten, die aus dem duftfreien Raum schafften nur 85 Prozent.
Riechforscher Hatt konnte im Schlaflabor nachweisen, dass Düfte nicht nur die Herz- und Atemfrequenz sondern auch Träume beeinflussen. Er setzte männliche Schläfer dem Geruch von Fäkalien, Orange oder einem weiblichen Duft, einer Mischung aus Achselschweiß und Vaginalsekret, aus. "Der Fäkaliengeruch beeinflusste die Trauminhalte signifikant negativ", berichtet Hatt. "Unter dem weiblichen Duft wurden die Trauminhalte deutlich positiver, so wie beim Orangenaroma - allerdings auch nicht besser."
Duftmoleküle werden nicht nur in der Atemluft durch Nase und Mund sondern auch über die Haut aufgenommen, zeigen Versuche von Eva Heuberger, Buchbauers Kollegin an der Universität Wien. Während sie ihren Probanden Lavendelöl auf die Hautoberfläche rieb, atmeten diese durch eine Atemmaske Frischluft ein. Schon nach ein bis zwei Minuten waren die Inhaltsstoffe Linalool und Linalylacetat im Blut messbar. Das Blut verteilt Duftmoleküle im ganzen Körper bis hinauf ins Gehirn, wo sie ihre entspannende, angstlösende oder anregende Wirkung entfalten können. Buchbauer konnte in Versuchen mit Mäusen verschiedene Duftstoffe in der Gehirnrinde nachweisen, was zeigt, dass die Moleküle in der Lage sind, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren.
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