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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

05. Juni 2008

Bayern: Vatikan redet Unis rein

 Von IRIS HILBERTH
Die Kirche sichert sich Einfluss, auch an Münchens LMU.  Foto: dpa

An Bayerns Universitäten gibt es 21 Lehrstühle, die nur mit Zustimmung des Vatikan besetzt werden dürfen. Dabei handelt es sich keineswegs um Theologie-Stellen. Jetzt haben sieben Hochschullehrer Klage eingericht.

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Jetzt reicht's", dachten sich wohl die sieben nicht-katholischen Hochschullehrer, die Anfang der Woche beim Verwaltungsgericht Ansbach eine Klage einreichten: Sie wollen ein uraltes Privileg der Katholischen Kirche kippen: An Bayerns Universitäten gibt es nämlich noch 21 Lehrstühle, die nur mit Zustimmung des Vatikan besetzt werden dürfen.

Dabei handelt es sich keineswegs um Theologie-Stellen. Die sogenannten Konkordats-Lehrstühle finden sich in den Fachbereichen Philosophie, Pädagogik und Gesellschaftswissenschaften, also Soziologie und Politikwissenschaften. "Eine verfassungswidrige Verquickung von Religion und Wissenschaft" sei das, sagen die sieben Professoren. Die Konkordatslehrstühle seien "ebenso anachronistisch wie anstößig".

"Verstoß gegen Grundgesetz"

Die 21 Stellen seien für katholische Bewerber reserviert und diese Bevorzugung von Personen aufgrund ihres religiösen Bekenntnisses bei der Besetzung öffentlicher Ämter sei ein klarer Verstoß gegen das Grundgesetz und das Gleichbehandlungsgesetz. Aktuell geht es um die Besetzung eines Lehrstuhls für Praktische Philosophie an der Uni Erlangen-Nürnberg.

Das Mitspracherecht der Katholischen Kirche geht auf das Konkordat von 1924 zwischen Bayern und dem Heiligen Stuhl zurück. In dieser Regelung wurde festgelegt, dass an der Ludwig-Maximilians-Uni (LMU) in München und der Uni Würzburg in den Fächern Geschichte und Philosophie je ein Professor vorzusehen sei, "gegen den hinsichtlich seines katholischen-kirchlichen Standpunkts keine Erinnerung zu erheben ist". Volksschullehrer wurden damals an den Lehrerbildungsanstalten ausgebildet, die eine konfessionelle Bindung hatten - so war das Mitwirkungsrecht der Kirche auch hier gesichert.

Die Nazis entkonfessionalisierten die Volksschulen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie in Bayern wieder rekonfessionalisiert. Erst nach einer langen politischen Diskussion wurde 1968 durch eine Änderung der Bayerischen Verfassung die Zeit der Bekenntnisschulen im Freistaat beendet und die christliche Gemeinschaftsschule eingeführt.

Da dies aber nicht im Einklang mit dem Konkordat stand, einigte sich der Staat mit der Kirche auf eine Ausweitung der Konkordatslehrstühle. So verpflichtete sich Bayern, fortan auch an den bisherigen Pädagogischen Hochschulen (PH) in München, Augsburg, Bamberg, Nürnberg, Regensburg und Würzburg je eine Professur für Pädagogik und für Philosophie als Konkordatsstelle zur Verfügung zu stellen.

Wegen der Eingliederung der PH in die Unis und der Neugründung von Universitäten wurde das Konkordat 1972 und 1978 erneut geändert. Außer Bayreuth und der TU München haben nun alle bayerischen Universitäten je einen Konkordatslehrstuhl in Philosophie, Pädagogik und Gesellschaftswissenschaften.

Sicherung des Gemeinwohls

Es ist nicht das erste Mal, dass Hochschullehrer gegen die konkordatäre Besetzung von Lehrstühlen klagen. Ein wissenschaftlicher Assistent der Universität Erlangen-Nürnberg war 1980 mit einer Popularklage gegen die Besetzung eines Konkordatslehrstuhls für Politikwissenschaften vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof gescheitert. Er sah das Grundrecht auf religionsunabhängigen Zugang zu öffentlichen Ämtern eingeschränkt, die Freiheit der Wissenschaft verletzt.

Das Gericht begründete damals die Zurückweisung der Klage damit, dass es gemeinsame Angelegenheiten gebe, die die Verantwortung von Staat und Kirche berühre, vor allem bei Erziehung und Bildung. Dies rechtfertige in einem bestimmten Umfang Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte. Zwar seien die Grundrechte einzelner Personen eingeschränkt, doch gehe es um die Sicherung des Gemeinwohls.

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