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26. Januar 2016

Artenschutz: Den Appetit auf Fisch zügeln

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Beim Thema Thunfisch heißt es genau hinzuschauen. Hier beispielsweise liegt ein Roter Thun auf dem Markttisch. Er steht auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.  Foto: REUTERS

Viele beliebte Arten sollten nicht auf dem Teller landen, mahnen die Umweltschutzorganisationen Greenpeace und WWF. Bedroht sind durch die verschiedenen Fangmethoden nicht nur Fischarten, sondern auch andere Meeresbewohner.

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Fisch gilt als gesundes Lebensmittel. Er versorgt den Körper mit wichtigen Nährstoffen, ist ein guter Eiweißlieferant, leicht verdaulich und meist mager – und wenn nicht, dann eigentlich umso besser: Denn gerade fette Fische wie Lachs oder Hering sind reich an Vitamin D und den hochwertigen Omega-3-Fettsäuren, die vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen sollen.

Mit gutem Gewissen lässt sich gleichwohl nicht jeder Meeresbewohner verzehren; zumindest dann nicht, wenn man nicht nur das eigene Wohl im Blick hat. Denn laut der Welternährungsorganisation FAO sind 61,3 Prozent der globalen Speisefischbestände bereits bis an die Grenze genutzt, 28,8 Prozent sogar überfischt oder erschöpft.

Außerdem bedrohen die verschiedenen Fangmethoden der industriellen Fischerei nicht allein jene Arten, die später auf dem Teller landen, sondern auch andere Lebewesen, die sich als Beifang in den Netzen verheddern. Fische, darunter auch Haie, Vögel, Schildkröten und sogar Wale sterben auf diese Weise einen qualvollen Tod, ihre Gesamtmenge macht nach Angaben von Greenpeace weltweit bis zu 30 Tonnen pro Jahr aus. Besonders großen Schaden richten Grundschleppnetze an, die zur Jagd auf tief unten lebende Fische eingesetzt werden und nicht nur den Meeresboden aufwühlen, sondern auch Lebensraum zerstören.

Aber auch Aquakulturen stellen oft keine wirkliche Alternative für umweltbewusste Verbraucher dar: Häufig würden die Zuchttiere mit großen Mengen an wilden Fischen gefüttert, kritisiert Sandra Schöttner, Meeresexpertin bei Greenpeace. Das löse nicht das Problem der Überfischung im Meer, sondern verstärke dieses „drastisch“.

Zudem sei in den Anlagen der Einsatz von Antibiotika und Pestiziden verbreitet, die sich dann nicht alleine in den dort gehaltenen Tieren anreichern, sondern auch ins offene Meer gelangen. Nicht selten gelänge es den Fischen zudem, aus den Käfigen auszubrechen, sagt Philipp Kanstinger, Fischexperte bei der Umweltorganisation WWF. Und erst einmal in Freiheit, könnten die Zuchttiere dann zu einer Gefahr für den Bestand der natürlicherweise im Meer lebenden Fische werden.

Doch bei welchen Arten können Verbraucher noch bedenkenlos zugreifen? Bei der Orientierung können die Fischratgeber von Greenpeace und WWF helfen. Die beiden Organisationen kommen allerdings nicht bei allen Arten zu den exakt gleichen Einschätzungen. Der Greenpeace-Ratgeber ist in der vergangenen Woche in einer aktualisierten Auflage erschienen, die Grundlage für die Bewertung von rund 115 Arten bildete nicht allein der Zustand der Fischpopulationen, auch die Umweltauswirkungen der jeweiligen Zucht- und Fangmethoden flossen ein.

Das Ergebnis klingt ernüchternd: Uneingeschränkt zu verspeisen ist demnach lediglich der Karpfen, „überwiegend vertretbar“ soll auch noch der Genuss von Hering und Wels sein, „jedoch mit Ausnahmen“. So sei Vorsicht geboten, wenn Hering aus bestimmten Fanggebieten im Nordost- oder dem Nordwestatlantik stamme, erholt habe sich der Bestand hingegen in der zentralen und östlichen Ostsee, erklärt Sandra Schöttner. WWF-Experte Kanstinger sieht auch den Bestand in der Nordsee als „sehr gut“ an. Beim afrikanischen Wels sollten Tiere aus Aquakulturen in Deutschland, den Niederlanden, Ungarn, Brasilien, Thailand, Vietnam und Niger nicht gekauft werden.

Heringe kommen in der Nord- und Ostsee und im gesamten Nordatlantik vor.  Foto: istock

In jedem Fall tabu sollten nach Ansicht von Greenpeace und WWF Aal und Rotbarsch sein. Der Bestand an Aalen sei auf einem „historischen Tiefstand“, heißt es beim WWF. Neben der Fischerei stehen auch die globale Erwärmung, der Zustand der Flüsse und aggressive Parasiten in Verdacht, die Art an den Rand des Aussterbens zu bringen, sagt Philipp Kanstinger.

Bei Rotbarschen wiederum schlage eine Dezimierung des Bestands auch deshalb besonders schlimm zu Buche, weil die Tiere erst mit etwa 13 Jahren geschlechtsreif werden. Außerdem, so Sandra Schöttner, lebten die hauptsächlich im Nordatlantik vorkommenden Tiere nah am Meeresboden – wo die zum Fang benutzten Grundschleppnetze großen Schaden an den Kaltwasser-Korallenriffen anrichten könnten. Zu den ausnahmslos als „rot“ eingestuften Arten gehört bei Greenpeace auch die Makrele in allen bewerteten Fanggebieten, der WWF hingegen sieht regionale Unterschiede und hätte etwa mit einer Herkunft aus dem Nordost-Atlantik keine Probleme.

Bei anderen beliebten Speisefischen gilt es, bei Herkunft und Unterarten genau hinzuschauen, weil bei ihnen keine pauschalen Aussagen zu treffen sind: So sollten Forellen – gleich, ob im Süßwasser oder im Meer beheimatet – laut beiden Fischratgebern nur dann gekauft werden, wenn sie aus zertifizierten Aquakulturen in Europa stammen. Bei Wildfang sollten Verbraucher hingegen nicht zugreifen.

Auch Lachs ist nicht gleich Lachs, alleine die verschiedenen Begrifflichkeiten können hier bei Laien für Verwirrung sorgen: Der Alaska-Seelachs etwa gehört gar nicht zur Familie, sondern ist vielmehr ein Verwandter des Kabeljaus. Der „echte“ Lachs zählt zur Gruppe der Wanderfische, die die meiste Zeit im Meer leben und zum Laichen zurück in jene Süßwasserflüsse ziehen, wo sie einst geschlüpft sind.

Viele Populationen sind wegen des weltweiten Appetits auf Lachs, aber auch durch die Zerstörung des Lebensraums in den Flüssen stark zurückgegangen. Bei Tieren aus Aquakulturen raten die Umweltschützer allerdings gleichfalls zur Vorsicht. Die Zuchtsysteme hätten eine direkte Verbindung zu Meer, erklärt Sandra Schöttner – und das bringt gleich mehrere negative Begleiteffekte mit sich: Pestizide und Antibiotika belasten auf diese Weise das gesamte Ökosystem, auch Futtermittelreste und Ausscheidungen gelangen ins Meer und können dort eine Überdüngung bewirken, ausgebrochene Zuchttiere paaren sich mit ihren wild lebenden Verwandten und verändern den natürlichen Genbestand. Vor allem Zuchtanlagen in Norwegen und Chile sieht die Greenpeace-Wissenschaftlerin als sehr kritisch an.

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