Frau Rulofs, einige Musliminnen versuchen sich vom deutschen Sportunterricht befreien zu lassen. Spielt Sport in ihrer Kultur keine Rolle?
Das lässt sich so pauschal nicht sagen. In Deutschland ist Sporttreiben an sich sehr populär. Die Freude am Körper und an der Bewegung ist weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. Deutsche Schülerinnen und Schüler treiben selbstverständlich Sport an Schulen. Auch in der Türkei zum Beispiel ist Sport ein Pflichtfach an Schulen, das aber mangels Sportanlagen und qualifizierten Lehrkräften nicht immer so umfangreich berücksichtigt wird. Sporttreiben ist allerdings in vielen islamischen Ländern eher ein Privileg der Jungen und Männer, erst recht, wenn der Sport von westlichen Einflüssen geprägt ist. Eine strenge Auslegung der Religion erlaubt es Musliminnen nicht, sich beim Sport unverhüllt zu zeigen oder etwa gemeinsam mit Jungen und Männern Sport zu treiben.
Dr. Bettina Rulofs forscht an der deutschen Sporthochschule in Köln und untersucht die unterschiedlichen Chancen von Männern und Frauen im Sport. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört außerdem, wie Sportlerinnen und Sportler in den Medien dargestellt werden.
Warum sollte sich der Sport um Musliminnen bemühen? Ist es nicht ihre persönliche Entscheidung, nicht am Schwimmunterricht teilzunehmen?
Dies ist aber nicht immer ein freiwilliger Rückzug. Viele muslimische Mädchen möchten gerne Sport treiben, ihre Familie schränkt dies jedoch ein. Hier ist es gut, wenn beide Seiten aufeinander zugehen - der Sport und die muslimischen Familien. Wenn wir uns ein bisschen bewegen, können wir auch für diese Frauen und Mädchen Bedingungen im Sport schaffen, die das Vertrauen der muslimischen Familien gewinnen. Warum sollte es nicht möglich sein, zum Beispiel mit Kopftuch Fußball zu spielen? Was ist so schwer daran, ihnen das Schwimmbad für ein paar Stunden zu reservieren? Warum kann Sportunterricht an Schulen nicht auch mal für Jungen und Mädchen getrennt stattfinden?
Könnten diese Ausnahmen eine Integration nicht gerade behindern?
Nein, im Gegenteil. Dies sind Möglichkeiten, den Zugang zum Sport für junge muslimische Frauen zu öffnen und sie am Sport teilhaben zu lassen. Bisher stehen Musliminnen im Sport zu oft am Rand und gucken zu, wie ihre Freundinnen beim Sport aufleben. Denn der Sport bietet doch ein besonderes Potenzial: Es ist die Chance auf Begegnung mit anderen, auf soziale Anerkennung, darauf, sich in die deutsche Gesellschaft einzufinden und zu behaupten.
Auch deutsche Mädchen treiben weniger Sport als Jungen. Müssten nicht Mädchen insgesamt gefördert werden?
Das ist richtig. Bei den Musliminnen ist die Ungleichheit nur noch deutlicher als allgemein im Sport. Allerdings hat sich das in Deutschland in den letzten Jahrzehnten stark verbessert - kaum ein Mädchen wird heute noch öffentlich bloßgestellt, wenn sie Fußball spielen will. Dafür haben auch die internationalen Erfolge des Frauennationalteams gesorgt. Bis im Sport eine Gleichstellung der Geschlechter herrscht, sind aber noch viele Aufgaben zu bewältigen: Sportlerinnen müssten zum Beispiel in den Medien häufiger und ohne sexualisierte Anspielungen abgebildet werden, die Verbände brauchen mehr Funktionärinnen, Lehrerinnen und Lehrer müssen sensibilisiert werden. Für beide Geschlechter. Denn auch Jungen stoßen im Sport auf Tabus, zum Beispiel wenn sie tanzen lernen wollen.
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