Hannover/Mainz/Landau/Kassel/Köln. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) unterstützt den Studentenprotest für eine bessere Bildung. Bei der starken Reglementierung der Studieninhalte drohe die akademische Freiheit zu ersticken, erklärte der Vorsitzende des EKD-Hochschulbeirats, Bischof Johannes Friedrich.
Studenten lernten keine Kritikfähigkeit, wissenschaftliche Kompetenz und ethisches Reflexionsbewusstsein, wenn das Studium in eine verschulte Ausbildung ohne Bildungswert verwandelt werde.
Ursachen für die Probleme an den Hochschulen seien deren "krasse Unterfinanzierung" und der Versuch, alle Fächer zu vereinheitlichen, meinte Friedrich. Nötig sei eine Reform der Studiengänge unter Berücksichtigung fachlicher Besonderheiten. Die Kultusminister der Länder seien zu einem solchen Umlenken aber anscheinend noch nicht bereit.
Rund 1000 Medizinstudenten haben vor der Mainzer Uniklinik mit einer Kundgebung gegen die aus ihrer Sicht schlechten Lehrbedingungen demonstriert. Die Proteste richteten sich gegen eine Kürzung des Lehrbudgets um 2,3 Millionen Euro und die schlechten Bedingungen im Praktischen Jahr (PJ), sagte der Sprecher der Studentengruppe, Simon Diestelmeier, auf der Kundgebung.
Die Budgetkürzung, die vom Aufsichtsrat beschlossen wurde und nun der Forschung zugute kommt, entspricht laut Diestelmeier etwa 15 Prozent des gesamten Lehretats. Die Medizinstudenten fordern deshalb mehr Gelder für die Lehre sowie freie Kost und Logis während des Praktischen Jahrs, in dem sie Vollzeit und ohne Bezahlung arbeiteten.
Ebenso sollten indirekte Zuwendungen von bis zu 250 Euro pro Monat durch die Lehrkrankenhäuser zulässig sein. Nach der Kundgebung setzten sich rund 300 Demonstranten zu einem zuvor nicht angemeldeten Protestzug in Richtung Bildungsministerium in Bewegung. Sie übergaben Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) symbolisch für das "Ausbluten der Lehre" Blutkanülen. Ahnen, gleichzeitig auch Aufsichtsratsvorsitzende der Universitätsmedizin, entgegnete, die Landesmittel in Höhe von jährlich über 80 Millionen Euro stünden weiterhin zur Verfügung. Im Rahmen des neuen Modells sei die Lehre in "vollem Umfang" abgedeckt, betonte die Ministerin.
Unterstützung erhielten die Studenten von der Landesärztekammer. Diese lehnte die Kürzungen für die Lehre ebenfalls strikt ab und kritisierte zudem scharf den Beschluss der Lehrkrankenhäuser in Rheinland-Pfalz, ab dem nächsten Jahr auf jegliche Vergütung der "PJler" zu verzichten. Es sei "unerträglich und unethisch zugleich", wenn angehende Kollegen zwar im Vollzeiteinsatz zur erheblichen Entlastung des Klinikbetriebs beitrügen, aber dafür keine angemessene Vergütung erhielten, sagte Landesärztekammer-Präsident Frieder Hessenauer.
Der Prodekan für Studium und Lehre der Universitätsmedizin, Peter Brockerhoff, sagte, hinsichtlich der Kürzung des Lehrbudgets hätten die Studentenproteste seine "absolute Unterstützung". Die Kritik an den Bedingungen im PJ könne er dagegen nicht nachvollziehen. Eine einheitliche Regelung für alle Lehrkrankenhäuser sei notwendig gewesen, sagte Brockerhoff. Zudem seien die "PJler" immer noch Studenten und keine Arbeitnehmer.
Kasseler Studenten besetzen Hörsaal
Die Studenten der Kasseler Universität haben in der Nacht zum Donnerstag ihre Proteste fortgesetzt. Rund 30 von ihnen hielten weiterhin einen Hörsaal besetzt. Damit wollen sie für bessere Studienbedingungen demonstrieren. Nach Angaben eines Sprechers der Studentenvertretung Asta sind für den Vormittag Diskussionen geplant.
"Wir hoffen, dass sich dann noch mehr Studenten mit uns solidarisieren", hieß es. Am Mittwoch hatten bereits 400 Studenten den Hörsaal blockiert und mehr Dozenten und Räume sowie weniger Prüfungen in den Bachelor- und Master-Studiengängen gefordert. Sie verlangen zudem eine Einschränkung der Vorlesungszeiten.
Auch in Köln wird weiter gestreikt
In Köln haben rund 250 Studenten auch am Donnerstag die stark genutzte Aula der Uni besetzt gehalten. Zunächst hatten 50 Studenten zum zweiten Mal in Folge die Nacht im größten Saal des Hauptgebäudes verbracht. Nach diesem "Sleep-In" strömten am Donnerstagvormittag immer mehr junge Leute in die Aula und blockierten den Betrieb, wie ein AStA-Sprecher sagte.
"Das Rektorat will ein Ausweichen auf einen alternativen Raum, aber wir lassen uns darauf nicht ein." Die Studenten fordern eine Abschaffung der Studiengebühren, bessere Studienbedingungen und eine Reform der neuen Bachelor- und Masterstudiengängen.
Eine Sprecherin der Hochschule erklärte: "Als letzten Schritt behalten wir uns eine polizeiliche Räumung vor." Nach Diskussionen mit den Hörsaal-Besetzern seien die Studenten nun ultimativ aufgefordert, die dringend benötigte Aula zu verlassen.
Die neuen Studiengänge sind aus Sicht der Studenten überfrachtet, stark verschult, zu kurz und eröffnen ihnen wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Uni-Sprecherin Merle Hettesheimer sagte, die Hochschulleitung habe hier großes Verständnis für die Studenten. "Wir wollen möglichst schnell zu einer Entzerrung und zu Verbesserungen kommen, aber so etwas geht nicht von heute auf morgen." Die Umstellung auf Master und Bachelor vor einigen Jahren bedeute für die Hochschulen "eine der größten Umwälzungen ihrer Geschichte".
Schon seit Dienstag streiken Zehntausende Schüler und Studenten bundesweit in Demonstrationen und Kundgebungen gegen die "Bildungsmisere" und halten dabei auch an vielen anderen Unis Hörsäle besetzt. Am Mittwoch waren NRW-weit etwa in Düsseldorf, Bochum und Siegen Räume aus Protest blockiert worden. (ddp/dpa)
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