Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wissen
Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

02. Mai 2011

Bakterientherapie: Mit Fäkalien heilen

 Von Sebastian Amaral Anders
Gesunde Darmflora, darunter Lactobacillus reutteri (rot) und Eubakterien (grün) und andere Keime.  Foto: Bärbel Stecher/ETH Zürich

Wer eine kaputte Darmflora mit dem Kot anderer Menschen kurieren will, geht ein Risiko ein. Das sagen deutsche Experten zu aktuellen US-Studien.

Drucken per Mail

Die Therapie klingt so einfach wie ekelerregend. Und sie lässt Menschen, die von chronischem Durchfall geplagt sind, neue Hoffnung schöpfen. US-Ärzte behandeln Durchfall-Patienten, indem sie ihnen Fäkalien gesunder Menschen übertragen. Im Journal of Clinical Gastroenterology bejubeln Studien Heilungsraten von 90 bis 100 Prozent durch die Verpflanzung von Stuhl gesunder Spender direkt in den Dickdarm betroffener Patienten.

Der Haken an der Sache: In einer Studie wurde der Therapieerfolg bei zehn Probanden festgestellt, in einer anderen bei zwölf. Dennoch ruft der Chefredakteur des Magazins, Martin Floch, bereits die große Stunde der fäkalen Bakterientherapie aus.

Für Menschen, in deren Darm sich das Bakterium Clostridium difficile breitgemacht hat, klingen die Nachrichten von den Therapieerfolgen wie eine Verheißung. Das Clostridium-Bakterium, ein sich in Krankenhäusern und Altenheimen immer stärker ausbreitender Keim, verdrängt nach einer Infektion rasant die normalen Bakterien im menschlichen Darm, die dort Nahrung zersetzen, Krankheitserreger abwehren und Vitamine herstellen. Stattdessen produziert das Bakterium Gifte, die Darmzellen zerstören und die Salzaufnahme im Darm behindern. Die Folge: chronischer Durchfall, der gerade bei älteren und geschwächten Patienten lebensbedrohlich sein kann.

Meist nutzt der Keim die Gelegenheit zum Kapern, wenn die natürlich im Darm vorhandenen Bakterien etwa durch die Einnahme von Antibiotika zu großen Teilen abgestorben sind. In den Lücken breitet sich Clostridium aus und übernimmt das Kommando. Die normale Darmflora des Betroffenen hat kaum noch eine Chance, die alte gesunde Bakterienstruktur wieder herzustellen.

Mediziner warnen vor der Selbstbehandlung

Hier setzt die fäkale Bakterientherapie an. Erste Studien zeigen, dass nach der Übertragung von Stuhl eines gesunden Spenders in den erkrankten Darm die gespendeten Bakterien den Keim weitgehend verdrängen und sich eine Bakterienstruktur entwickelt, die der des Spenders annähernd gleicht, zumindest aber stark ähnelt. Die Methode zur Stuhltransplantation ist so einfach, dass inzwischen sogar Anleitungen zum Selbermachen im Internet kursieren.

Manche Patienten scheuen sich offenbar nicht, sich mittels Einlaufbeutel eine Mischung aus einer Kochsalzlösung und gespendetem Stuhl selbst zu verabreichen, um ihre danieder liegende Darmflora wiederherzustellen. Betroffene berichten von Heilungserfolgen in wenigen Tagen, nachdem sie jahrelang erfolglos versucht haben, das Clostridium-Bakterium mit Antibiotika zu bekämpfen.

Führende deutsche Gastroenterologen dagegen sehen die neue Therapie äußerst kritisch. Professor Markus M. Lerch, Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Greifswald und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten hält die Übertragung von Spender-Stuhl für „höchst problematisch“.

Aus zwei Gründen: Zum einen gebe es sehr viele verschiedene Bakterien im Darm. Derzeit könne man rund 1700 unterschiedliche Bakterien nachweisen, vermutlich seien es sogar sehr viel mehr. „Es gibt Hinweise, dass diese hochgradig individuelle Zusammensetzung wichtig für den Stoffwechsel ist“ und für Erkrankungen wie Fettleibigkeit, Diabetes, Gallensteine oder Fettleber bestimmend sein könnte, sagt Lerch.

