Es ist nicht ganz klar, ob Simon Tausch gern in die Haut von Chuck Norris schlüpfen würde. Fest steht: Er ist kein US-amerikanischer Superheld, der im Wasser trocken bleibt und mühelos bis unendlich zählen kann. Zwei Mal. Der 20-Jährige mit den strahlend blauen Augen und dem kurzen blonden Zopf ist ein ganz normaler Informatik-Student an der Freien Universität Berlin. Er ist im zweiten Semester, und sich bereits heute sicher: Nach dem sechsten wird er sein Studium nicht beenden.
Denn, so steht es auf dem Schild, das er über dem Kopf hält: "Nur Chuck Norris schafft den Bachelor in Regelzeit." Leute wie er und seine Kommilitonen, sagt Simon Tausch, "haben keine Chance. Der Druck, unter dem wir stehen, macht uns das ganze Studium kaputt. Nur Prüfungen, null Selbstbestimmung, dauernd Nachtschichten". Simon Tausch wünscht sich nicht die Weltrevolution. "Aber ohne ein anders organisiertes Studium wird es nicht gehen."
In mehr als zehn Städten wollen Protestierende heute Banken besetzen. Mit dem symbolischen Banküberfall unter anderem in Berlin, München, Köln, Freiburg, Dresden, Würzburg, Rostock, Flensburg und Bielefeld kritisieren die Bildungsstreik- Aktivisten die Rettungspakete für Banken und plädieren dafür, die Milliarden in freie und bessere Bildung zu investieren.
Mit rund 105 Milliarden Euro könnten alle Studiengebühren abgeschafft, Bafög für alle eingeführt, eine Million neuer Studienplätze und neue Lehrer für kleinere Klassen finanziert werden, argumentieren die Streikenden.
Weil das so ist, ist der 20-Jährige am Dienstag ins Präsidium der Freien Universität marschiert - und am Mittwoch auf den Alexanderplatz. Mindestens 15 000 sind hier am Mittag versammelt, die Veranstalter melden später 27 000 Demonstranten in Berlin insgesamt: Schüler und Studierende, Lehrer, Eltern, Uni-Mitarbeiter, sogar ein paar Professoren.
In dem Aufruf zum bundesweiten Bildungsstreik, dem sie gefolgt sind, ist von großen Zielen die Rede: Von einer "Bildung, die zur kritischen Reflexion befähigt, sich an gesellschaftlichen Bedürfnissen orientiert und Theorie und Praxis verbindet". Von selbst bestimmtem Lernen, Bafög für alle, Studiengebühren für keinen. Linksradikal sei das, sagen die Gegner des bundesweiten Bildungsstreiks. Auch Simon Tausch musste sich das anhören. "Bis ich erklärt habe, worum es mir geht. Das hat dann jeder verstanden."
Die allermeisten sind nämlich nicht wegen besonders revolutionärer Ideen hier. Sondern wegen ganz kleiner und sehr konkreter Probleme. "Wir sind 36 Schüler in der Klasse", sagt die 15-jährige Juliana, "und die ersten, die das Turbo-Abitur machen sollen. Wir haben eine 35-Stunden-Woche und null Zeit für etwas anderes: Nicht für Freunde, nicht für Musik - für gar nichts."
Eltern unterstützen ihre Kinder beim Protest: "Es fehlen Räume und Lehrer", sagt ein Vater. Lehrer sind da, die es nicht in Ordnung finden, dass sie als Angestellte nahezu 1000 Euro weniger bekommen als ihre verbeamteten Kollegen. Bibliotheksmitarbeiter, die angesichts leerer Kassen immer weniger Bücher unter die Leute bringen können. Und: Es sind wenige dabei, die nicht darauf verweisen, dass sich "die Politik" zwecks Rettung von Opel die Nächte um die Ohren schlägt, für die Bildung aber nicht. Donnerstag und Freitag tagen nämlich auch die Kultusminister in Berlin. Auf die Bitte um ein Gespräch, so erzählt man sich hier, soll die Kultusministerkonferenz den Bildungsstreikern lediglich eine halbe Stunde angeboten haben. Bestätigen wollte das die Kultusministerkonferenz gestern allerdings nicht.
Und natürlich ist Peter Grottian gekommen, der von den Studierenden als so etwas wie der Grandseigneur des politischen Protests mit in das Vorbereitungskomitee gebeten wurde. Zufrieden schaut der emeritierte Politik-Professor auf die doch beachtliche Menge Demonstrierender. Spät, aber doch noch, sagt Grottian, hätte auch die Öffentlichkeit nun mitbekommen, dass "hier ein breites Bündnis mit Erfolg mobilisiert hat". Und Grottian wäre nicht Grottian, wenn er dem nicht anfügen würde: "Nun muss nur die Politik das auch noch noch begreifen!"
Straßen und Plätze besetzt
Tatsächlich protestierten am Hauptstreiktag Mittwoch wohl weit mehr als die von den Agenturen am frühen Nachmittag zunächst gemeldeten 100 000. Gegen 16 Uhr wollten die Organisatoren in rund 70 Städten 240 000 Demonstranten gezählt haben, darunter Stuttgart mit 15 000, Würzburg mit 3000, Göttingen, Hannover und Münster mit je 10 000, Hamburg mit 13 000, Heidelberg mit 7000 und Halle mit 3000 Demonstranten. Die Polizei meldete allein für Niedersachsen 30 000 Teilnehmer der Proteste.
In Konstanz, Köln, Dresden, Leipzig, Osnabrück und Bielefeld wurden Straßen und Plätze besetzt. In Mainz drangen die Streikenden in den rheinland-pfälzischen Landtag ein. An der Uni Göttingen wurde - wie bereits am Vortag an der FU Berlin - das Präsidium besetzt. Am morgigen Freitag soll vor der KMK-Tagung in Berlin demonstriert werden. Seite 13
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