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03. Juli 2012

Bienen : Der Bienenversteher

 Von Kerstin Viering
Eine Biene trinkt von einem Tropfen klebriger Flüssigkeit.  Foto: dpa

Der Neurobiologe Jürgen Tautz hält nicht viel von Bienen - bis ihm ein Kollege ein ganzes Volks vor die Haustür setzt. Jetzt ist er ihr größter Fan - und lässt andere per Livestream mitforschen.

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Es gibt Menschen, die ihre Passion schon als Kind entdecken, aber zu denen gehört Jürgen Tautz nicht. „Bis ich Mitte 40 war, wusste ich über Bienen nicht viel mehr, als dass sie stechen und Honig produzieren“, sagt der Biologe. Mittlerweile leitet der 62-Jährige die Bienenforschungsgruppe an der Universität Würzburg.

Er wird nicht müde, von der faszinierenden Welt dieser Tiere zu erzählen. Falls es in Bienenstaaten einen Beauftragten für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit geben sollte, wäre Jürgen Tautz der richtige Kandidat für die Stelle. Dieses Engagement ist der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft eine Auszeichnung wert: Für die gelungene Vermittlung seiner Forschung bekommt der Biologe am heutigen Dienstag den diesjährigen Communicator-Preis.

Jürgen Tautz (Jahrgang 1949) hat an der Technischen Uni Darmstadt Biologie, Geografie und Physik studiert. Seit 1990 forscht und lehrt Tautz am Biozentrum der Universität Würzburg. Hier finden Sie weiter Infos.
Jürgen Tautz (Jahrgang 1949) hat an der Technischen Uni Darmstadt Biologie, Geografie und Physik studiert. Seit 1990 forscht und lehrt Tautz am Biozentrum der Universität Würzburg. Hier finden Sie weiter Infos.
Foto: dpa

Die Geschichte des Bienenforschers Jürgen Tautz begann, als er im Jahr 1990 seine Professur in Würzburg antrat. Zuvor hatte sich der Neurobiologe mit den Sinnesleistungen verschiedener Tiergruppen beschäftigt. Er hatte untersucht, wie Schmetterlingsraupen, Fische und Frösche Geräusche wahrnehmen und wie das Nervensystem von Krebsen funktioniert. Bienen hatten in seinem Berufsleben bis dahin keine Rolle gespielt. Doch eine Würzburger Fahrgemeinschaft sollte das ändern.

Jürgen Tautz fuhr häufig gemeinsam mit seinem Professoren-Kollegen Martin Lindauer ins Biozentrum der Universität, ein Schüler des Österreichers Karl von Frisch, der 1973 für seine Forschungen zur Kommunikation dieser Insekten den Nobelpreis bekommen hatte. Lindauer selbst hatte diese Arbeiten fortgeführt und sich mit den verschiedensten Aspekten des Bienenverhaltens beschäftigt. Doch zunächst wollte der Funke bei Tautz nicht so recht überspringen.

"Eines der komplexesten Werke der Evolution"

Entsprechend wenig begeistert war der Forscher, als er eines Tages ein Bienenvolk vor seiner Haustür fand. Ein Geschenk von Lindauer. „Und zwar ein ziemlich hinterlistiges“, wie Tautz bis heute findet. „Ich hatte sogar ein bisschen Angst vor diesen Bienen.“ Doch dann saß er Wochenende für Wochenende vor seinem Volk im Garten und beobachtete das summende Treiben.

„So ein Bienenstaat ist eines der komplexesten Werke der Evolution“, schwärmt der Biologe. Ähnlich wie die Zellen in einem Körper arbeiten auch die Bienen in ihrem Stock auf komplizierte Weise zusammen, um das Ganze am Laufen zu halten. Ein Insektenvolk gilt deshalb als Superorganismus, der statt aus Zellen aus Tausenden von einzelnen Tieren besteht.