Zum anderen gibt Lerch rechtliche Aspekte zu bedenken: „Was passiert, wenn ein Arzt gespendeten Stuhl transplantiert, der Viren oder Krankheiten verursachende Bakterien enthält?“ Man könne schlicht nicht wissen, was im transplantierten Stuhl alles enthalten sei. Bei Tausenden Bakterien im Darm, die zum großen Teil auch in den Stuhl übergehen, könnte quasi jede bakterielle Erkrankung über den Einlauf den Weg zum hilfesuchenden Patienten finden. Für Viren gilt dasselbe.

Zudem hegt der Gastroenterologe Zweifel daran, dass eine geringe Menge Spender-Stuhl die von Mensch zu Mensch individuelle Darmflora nachhaltig verändern kann. Nach einer Antibiotika-Therapie etwa, die einen Großteil der natürlich vorhandenen Bakterien abtötet, braucht der Körper vier bis acht Wochen, dann ist die gleiche Zusammensetzung von Bakterien wie vor der Behandlung wieder da. Lerchs Fazit: „Die beschriebene Therapie ist nicht mehr als ein individueller Heilversuch für Patienten in einer verzweifelten Situation.“

Vor allem vor der Selbstbehandlung warnen Mediziner eindringlich. Andreas Stallmach, Gastroenterologe an der Uniklinik Jena, rät davon ab, noch bevor die Ursache des Durchfalls ermittelt wurde, gleich zum Einlaufbeutel zu greifen. „Die Diagnose muss immer der erste Schritt sein“, sagt Stallmach. Im schlimmsten Fall könne etwa ein Dickdarmtumor die Ursache für den Durchfall sein, der bei einer Eigentherapie unentdeckt bliebe.

Lebens- und Essgewohnheiten des Spenders wird übernommen

Den Erfolgsmeldungen aus den USA setzt Stallmach entgegen, dass es bislang keine kontrollierten Studien zum Heilungseffekt der Fäkaltherapie gebe und bringt einen Placebo-Effekt ins Spiel. „Je plausibler so eine Therapie dem Patienten erscheint, desto größer kann so ein Effekt sein.“

Die Kritik der Ärzte bedeutet indes nicht, dass der Ansatz abwegig wäre, mittels einer Zuführung von Bakterien direkt in den Darm die Bakterienzusammensetzung eines Betroffenen zu verändern. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir in fünf bis sieben Jahren Therapieformen haben, die die Darmflora auf ähnliche Weise beeinflussen“, sagt Lerch, der sich allerdings nicht recht für die Experimentierfreude seiner US-Kollegen erwärmen kann. „Eine Therapie sollte mit definierten, als Arzneimittel hergestellten Bakterienkulturen ablaufen und nicht mit gespendetem Stuhl.“

Welch große Bedeutung der Darmflora im menschlichen Organismus zukommt, heben Mediziner in den vergangenen Jahren immer deutlicher hervor. Im Darm tummeln sich zehnmal mehr Bakterien, als der gesamte Körper Zellen hat, insgesamt kommen sie auf bis zu zwei Kilogramm Gewicht. Um zu zeigen, welchen Einfluss sie auf Körperfunktionen haben, zitiert Lerch eine Studie mit Mäusen, die der US-Mikrobiomforscher Jeffrey Gordon gemacht hat. In einer seiner berühmtesten Untersuchungen hat Gordon den Zusammenhang zwischen Darmflora und Körpergewicht erforscht – und erstaunliche Zusammenhänge festgestellt. Bestimmte Bakterien verwerten Nahrung offenbar besonders gut und versorgen den Körper daher teilweise sogar im Übermaß. Übergewicht ist die Folge.

Im Grunde nahm Gordon, um das nachzuweisen, auch bei seinen Mäusen eine Art Stuhltransplantation vor. Zunächst hielt er eine Gruppe von Mäusen absolut keimfrei. Diese Gruppe legte kaum an Gewicht zu, obwohl sie genauso viel Futter bekam, wie die andere Mäuse-Gruppe, deren Darm mit Bakterien besiedelt war. Als Gordon den keimfreien Mäusen eben diese Bakterien einpflanzte, waren sie in wenigen Wochen genauso dick wie die Spender.

