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03. Dezember 2014

Bangladesch: Zu wenig Schutz

 Von Verena Kern
Ein „Cyclone Shelter“ – von denen es in vor allem in den Küstenregionen viel zu wenige gibt.  Foto: Norbert Neetz/epd/Brot für die Welt

In Bangladesch fehlt das Geld, um Hochbunker als Zufluchtsorte bei Überschwemmungen zu bauen. Durch die Erderwärmung werden Stürme künftig noch häufiger auftreten und noch verheerender ausfallen.

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In den Stunden, bevor ein Zyklon auf Bangladeschs Küste trifft, hängt alles an einem Stück roten Stoff und einem Megafon. Dass ein Sturm kommen wird, ist längst unübersehbar. Er kündigt sich an mit heftigen Regenfällen, starker Wind peitscht übers Land, die 200 mächtigen Salzwasserflüsse, die die Region durchschneiden, sind über die Ufer getreten, das Wasser steht knöchelhoch. Noch ist für die Küstenbewohner nicht klar, welche Wucht der Sturm mitbringen wird. Ob er sich zu einem Zyklon auswächst. Mit Windgeschwindigkeiten von 200 Stundenkilometern und Flutwellen von der Größe von Hochhäusern.

Wie groß die Gefahr wirklich ist, steht erst in dem Moment fest, wenn die Fahrzeuge des Cyclone Preparedness Program durch die Dörfer fahren. Mit einer roten Fahne auf dem Dach. Und mit einem Megafon ausgerüstet. „Leave this area now!“, lautet die Warnung der Katastrophenhilfe, die von Bangladeschs Regierung und dem Roten Halbmond gemeinsam getragen wird. Bringen Sie sich jetzt in Sicherheit! Um sich und seine Habseligkeiten zu retten, bleiben dann noch einige Stunden. Vorausgesetzt, es gibt in erreichbarer Nähe ein stabiles Gebäude, das Schutz bieten kann: ein sogenannter Cyclone Shelter.

Die Zyklonsaison ist im Golf von Bengalen grenzenlos. Stürme können sich das ganze Jahr hindurch bilden. Dass sie sich zum Zyklon entwickeln, ist vor und nach der Regenzeit am wahrscheinlichsten, im Frühjahr und im Herbst. 500 Zyklone wurden in den vergangenen 100 Jahren in der Region gezählt, 17 Prozent trafen das kleine Bangladesch. Auf einer Fläche, die nicht einmal halb so groß ist wie die Bundesrepublik, drängen sich 160 Millionen Menschen, rund ein Viertel davon in der Küstenregion. Wirbelstürme treffen in dem am dichtesten besiedelten Land der Welt immer viele Millionen.

Durch die Erderwärmung werden Stürme künftig noch häufiger auftreten und noch verheerender ausfallen, warnt der Weltklimarat IPCC in seinem aktuellen Sachstandsbericht. „Tod und Zerstörung von Lebensgrundlagen durch Fluten und Stürme“ ist eines der acht globalen Schlüsselrisiken, das die Wissenschaftler identifiziert haben. Zu den am schwersten betroffenen Ländern weltweit gehört Bangladesch.

Zyklone können hier schnell Katastrophen auslösen, denn das Land ist durch die Folgen des Klimawandels längst geschwächt. Der Anstieg des Meeresspiegels lässt Boden und Grundwasser versalzen, Erosion und der Verlust landwirtschaftlich nutzbarer Flächen sind allgegenwärtig. Dazu kommt in der ländlichen Küstenregion eine schwache Infrastruktur. Häuser sind meist aus Holz und Bambus gebaut, mit Dächern aus Wellblech, die ein Sturm losreißen kann.

Frauen stehen Schlange an einem Brunnen, weil das Grundwasser oft versalzen ist.  Foto: Verena Wagner

Als unmittelbare Schutzmaßnahme setzt das Land auf Cyclone Shelter: Hochbunker, massive, auf Stelzen gebaute Betonhäuser. In vielen Dörfern sind sie die einzigen stabilen Gebäude, die einem Sturm standhalten können. 3777 solcher Shelter gibt es inzwischen nach offiziellen Angaben. „Das ist immer noch viel zu wenig“, sagt Jahangir Hasan Masum von der Umweltorganisation Coastal Development Partnership mit Sitz in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Und er rechnet vor: Bei einer Küstenbevölkerung von mindestens 35 Millionen gibt es derzeit nur einen Hochbunker für jeweils 10 000 Menschen. Gebraucht würde aber die zehnfache Zahl. „Selbst ein großer Shelter bietet höchstens 1000 Menschen Platz“, sagt Masum. Mit anderen Worten: Für 90 Prozent der Küstenbevölkerung existiert bislang kein Schutzraum.

