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Bildungsforscher im Interview: "Der Bessere ist des Guten Feind"

Bildungsforscher Ernst Rösner über das Dilemma der Hauptschüler auf dem Arbeitsmarkt und die Vorteile des gemeinsamens Lernens von starken und schwachen Schülern.

Bildungsforscher Rösner glaubt, dass starke Schüler die schwachen motivieren.
Bildungsforscher Rösner glaubt, dass starke Schüler die schwachen motivieren.
Foto: dpa

Herr Rösner, laut Nationalem Bildungsbericht haben mehr als sieben Prozent eines Jahrgangs keinen Schulabschluss. Jeder sechste junge Mensch zwischen 20 und 30 Jahren ist ohne Ausbildung. Haben all die Schul- und Ausbildungsreformen der letzten Jahre nichts gebracht?

Offensichtlich nicht in dem Bereich der sogenannten Risikoschüler. Mit einer stärkeren Berufsvorbereitung an den Hauptschulen kann man das Problem leider nicht lösen.

Zur Person

Dr. Ernst Rösner ist Bildungsforscher und arbeitet am Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund. Er leitet dort die Abteilung "Qualitätsentwicklung im Bildungswesen". Der Erziehungswissenschaftler ist Autor des Buches "Hauptschule am Ende - Ein Nachruf".

Laut nationalem Bildungsbericht, der offiziell am heutigen Donnerstag veröffentlicht wird, nimmt die Zahl der jungen Menschen ohne Berufsabschluss weiter zu. Vor allem Hauptschüler auf dem Arbeitsmarkt immer weniger Chancen. Obwohl die Unternehmen von Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt sprechen, schafft es jeder zweite Hauptschüler mit Abschluss nur in eine Warteschleife des sogenannten Übergangssystems.

Die Schulabbrecherzahlen, die Bund und Länder halbieren wollen, sind nach wie vor alarmierend. Zwar sank die Zahl der Schüler ohne Hauptschulabschluss bundesweit von 8,5 (2004) auf 7,4 (2008). Dies waren aber immer noch rund 65 000 Schüler. (ki/dpa)

Dr. Ernst Rösner
Dr. Ernst Rösner
Foto: privat

Genau darauf setzen aber die meisten Hauptschulen. Sie kooperieren eng mit den Betrieben. Bei manchen Lehrern hat man sogar den Eindruck, sie tragen den schwachen Schüler förmlich in die Ausbildung rein. Alles umsonst?

Viele Maßnahmen sind gut gemeint, aber leider ändert das nicht die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Dort gilt knallhart: Der Bessere ist des Guten Feind. Wenn eine Firma die Wahl hat zwischen einem guten Realschüler und einem guten Hauptschüler, dann nimmt sie den mit dem höheren Abschluss. Zumal von denen ja genug da sind. Es gibt keinen Mangel. Die Kinder brauchen heute bessere Schulabschlüsse als ihre Eltern, um in die gleichen beruflichen Positionen zu gelangen. Gelingt das nicht, ist der soziale Status in der Generationenfolge gefährdet.

War das früher wirklich anders?

Ja. Ich nenne ein aktuelles Beispiel: Den Kfz-Schlosser gibt es heute gar nicht mehr, stattdessen haben wir den Mechatroniker. Die Voraussetzung für einen Ausbildungsplatz ist nicht der Hauptschul-, sondern der Realschulabschluss. Oder nehmen wir die Bankkaufleute. Das war früher ein typischer Beruf für Realschüler. Heute hat die Mehrzahl der Auszubildenden Abitur. An dieser Tatsache zerbrechen alle politischen Initiativen, die Lernschwache in den Hauptschulen stärken wollen.

Das Kabinett hat am gestrigen Mittwoch Einstiegshilfen für Risikoschüler beschlossen. Sogenannte Bildungslotsen sollen den Lernschwachen helfen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Was bringt das neue Sonderprogramm?

Nichts. Die Idee mag gut sein, aber sie wird nichts nützen. Wir haben die Hauptschule im Westen seit 1968. Seitdem geht es mit diesem Bildungsgang überall bergab. Es hat unzählige Versuche gegeben, die Hauptschule zu stabilisieren oder das Schulwahlverhalten der Eltern zu ändern. Alles ist gescheitert.

Jeder zweite Hauptschüler mit Abschluss landet nicht auf dem Ausbildungsmarkt, sondern erstmal in der Warteschleife. Soll man das einfach hinnehmen?

Natürlich nicht, aber wir brauchen andere Maßnahmen. Wir haben bundesweit einen stetig sinkenden Anteil von Hauptschülern. Das führt zu einer weiteren Homogenisierung der Schülerschaft, dem die Bundesländer entgegenwirken müssen.

Was heißt das konkret?

Das bedeutet, dass immer mehr Schüler mit Migrationshintergrund oder problematischen Familienverhältnissen gemeinsam in einer Klasse sitzen. Da entwickelt sich kein gutes Lernklima mehr und ist demotivierend für jeden, der eigentlich etwas leisten möchte. Die Klasse stellt sich dann kollektiv die Frage: Wozu sitzen wir überhaupt hier? Wir haben ja doch keine Chance.

Manche Bundesländer gehen dazu über, Haupt- und Realschulen zusammenzulegen. Hilft die Auflösung der Hauptschulen?

Das ist ein erster und wichtiger Schritt, der aber nicht zufriedenstellen kann. Man muss die Hauptschüler von dem Stigma befreien, in einer Restschule zu sitzen. Und da kann es vernünftig sein, zwei Schulen zu vereinen und ihr einen neuen Namen zu geben. Etikettenschwindel wie derzeit in Bayern und Baden-Württemberg hilft dagegen nichts. In Bayern heißt eine Variante der Hauptschule künftig Mittelschule, in Baden-Württemberg Werkrealschule. Darauf werden die Eltern nicht hereinfallen.

Was raten Sie stattdessen?

Wir müssen die Schulformen inhaltlich zusammenführen. Dort müssen schwächere und stärkere Schüler gemeinsam arbeiten. Dann haben die heutigen Risiko-Schüler auch ein Umfeld, das zum Lernen anregt. Sie sehen Mitschüler, die sich anstrengen und erfolgreich sind. Das motiviert enorm. Und auf dem Arbeitsmarkt hätten sie vermutlich deutlich bessere Chancen.

Interview: Katja Irle

Datum:  17 | 6 | 2010
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