Müsste man von seinem Arbeitsumfeld auf die Prioritäten schließen, die sich Peter Kurz gemeinhin setzt, man zöge wohl die falschen Schlüsse. Am schwarzen Tisch im klinisch weiß gehaltenen Raum, in dem Schwarz-Weiß-Fotografien das offenbare Faible für kühle Ästhetik unterstreichen, empfängt der Mannheimer Bürgermeister seine Gäste. Wie er sich selbst – mit dunklem Anzug und der in verschiedenen Blautönen gehaltenen Krawatte – stilsicher einfügt, mag Zufall sein. Aber gebe es allein das Bild vom Raum und seinem Gastgeber, ginge Kurz als knallharter Manager durch, der vieles im Sinn hat, aber sicher keine Kindergartenkinder und ihre Startschwierigkeiten an den Schulen seiner Stadt. Oder Hauptschüler, die in Mannheim um ihren Abschluss bangen.
Tatsächlich aber hat der Sozialdemokrat in der Rhein-Neckar-Metropole die Bildung zu einem Kernthema seiner Stadt gemacht. Genau hier, in der Kommune, so seine Botschaft, müsse sie beginnen, die Bildungsrepublik. In sie gezielt zu investieren, und da ist Kurz dann doch wieder Manager, sieht er als Pluspunkt im Konkurrenzstreit mit anderen Gemeinden. „Nur wenn wir uns vergleichen, können wir uns auch verbessern“, so der Bürgermeister. Die Messlatte liegt in Mannheim bei rund einer Million Euro, die die Stadt pro Jahr für zusätzliche Bildungsprojekte ausgibt.
Die Bildung gehört zu den sieben strategischen Zielen, die sich die Stadt Mannheim bis 2013 gesetzt hat. Ganz allgemein formuliert möchte die baden-württembergische Stadt zwischen Rhein und Neckar den Bildungserfolg vor allem von Kindern und Jugendlichen erhöhen und bundesweit Vorbild in Sachen Bildungsgerechtigkeit werden.
In einem ersten Schritt beschloss der Gemeinderat vor drei Jahren, die Tätigkeitsfelder Jugend und Bildung, Sport und Freizeit sowie Gesundheit und Familie zu einem Bildungsdezernat
zusammenzuführen. In diesem Jahr sieht der Haushalt der Stadt zur Finanzierung aller Schulen rund 79 Millionen Euro vor, im kommenden Jahr sind etwa 82 Millionen Euro eingeplant. Insgesamt zählt die Kommune 32000 Schüler an 96 allgemein bildenden Schulen.
Rund eine Million Euro investiert die Gemeinde pro Jahr für sätzliche Projekte wie den „Quadratkilometer Bildung“ und „Maus“, das Schülern zusätzliche Förderstunden an ihren Schulen ermöglicht.
Viele ohne Abschluss
Zu verbessern gibt es zwischen Rhein und Neckar vieles: Deutlich mehr als im baden-württembergischen Durchschnitt (knapp sechs Prozent) verlassen die Schule in Mannheim ohne Hauptschulabschluss. Jedes fünfte Kind unter 14 Jahren lebt in einer Hartz-IV-Familie, es gibt Stadtteile, in denen fast jeder Zehnte ohne Arbeit ist.
Ein solches Quartier ist etwa Neckarstadt-West. Rein statistisch betrachtet ein Problemviertel, mit seiner hohen Arbeitslosigkeit auf der einen und eher geringen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung auf der anderen Seite. Etwa 60 Prozent der Mannheimer stammen aus einer zugewanderten Familie. Auf einem Quadratkilometer leben rund 20500 Menschen aus über 100 Nationen. An der Humboldt-Grundschule, mitten in der Neckarstadt-West, sind es 35.
Und doch ist es für Schulleiter Andreas Baudisch nicht das eigentliche Problem, dass an seiner Schule nicht einmal ein Viertel der über 300 Kinder keinen Migrationshintergrund hat. „Die meisten, die hier eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen, sind nicht die Kinder aus deutschen Familien“, sagt er. Die Integrationsdebatte à la Sarrazin und Seehofer werde hier, an der Humboldt-Grundschule im Stadtteil mit dem höchsten Migrantenanteil, zur Kenntnis genommen. Mehr nicht. Was sich Baudisch für alle seine Schüler wünscht, ist „die bestmögliche Schulbiografie“. Nicht für alle, stellt er aber klar, sei die an das Gymnasium geknüpft. Dass es in seinem Stadtteil aber nicht einmal 18 Prozent dorthin schaffen, während 44 Prozent der Grundschüler die ehemalige Hauptschule (sie wurde in Baden-Württemberg in die Werkrealschule umgewandelt) besuchen, reicht dem Schulleiter und seiner Stadt nicht.