Doch um weitere Shelter zu bauen, braucht Bangladesch Unterstützung. Zwar kann das Entwicklungsland seit einigen Jahren ein konstant hohes Wirtschaftswachstum von fünf bis sechs Prozent aufweisen und will in der nächsten Dekade zu einem middle-income country aufsteigen. Derzeit beläuft sich der Staatshaushalt Bangladeschs allerdings bloß auf knapp 28 Milliarden Dollar – kaum mehr als das Land Berlin zur Verfügung hat. Schon der Bau der bisherigen Schutzräume war größtenteils nur mit internationaler Hilfe möglich. Durchschnittlich 200 000 Dollar sind nötig, um einen Cyclone Shelter zu errichten.

Mit dem Grünen Klimafonds der UNO soll künftig mehr Geld zur Verfügung stehen. Geld, das von den Industriestaaten als Hauptverursachern des Klimawandels an die Entwicklungsländer fließen soll. Sie sind am stärksten von den Folgen der Erderwärmung betroffen, haben aber am wenigsten zu dem Problem beigetragen.

Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 legten sich die Industriestaaten erstmals darauf fest, „gemeinsam 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr ab 2020 für die Entwicklungsländer mobilisieren zu wollen“. Nun sind auf einer Geberkonferenz vergangene Woche in Berlin knapp zehn Milliarden Dollar zusammengekommen. Größter Geber unter den 22 Staaten, die bisher eingezahlt haben oder dies zumindest ankündigten, sind die USA mit drei Milliarden Dollar. Deutschland will eine Milliarde aufbringen.

Ein älterer, bereits heruntergekommener Bunker.  Foto: Screenshot/kra

100 Milliarden Dollar pro Jahr – das hört sich nach viel Geld an. Doch bei genauer Betrachtung kommen die Industrieländer damit ziemlich gut weg. Im Vergleich dazu ist die Entwicklungshilfe, die sie leisten, mit 132 Milliarden Dollar im Jahr 2013 fast üppig. Dabei entspricht diese Summe nur 0,29 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. Nach Berechnungen des Stockholm Environment Institute wären sogar 600 Milliarden Dollar nötig, damit die ärmsten Staaten der Welt eine nachhaltige Klimapolitik finanzieren können.

„Es gibt auch eine schleichende Katastrophe“, warnt Md Shamsuddoha von der Entwicklungsorganisation Center for Participatory Research and Development in Dhaka. Bangladesch setze bislang zu sehr auf Politikkonzepte und Maßnahmen, die sich auf plötzliche Katastrophen wie Zyklone beziehen, kritisiert der Ozeanologe, der Bangladeschs Regierung bei der Klimapolitik berät. „Das ist zu wenig.“ Man müsse sich um die langfristigen Folgen kümmern. Und auch das kostet.

So wie in Gabura im Südwesten Bangladeschs. In der Region, die von dem verheerenden Zyklon Aila 2009 besonders schwer getroffen wurde, ist gerade ein neuer Shelter gebaut worden. Die Spuren der Verwüstungen durch Aila sind aber bis heute zu sehen. versalzene Felder, ausgehöhlte Böden, tote Bäume und Hütten, die nur notdürftig repariert wurden. Nach wie vor stehen Teile der Küstenregion unter Wasser. Viele Felder sind landwirtschaftlich nicht mehr nutzbar, das Grundwasser ist zu salzig, das Haushaltseinkommen vieler Familien ist drastisch gesunken, eine massive Landflucht hat eingesetzt. Gegen diese Probleme ist mit Beton nicht anzukommen.

Verena Kern ist Redakteurin beim Online-Magazin klimaretter.info, mit dem die FR in einer Kooperation ihre Berichterstattung zu den Themen Klima und Umwelt auf den Seiten Wissen & Campus ausbaut.

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