In seiner jüngsten Studie ist es Gordon nun erstmals gelungen, die Darmflora von zwei Probanden im Labor nachzuzüchten. Dem US-Wissenschaftler und seinem Team gelang es bei dem Versuch auch, einzelne Bakterienarten der Labor-Darmflora voneinander zu trennen. „Wir haben jetzt die Möglichkeit, herauszufinden, welche Bakterien welchen Einfluss auf die Gesundheit haben“, sagt Gordon.

Die Mäuse-Episode ist nur ein Beispiel dafür, wie Darmbakterien die Gesundheit beeinflussen können. Mit Probiotika versetzte Joghurts zu essen ist nichts anderes als der Versuch, die Darmflora in eine gewünschte Richtung zu bringen. Leider kommen wenige Bakterien am Zielort an, wenn sie vorher durch den Magen gehen müssen.

„Wir finden zunehmend Hinweise darauf, dass die Darmflora wichtig für den Stoffwechsel ist“, sagt Lerch. Auch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa spiele die Zusammensetzung von Bakterien im Darm eine zentrale Rolle, sagt Lerch.

Wie die Darmflora zusammengesetzt ist, hängt in erster Linie von äußeren Faktoren ab. Bis zur Geburt ist der menschliche Darm keimfrei, erst danach siedeln sich Bakterien an. Von Anfang an entwickelt sich Studien zufolge eine sehr individuelle Bakterienstruktur, Ärzte sprechen von einem „individuellen Fingerabdruck“ von Bakterien, mit denen der Mensch in einem symbiotischen Verhältnis lebt.

Zwar ist die Ähnlichkeit der Bakterienstruktur bei Familienmitgliedern etwas größer, entscheidend aber ist die Ernährung. Wer sich etwa nur von Fast Food ernährt, kultiviert eine völlig andere Darmflora, als ein Rohkost-Fan. Eine fett- und kohlenhydratreiche Ernährung steht dringend im Verdacht, die Vermehrung jener Bakteriengattung zu fördern, die besonders gut Nahrung verarbeitet – und ihren Wirt dick macht.

Wer sich dafür entscheidet, sich Fäkalien eines anderen Menschen transplantieren zu lassen, bekommt demnach eine Bakterienkultur eingepflanzt, die sich über Jahrzehnte an die Lebens- und Essgewohnheiten des Spenders angepasst hat. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Journal of Clinical Gastroenterology: DOI:10.1097/MCG.0b013e3181e1d6e2Jeffrey Gordons Studien: DOI: 10.1073/pnas.1102938108 DOI: 10.1073/pnas.0602187103

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung.

Gesundheitsgefahr

Pflanzengift in Kräutertee nachgewiesen

Als gesundheitlich bedenklich wurden bei einer Laboranalyse vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees eingestuft.

Bei einer Laboranalyse im Auftrag des NDR wurden in einer Stichprobe in vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees sogenannte Pyrrolizidinalkaloide entdeckt. Diese sollen krebserregend sein und auch Leberschäden verursachen.  Mehr...

Nordsee und Ostsee

Plastikmüll in Speisefischen

Auch der Kabeljau gehört zu den belasteten Arten.

Wissenschaftler finden in Speisefischen aus der Nord- und Ostsee Reste von Plastikmüll. Für Fischkonsumenten hat das nach Angaben des Studienleiters "wahrscheinlich keinerlei Auswirkungen". Mehr...

Videonachrichten Wissen
Schutz der Ozonschicht
Das Nasa-Satellitenfoto dokumentiert die Größe des Ozonlochs über der Arktis im Winter 1999/2000. Je dunkler das Blau, desto dünner die Ozonschicht.

Was ist Ozon? Wofür ist Ozon wichtig? Und wie groß ist derzeit das Ozonloch? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es hier.

Anzeige

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.