Im vergangenen Schuljahr holten sie deshalb das Projekt „Ein Quadratkilometer Bildung“ nach Neckarstadt-West: Mit dem Ziel vor Augen, Kinder über einen längeren Zeitabschnitt besser individuell zu fördern und ihnen höhere Bildungsabschlüsse zu ermöglichen, sollen sich Grundschule, Kindergärten, Eltern und externe Bildungsanbieter besser vernetzen. Fehlende Maßnahmen sollen entwickelt und unwirksame über Bord geworfen werden. Die Koordination dafür hat eine pädagogische Werkstatt übernommen, die derzeit rund 30 Bildungsangebote im Blick hat.
Die Kosten für sämtliche neue Maßnahmen und das dafür benötigte Personal tragen die Stadt und die Freudenberg-Stiftung, die den „Quadratkilometer Bildung“ bereits nach Berlin brachte: Beide Seiten haben sich für zehn Jahre dazu verpflichtet, jährlich insgesamt rund 270000 Euro zur Verfügung zu stellen.
Entstanden sind so etwa Lesepatenschaften, Anlaufstellen für Eltern und der „Einsternclub“. Mitglied wird, wen nach der Kita bald die Schule erwartet und der aus Sicht der Erzieherinnen dort noch gut Vorschultraining gebrauchen könnte. Schüchtern seien die ersten Mädchen und Jungen der Partnerkita gewesen und hätten sich total geschämt, vor einer Gruppe zu sprechen, erzählen die betreuende Lehrerin, Susanne Stühmeier, und Erzieherin Daniela Heitmann. Jetzt zeigen der sechsjährige Panagiotis und Kevin (sieben) ihre knatschbunten Bilder vom Unterricht im „Einsternclub“ und ihre Vorstellung von Spielplatz- und Gefängniskometen stolz und sprudelnd in die Runde. Präsentationen kennen sie schon ja schon von ihren Besuchen bei den Viertklässlern der Humboldt-Schule. Erste Arbeitsblätter bearbeiten? Für sie kein Problem mehr. „Die Kinder haben sich unglaublich entwickelt und sind absolut motiviert“, sagt Stühmeier.
In Schönau, im Norden der Stadt, haben sie sich für ein anderes Programm entschieden. Eines, das sie in Mannheim gern der Chipkarten-Idee von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) als sinnvollere Alternative gegenüberstellen: Es geht um „Maus“ , das hier für das deutlich sperriger klingende Pilotprojekt „Mannheimer Unterstützungssystem Schule“ steht. Konkret stellt die Gemeinde bislang elf Schulen insgesamt 20 zusätzliche und individuell gestaltbare Förderstunden in der Woche zur Verfügung. Geleistet werden die von kommunalen Partnern. Die örtliche Musikschule ist ebenso dabei wie die Stadtbibliothek oder die Abendakademie, die Mannheim die Rolle der Volkshochschule erfüllt. Die Stadt nimmt dafür pro Jahr insgesamt 325000 Euro in die Hand. Die teilnehmenden Schulen sollen selbst entscheiden, ob ein Schüler besonders von einem zusätzlichen Sportprogramm profitieren würde, an einem Theater- oder Kochkurs teilnehmen könnte oder, vor allem, wenn seine Familie sich Nachhilfe nicht leisten kann, doch am ehesten Hilfe in Mathe braucht.
Über einzelne Angebote wurde auch hart diskutiert, so Monika Fuchs, Leiterin der Schönau-Grundschule, die bei „Maus“ mitmacht. Ob etwa Angebote wie Drachenbauen und eine Mammutjagd im Wald nicht mehr Spaß als ernsthafte Förderung seien. Sie findet: „Die Lust auf Bildung muss doch bei einigen erst mal geweckt werden. Und das passiert nicht, wenn man nur zusätzliche Lerninhalte draufpackt.“
Signifikante Notensprünge der Schüler haben sie in Mannheim „Maus“-bedingt noch nicht festgestellt; das Angebot ist freiwillig, gerade Risikoschüler zu erreichen, bleibt weiter eine Herausforderung. Der persönlichen Entwicklung der Mannheimer Schüler aber bekam das Programm offenbar gut. Obwohl eine Evaluierung noch aussteht, hat sich die Stadt bereits entschlossen, es bis 2012 fortzusetzen.
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