An einer Barrikade aus Stühlen beginnt der Widerstand. "Achtung! Sie verlassen den demokratischen Sektor. Sie betreten Hochschulgelände" haben Studenten auf ein großes Schild geschrieben.
Jenaer Studenten haben während des bundesweiten Bildungsstreiks diese Woche den radikalen Weg gewählt: Nach einem Konzert auf dem Campus besetzten sie in der Nacht zum Dienstag den Flur eines Gebäudes der Friedrich-Schiller-Universität. Transparente künden weithin: "Stiftung Uni-Test: FSU Jena mangelhaft" oder "Mit Bachelor ist alles doof".
Seither teilt in Jena eine Barrikade aus wild übereinander gestapelten Stühlen die universitäre Welt: Drinnen rund 80 junge Menschen, die sich gegen die "miesen Bedingungen" an der Hochschule stemmen. Draußen das Gros der 24 000 Jenaer Studenten, die so wirken, als wollten sie vor allem eins: in Ruhe weiterstudieren.
Bundesweit streiken und demonstrieren Schüler und Studierende noch bis Freitag für eine bessere Bildung. Studierende halten auch in Berlin, Bochum, Heidelberg und Hamburg Unigebäude besetzt. In vielen Städten wurden Protestcamps, alternative Vorlesungen oder Vollversammlungen abgehalten. In Düsseldorf gab es ein Sit-In vor der Staatskanzlei; in Frankfurt an der Oder brachten Aktivisten "Bildungsbier" unter die Leute.
"Riesiger Unmut"
Am heutigen zentralen Streiktag rechnen die Veranstalter mit 150 000 Teilnehmern bei Demonstrationen in mehr als 80 Städten. "Der Unmut über die Bedingungen an Schulen und Universitäten ist riesig", sagt Oskar Stolz, Studierendenvertreter an der Berliner Humboldt-Universität, "wir sind sicher, dass der Streik mehr Menschen als in den vergangenen Jahren auf die Straße treibt."
Besonders rege Teilnahme wird in Berlin erwartet. Dort ruft auch die Gewerkschaft GEW alle angestellten Lehrer auf, heute zu streiken und mitzudemonstrieren. Auch die Präsidenten von Technischer und Freier Universität (FU) unterstützen den Streik. FU-Präsident Dieter Lenzen bittet die Professoren seiner Universität schriftlich gar um "Nachsicht", wenn Studierende heute nicht in die Seminare kommen.
Am morgigen Donnerstag soll in München, Berlin, Würzburg, Flensburg, Köln, Dresden, Freiburg, Rostock und Bielefeld vorübergehend der Bankbetrieb lahm gelegt werden. Die Aktivisten der "Aktion Banküberfall" fordern ein "im Vergleich mit der staatlichen Bankenrettung bescheiden ausgestaltetes Sofortprogramm" in Höhe von 104 Milliarden Euro für die Bildung. Damit finanziert werden sollen die Abschaffung aller Studiengebühren, Bafög für alle, zwei Millionen Studienplätze und neue Lehrer für kleinere Klassen.
Der Protest des bundesweiten Bildungsstreiks richtet sich darüber hinaus gegen die Verschulung des Studiums ebenso wie gegen das mehrgliedrige Schulsystem und die verkürzte Zeit bis zum Abitur. Für die Universitäten und Hochschulen fordern die Veranstalter nicht nur eine Veränderung von Bachelor und Master, sondern deren Abschaffung.
Die im Zuge des Bologna-Prozesses eingeführten Studiengänge führten zu einer "McDonaldisierung" der Universitäten, sagte der emeritierte Berliner Politikprofessor Peter Grottian. Der Bachelor sei "flachsinnig", die Elitisierung der Wissenschaft in vollem Gange. Auch ein Großteil der Milliarden aus dem Konjunkturpaket käme nicht der allgemeinen Bildung, sondern den Elite-Universitäten sowie der außeruniversitären Forschung zugute. Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, stimmte zu, dass die Universitäten "dramatisch unterfinanziert" seien.
Getragen wird der Bildungsstreik von 70 lokalen Bündnissen und 230 Organisationen, darunter auch Attac und Verdi. Der Philologenverband ist hingegen der Ansicht, der Streik sei von Linksradikalen unterwandert. Konservative Studentenvertreter wie der RCDS-geführte Asta Bonn distanzieren sich vom Streik. mit dpa
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