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Bayern: "Guten Schülern wird Abitur vorenthalten"

Pisa nützt, auch wenn die Ergebnisse selten überraschen, sagt Bildungsforscherin Heike Solga: Es sagt uns, dass wir unsere Hausaufgaben nicht machen.

Lernen macht hier weniger Spaß, das System ist rigide und lässt wenig Freiräume.
Lernen macht hier weniger Spaß, das System ist rigide und lässt wenig Freiräume.
Foto: dpa

Frau Professor Solga, sind Sie schon aufgeregt? Nein, warum?

Weil heute doch die Ergebnisse des neuen Pisa-Ländervergleichs veröffentlicht werden.

Das ist kein Grund zur Aufregung, denn die Hoffnung, dass sich schnell etwas ändert, ist eher gering. Ich kann nicht erkennen, dass die Politik massiv auf die Bildungsarmut reagiert.

Könnte Ihre Gelassenheit damit zu tun haben, dass Sie ohnehin schon wissen, was herauskommt - auch wenn diesmal keiner geplaudert hat?

Natürlich. Wir haben immer noch ein Viertel oder ein Fünftel Risikoschüler, meist Hauptschüler, die nicht einmal oder maximal die Kompetenzstufe eins schaffen. Wir haben weiter große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Der Skandal ist doch, dass trotzdem seit acht oder zehn Jahren nichts passiert.

Woran liegt's?

Politik und Wissenschaft wissen, was zu tun ist. Wenn man Studien wie Pisa ernst nimmt, geht es darum, Lernmilieus zu schaffen, in denen Lernen Freude macht. Und das sind nicht die Schulen, die einem nach Klasse vier sagen, ob man dumm oder schlau ist. Natürlich weiß die Politik, dass die Gemeinschaftsschule die Lösung ist. Aber dann heißt es immer, die sei nicht durchsetzbar.

Wer blockiert denn die Gemeinschaftsschule?

Politiker, die wiedergewählt werden wollen, Eltern, die ihre Privilegien sichern, Lehrer, die ihr Gehalt behalten wollen. Schließlich verdienen Gymnasiallehrer deutlich mehr als Grund- oder Hauptschullehrer. Außerdem würden sich die Arbeitsbedingungen von Lehrern in der Gemeinschaftsschule stark verändern.

Was bringt die Gemeinschaftsschule?

Der Hauptschulabschluss reicht nicht mehr. Ich bin der Meinung: Als Ziel müssten wir uns setzen, dass möglichst alle Schüler mindestens mit dem Realschulabschluss von der Schule abgehen.

Viele Jugendliche haben aber gar keinen Abschluss. . .

Etwa acht Prozent jedes Jahr, das sind etwa 76 000 Schüler. Davon kommen 40 Prozent aus Sonderschulen. Ein hausgemachtes Problem. Denn in sechs Bundesländern ist in der Sonderschule gar kein Abschluss vorgesehen.

Wenn Sie einen Tag lang Herrscherin sein und mal eben das Bildungssystem neu gestalten dürften. Was würden Sie tun?

Man kann ja nicht an einem Tag ein Bildungssystem umbauen. Aber ich würde die Macht nutzen, das System auf die richtige Spur zu setzen, so dass es in zehn Jahren da ist, wo wir hin wollen: Hin zur Gemeinschaftsschule, und zwar bis Klasse zehn. Ich würde die Lehrerausbildung massiv verändern. Viele Lehrer haben gar keine Idee davon, dass sie an der sozialen Ungleichheit mitarbeiten. Sie müssten mehr über Elternarbeit lernen. Es sollte keine Unterscheidung mehr zwischen den Schularten geben: Alle Lehrer müssten alles unterrichten können - Kinder eben, und nicht Schülergruppen. In den Grund- und Hauptschulen müsste es massiv Förderunterricht geben.

Bayern ist bei Pisa ja immer vorn. Warum machen es nicht einfach alle so wie die Bayern?

Weil wir dann einen Teil der Hochschulen schließen müssten. Bayern pflegt sein elitäres System. Denn in Bayern machen bloß rund 37 Prozent der Jugendlichen Abitur, anderswo sind es zum Teil 45 Prozent und mehr. In Bayern geht es sozial total ungerecht zu. Guten Schülern wird das Abitur vorenthalten.

Warum ist Bayern bei Pisa dann so gut? Da geht es doch auch um soziale Ungerechtigkeit?

Weil in Bayern auch Kinder aus der unteren Mittelschicht die Hauptschule besuchen. Sie ist dort noch keine soziale Grenze.

Wenigstens bei der Ganztagsschule geht es ja hie und da voran. Inwiefern hilft sie den schwachen Schülern?

Die Politik tut sich da leichter, weil die Ganztagsschule auch berufstätigen Mittelschichtsmüttern hilft. Leider ist die Ganztagsschule häufig noch freiwillig. Gerade jene Schüler, für die sie wichtig wäre, bleiben nachmittags oft weg, etwa weil die Mädchen im Haushalt helfen oder auf Geschwister aufpassen müssen. Eine gute Ganztagsschule ist ein Lebensort für die Schüler, da müssen sich auch andere Akteure wie Sportvereine tummeln, da muss Leben rein. Für die Motivation ist es wichtig, dass die Jugendlichen gerne in die Schule gehen.

Wir wissen also, was zu tun ist. Wozu dann noch Pisa?

Pisa erinnert uns alle drei Jahre daran: "Leute, Ihr habt Eure Hausaufgaben nicht gemacht."

Interview: Frauke Haß

Datum:  18 | 11 | 2008
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