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Studie: Bildung als Sortiermaschine

Die Mittelschicht bröckelt, warnen Wissenschaftler schon seit langem. Eine neue Studie der Böll-Stiftung jedoch zeigt, dass es ganz so düster gar nicht aussieht.

In den 1960er Jahren beschrieb der Soziologe Karl Martin Bolte die deutsche Gesellschaft als Zwiebel: oben wenige Reiche, unten wenige Arme und in der dicken Mitte die Mehrheit, also jene Schicht, die als Grundsubstanz einer demokratischen Gesellschaft gilt, weil sie sozialen Frieden garantiert.

Aktuelle Studien belegen jedoch, dass Arm und Reich immer weiter auseinanderdriften. So konstatierte vor kurzem das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, dass nur noch 60 Prozent der Menschen in Deutschland zur Mittelschicht gehören. Grundlage für diese Einschätzung war das Nettoeinkommen. Aber reicht das aus, um ein massives Schrumpfen der Mittelschicht vorauszusagen?

Die den Grünen nahe stehende Heinrich Böll Stiftung legt in dieser Woche eine Studie vor, die nicht zuerst nach ökonomischen Faktoren fragt, sondern die soziale Mobilität, also Aufstieg und Abstieg in den Blick nimmt und dabei Herkunft und Bildungsstand generationsübergreifend analysiert (Jahrgänge 1920 bis 1978).

Der Befund fügt sich zunächst ins Negativ-Bild: Weniger als ein Prozent der Bevölkerung schafft es, aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, zum leitenden Angestellten zu werden. Aber etwa zwei Drittel der Kinder, die einen leitenden Angestellten als Vater haben, gehören später selbst zu den Hochqualifizierten. Die Aufstiegschancen für Migranten sind gering. So weit, so bekannt.

Ralf Fücks vom Vorstand der Böll-Stiftung leitet daraus ab, dass „wir auf dem Weg zu einer geschlossenen Gesellschaft sind“. Doch ganz so düster sieht es gar nicht aus, wenn man die Ergebnisse genauer betrachtet.

Soziale Mobilität: Die Ergebnisse für die jüngsten Jahrgänge zeigen nämlich: Der Aufstieg funktioniert bei großen Teilen der Bevölkerung. Nicht zuletzt die in den 60er und 70er Jahren begonnenen Bildungsexpansion (höhere Schulabschlüsse, Ausweitung der Hochschulen) dürfte dafür verantwortlich sein, dass etwa bei den Geburtsjahrgängen 1970 bis 1978 mehr als jeder Zweite in Westdeutschland eine andere Position erreicht hat als seine Eltern.

Frauen: Sie haben beim Aufstieg durch Bildung deutlich aufgeholt – und tun es noch. In Ostdeutschland finden sich sogar mehr weibliche als männliche Aufsteiger.

Osten, Westen: Die Studie zeigt jedoch erhebliche Unterschiede zwischen neuen und alten Ländern. Im Osten gelingt nur noch etwa einem Viertel der heutigen jungen Erwachsenen der Aufstieg, vor allem die Männer haben das Nachsehen. Bildung, so stellt der Autor der Studie, Reinhard Pollak, fest, ist dabei die entscheidende „große Sortiermaschine“.

Eigeninitiative: Fleiß und Eigeninitiative allein, so das Resümee, reichen kaum noch für einen Aufstieg. Interessant: Eine Mehrheit der Bevölkerung sieht das anders und redet eher dem American Dream das Wort. Befragt danach, wie man am besten nach oben kommt, sagten die meisten: mit Fleiß, guter Bildung und Eigeninitiative. Demnach wäre auch die Bolte-Zwiebel kein Auslaufmodell. Die Mehrheit positioniert sich nämlich selbst im dicken Teil der Zwiebel. So erscheint immerhin die „gefühlte“ Mittelschicht als konstante Größe.

Reinhard Pollak: „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit.“ www.boell.de

Autor:  Katja Irle
Datum:  26 | 10 | 2010
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