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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

10. November 2009

Bildungsforscher Frieder Wolf: "Lehrer werden vernachlässigt"

Der Bildungsforscher Frieder Wolf findet, zu viele Reformen des Schulsystems schaden mehr, als dass sie nützen.  Foto: privat

Die Integrationslast wird der Realschule aufgeladen und die Bildungsbürgerkinder gehen unbehelligt aufs Gymnasium: Der Bildungsforscher Frieder Wolf spricht im FR-Interview über die Reform des Schulwesens.

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Zur Person

Frieder Wolf ist Mitarbeiter des Instituts für Politische Wissenschaft der Uni Heidelberg. Er hat über die Bildungsausgaben der Länder promoviert. Über Kompetenzen und Spielräume der Länder in der Schulpolitik spricht Wolf auf der vom Wissenschaftszentrum Berlin veranstalteten Tagung "Alles beim Alten? Reform(un)fähigkeit in der deutschen Schulpolitik", die am heutigen Dienstag (10.11.2009) in Berlin beginnt.

Herr Dr. Wolf, war früher in der Schule alles besser?

Nein, natürlich nicht. Aber ich habe doch manchmal den Eindruck, dass die Machbarkeitsphantasien der Kritiker der herrschenden Zustände mit ihnen durchgehen, beispielsweise bei der Forderung, 2020 80 Prozent der Schüler an die Hochschulen zu führen.

Sie beklagen ein Zuviel an Reformen nach der Pisa-Krise in Deutschland. Damit stehen Sie eher allein...

Zunächst muss man festhalten, dass es seit dem Pisa-Schock eine intensive Reformtätigkeit gegeben hat. Der weitverbreitete Vorwurf der Reformunfähigkeit trägt also nicht. Zuweilen artet das nun in eine Reformhyperaktivität aus. Man sollte den bereits beschlossenen Reformen auch mal Zeit geben, ihre Wirkung zu entfalten. Sonst droht ein Hü und Hott, das diejenigen ermüdet, die das Ganze umsetzen sollen - zu allererst die im Durchschnitt 50 Jahre alten Lehrer. Viele Reformen lenken deren Energie obendrein vom Kerngeschäft Unterricht weg, zum Beispiel der Schulprofil- und Evaluationswahn.

Manche Reformen machen die Schulen also noch schlechter?

Nehmen wir das im Hinblick auf die Bildungschancen unbestrittene Gerechtigkeitsdefizit zwischen Bildungsbürger- und Arbeiterkindern. Da gäbe es viel zu tun. Aber die Antwort vieler Länder läuft in die Irre. Die haben flugs Hauptschule und Realschule zusammengelegt. Damit aber lädt man die ganze Integrationslast der einstigen Aufsteigerschulart Realschule auf. Währenddessen können die Bildungsbürgerkinder unbehelligt weiter aufs Gymnasium gehen. Und das wird das Gerechtigkeitsproblem eher ver- als entschärfen. Vermutlich wäre sowohl das überkommene dreigliedrige System als auch eine echte Gesamtschule besser als dieses neue System.

Gibt es weitere Beispiele?

Stichwort Schulautonomie: Man sieht hier, dass die Länder gerne dann Entscheidungskompetenzen an die Schulen geben, wenn sie nicht genügend Geld für landesweite Verbesserungen haben. Man nennt das blame avoidance: Wenn´s schief geht, kann man sagen, die Schulen haben es selbst vermasselt.

Sie sind aber nicht grundsätzlich gegen Reformen: Wo bräuchten wir denn dringend welche?

Bei der Personalplanung: Der Lehrer als menschliche Ressource wird sträflich vernachlässigt. Es gibt Zeiten, da wird praktisch jeder verbeamtet und andere, da werden selbst die Besten nicht genommen. Das darf nicht sein. Für die Besten muss immer ein Weg an die Schulen offen sein, und die Lebensuntüchtigen mit hoher Sicherheitspräferenz sollten draußen bleiben. Das zum einen. Zum andern sollte die Politik am Image des Lehrers arbeiten. Angesichts dessen, was wir als Gesellschaft von der Schule alles erwarten, sollte das wenigstens kein Beruf sein, über den die Leute schmunzeln.

Sie sagen, der Föderalismus sei eine Chance. Warum denn das?

Das ist doch eine Möglichkeit, unterschiedliche Modelle auszuprobieren und zu vergleichen. Leider wird das aber immer wieder versäumt, wie bei der frühkindlichen Sprachförderung. Da hat jedes Land sein eigenes Projekt. Wäre man zu systematischem Voneinanderlernen bereit, hätte man das als strukturiertes Experiment oder als Wettbewerb aufziehen, und dann in ein paar Jahren schauen können, was am besten funktioniert. Im Übrigen glaube ich, dass in verschiedenen Regionen manchmal auch unterschiedliche Lösungen nötig sind. Der Ruhrpott ist nicht die Uckermark, und Stuttgart ist nicht Berlin.

Interview: Frauke Haß

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