Und dieses Kollektiv schafft es nicht nur, gemeinsam am Leben zu bleiben, sondern zeigt auch eine Art Intelligenz. „Das Faszinierende daran ist, dass die einzelnen Bausteine in diesem Gebilde frei beweglich sind“, findet Tautz. „Es ist, als könnten die Nervenzellen unseren Kopf verlassen, frei herumfliegen und abends wieder zu einem Denkorgan zusammenfinden.“

Nachdem Tautz sich einige Zeit mit seinem hinterlistigen Geschenk beschäftigt hatte, beschloss er, seiner Forschungsarbeit eine neue Richtung zu geben. 1994 gründete er die BEEgroup der Universität Würzburg, die seither mit immer neuen Erkenntnissen aus der Bienenwelt auf sich aufmerksam macht. Und auch Tautz ist den Insekten bis heute treu geblieben. „Mit keiner anderen Tiergruppe habe ich mich so lange beschäftigt“, sagt Tautz. Denn er ist nicht der Typ, der sich ein Forscherleben lang in eine Frage verbeißt. Wenn er anfängt, etwas zu verstehen, langweilt es ihn leicht. Mit den Bienen aber ist er noch lange nicht fertig: „Sobald man ein Detail zu begreifen glaubt, tauchen schon wieder zehn neue Fragen auf.“

So hat ihn in den letzten Jahren besonders ein Phänomen fasziniert, das Biologen Epigenetik nennen. Demnach hängen die Eigenschaften eines Lebewesens nicht allein von seinen Genen ab. Vielmehr gibt es im Erbgut Schalter, die je nach Umweltbedingungen bestimmte Informationen an- und ausknipsen können – und das kann zum Beispiel Folgen für Aussehen, Verhalten oder Gesundheit haben. Die Würzburger Forscher haben dafür einige interessante Beispiele gefunden.

So durchläuft der Bienen-Nachwuchs ein sogenanntes Puppenstadium – eine Art Umbauphase, in der sich aus den Larven erwachsene Insekten entwickeln. Damit das auch richtig funktioniert, brauchen die unbeweglichen Puppen eine relativ konstante Temperatur von 36 Grad Celsius. Ein solches Wohlfühlklima schaffen spezielle Heizerbienen, die Honig fressen und dessen Energie in Wärme umwandeln. Sie bewegen ihre Brust- und Flugmuskeln, heizen dadurch ihren Körper auf mehr als 40 Grad auf und wirken so als lebende Wärmflaschen für den Nachwuchs.

Das Projekt

Dabei können sie wichtige Weichen für dessen Zukunft stellen, zeigen Untersuchungen der Würzburger Wissenschaftler. Winzige Abweichungen in der Temperatur der Puppen bestimmen zum Beispiel darüber, welche Aufgaben das erwachsene Insekt später besonders gut erledigen kann. Wie das genau funktioniert, wollen die Biologen nun weiter untersuchen.

Doch immer neue Veröffentlichungen zu produzieren, reizt Tautz nicht mehr so. Stattdessen hat er sich nun die Umweltbildung auf die Fahnen geschrieben. „Ich habe das Privileg, mit Steuermitteln etwas Spannendes untersuchen zu dürfen“, sagt der Forscher. Da fühle er sich verpflichtet, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Es ist aber auch die Sorge vor einer zunehmenden Entfremdung der Menschen von der Natur, die ihn antreibt. Vor allem bei Kindern gelte es, rechtzeitig gegenzusteuern. Erst hat er das mit Kursen für Schüler versucht, wollte aber mehr Reichweite. Also haben er und seine Kollegen 2009 eine Internetplattform namens Honey Bee Online Studies (Hobos) entwickelt. Dort können Schüler, Lehrer und andere Interessierte Livestreams aus dem Bienenstock verfolgen und eine Fülle von Daten und Informationen abrufen. Die Plattform wurde mittlerweile in 16 Sprachen übersetzt.

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