Soll man ein Uni-Examen in der Tasche tragen dürfen, ohne dass man sein erlerntes Wissen in einer Prüfung nachweisen musste – unter Zeitdruck und bar jeder Hilfsmittel? In Großbritannien ist darüber eine heftige Debatte entbrannt, seit bekannt wurde, dass etliche Universitäten Klausuren in vielen Fächern aus ihrem Prüfungsmodus verbannt haben. Damit einher geht eine Bestnoten-Inflation: In den vergangenen zwölf Jahren hat sich die Zahl der Top-Abschlüsse an englischen Hochschulen mehr als verdoppelt: von 23 700 auf 53 215. Sie beträgt heute 15 Prozent.
Eine erstmals an 85 Universitäten erhobene Analyse, jüngst im Sunday Telegraph zu lesen, zeigt: In den Fächern Geschichte, Englisch, Psychologie, Philosophie, Medienwissenschaften, Amerikanische Studien, Kindheitswissenschaften und Betriebswirtschaft sind Examensklausuren bereits zu 90 bis 100 Prozent passé.
Am stärksten ist diese Entwicklung in den neueren und polytechnischen Hochschulen. Die älteren, forschungsstarken Universitäten, Oxford zum Beispiel, setzen dagegen weiter auf Klausuren. Bei drei Viertel der Hochschulen allerdings dominieren Hausarbeiten bereits zu 70 Prozent die Examensnote.
Dass diese Praxis mit der Bestnoten-Inflation zu tun hat, bestätigt ein Report der Higher Education Academy, einer von Universitäten gegründeten Forschungseinrichtung: „Mit Hausarbeiten erreicht man normalerweise bessere Noten.“ Eine frühere Untersuchung an vier englischen Universitäten zeigte: Ein Drittel der Absolventen schnitt bei Hausarbeiten in Englisch und Geschichte besser ab als in Klausuren, und sogar zwei Drittel erreichten in Biologie, Betriebswirtschaft, Informatik und Jura bessere Noten.
Hausarbeiten gelten als fairer
Hausarbeiten sind beliebter bei Studenten. Sie werden als „fairer“ betrachtet. Auch gibt es Hinweise, dass sie sinnvoller sind für nachhaltiges Lernen. Für Tests und Klausuren wird Wissen oft nur kurzfristig eingebläut und dann wieder vergessen. Dem entgegnen Kritiker, dass der Klausurenverzicht das Plagiatswesen fördere und die Abschlüsse entwerte. Viele Studenten lüden sich Aufsätze aus dem Internet herunter und reichten diese als Hausarbeit ein. Neben dem damit verbundenen Notenaufschwung wird aber auch die fehlende Vergleichbarkeit der Abschlüsse moniert.
Etwa 80 Prozent der Studenten in Deutschland haben im Jahre 2011 ihr Studium mit „gut“ oder „sehr gut“ abgeschlossen. Vor zwölf Jahren waren es noch 70 Prozent. Zugleich erhielten damals noch 4 Prozent die schlechteste Abschlussnote „ausreichend“. Inzwischen sind es nur noch 1,1 Prozent. Der Wissenschaftsrat warnt von einer „schleichenden Noteninflation“.
Besonders gute Noten haben Absolventen in Biologie, wo 98 Prozent der Studenten besser als „befriedigend“ abschnitten, gefolgt von Mathe, Physik, Psychologie, Chemie sowie dem Magisterabschluss bei den Historikern. Gerade in naturwissenschaftlich-technischen Fächern soll das Kritikern zufolge daran liegen, dass zuvor Studenten mit mittleren Leistungen „rausgeprüft“ werden.
In Deutschland geht der Streit um die Bestnoten-Inflation, die auch der Wissenschaftsrat jüngst kritisierte, in eine andere Richtung. Nicht Hausarbeiten, sondern die massenhaft stattfindenden Schema-F-Klausuren in Folge der Bologna-Reform würden den Notenspiegel heben und das Niveau senken, sagen Kritiker.
Von einer regelrechten „Zerstörung“ der geisteswissenschaftlichen Prüfungskultur spricht der Hannoveraner Germanist Klaus Bayer. Weil die Noten jetzt schon vom ersten Semester an fürs Examen zählten, seien die Studenten nicht mehr an inhaltlichen Rückmeldungen zu ihren Leistungen interessiert, sondern nur noch an einer „Notenverbesserung oder einem Einspruch“. Um hier Ärger zu vermeiden und die Zahl der Prüfungen überhaupt zu bewältigen, stellten die Professoren meist Multiple-Choice-Klausuren, die „per Schablone korrigiert werden können von billigen nichtexaminierten Hilfskräften“.
Sprachform, Argumentation oder Verständlichkeit würden dabei kaum beurteilt, kritisiert Bayer in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift Forschung & Lehre. Die Themen ähnelten sich zudem wie ein Ei dem anderen, so dass die studentische Klausurvorbereitung alles andere als schwierig sei. Die Klausuren stellten oft vorformulierte Antworten zur Wahl oder verlangten nur Stichworte und Skizzen, wodurch „studentische Sprachschwächen barmherzig verschwinden“.
Viele werden rausgeprüft
Heidi Schelhowe, Konrektorin für Studium und Lehre an der Universität Bremen, macht hingegen den Ausleseprozess dafür verantwortlich, dass es in Deutschland immer bessere Examensnoten gibt. „In manchen Fächern liegt die Studienerfolgsquote bei weniger als 50 Prozent. Dort bleiben dann die Besten übrig und schaffen den Abschluss.“ Mit einem Rückgang von Klausuren könne die Verbesserung der Noten jedenfalls nicht zusammenhängen, bestätigt auch Schelhowe. Gerade in den Anfängerveranstaltungen „scheinen Klausuren vielen Lehrenden unvermeidlich“. Grundsätzlich seien sie in den Natur- und Ingenieurwissenschaften verbreiteter als in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften.
Plagiate sind kein neues Phänomen. Thomas Mann etwa bekannte sich offen dazu, abgeschrieben zu haben. In seinen "Buddenbrooks" stirbt am Ende der junge Hanno an Typhus. Dafür bediente sich der Schriftsteller aus einem medizinischen Fachbuch. Dadurch, dass er die nüchterne Beschreibung des Krankheitsverlaufs im Kontext seines Romans wiedergibt, wirkt diese jedoch völlig anders - nämlich zutiefst schockierend
Foto: dpaWeniger gängig seien sie allerdings in kleineren Studiengängen, vor allem im Masterstudium. Dort ersetzten aktive Beteiligung, Seminararbeiten, Vorträge, Projektpräsentationen und regelmäßige Übungsaufgaben während des Semesters die Klausuren. Plagiate bei Arbeiten würden trotzdem seltener, meint Schelhowe, „weil die Studierenden inzwischen damit rechnen, dass ihre Texte mit Suchmaschinen und Plagiatssoftware überprüft werden“. In der Regel reiche es auch nicht, für eine Modulprüfung nur eine Hausarbeit abzugeben. Es sei zusätzlich vorgesehen, das Thema zu präsentieren und sich kritischen Fragen von Kommilitonen und Dozenten zu stellen.
Die Umstellung von reiner Stoffwiedergabe auf die Prüfung von Kompetenzen könne aber schon zu besseren Noten führen, gibt Schelhowe zu. Schließlich gehe es dabei nicht mehr bloß um das einfache Abfragen von Richtig oder Falsch: „Es geht oft darum, ob der Student ein Ziel erreicht, eine Anstrengung unternommen und einen geeigneten Weg zur Lösung des Problems eingeschlagen hat.“ Dies lässt sich oft nicht mit einer Zahl zwischen Eins und Vier bewerten.
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