Es war eine bizarre Situation, in der man David Carradine fand. Halbnackt war der Schauspieler, seine Genitalien waren mit einem schwarzen Nylonband umbunden, um seine Hals war die Kordel der Gardinen gewickelt, so berichtet einer der Rettungssanitäter dem US-Nachrichtensender CNN. Die Sanitäter fanden Carradine vergangene Woche erhängt in dem Kleiderschrank seines Hotelzimmers. Ob Mord, Selbstmord oder Unfall, darüber wird noch spekuliert.
Der Rechtsmediziner Dirk Breitmeier von der Medizinische Hochschule Hannover kennt solche Szenarien. "Die Auffindesituation wäre plausibel mit einem autoerotischen Unfall zu vereinbaren", sagt er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Zusammen mit Kollegen hat Breitmeier vierzig solcher Todesfälle, die sich im Raum Hannover ereignet haben, ausgewertet.
Ein autoerotischer Unfall passiert bei Experimenten auf der Suche nach dem ultimativen Orgasmus, wie der Rechtsmediziner erläutert. Autoerotik bedeutet, sich selbst sexuelle Lust zu verschaffen. Das beginnt mit Masturbation und bei den meisten Menschen bleibt es auch dabei. Aber einige versuchen durch einen kontrollierten Sauerstoffmangel den Orgasmus zu intensivieren. Zu wenig Sauerstoff im Gehirn wirkt euphorisierend, es ist ein angenehmer, berauschter Zustand.
"Aber die Bewusstlosigkeit tritt viel schneller ein, als die Menschen denken", warnt Breitmeier. Ungefähr 80 Menschen sterben im Jahr in Deutschland bei ihren autoerotischen Abenteuern. Wie hoch die Dunkelziffer ist, wisse man nicht. "Es sind zu 96 Prozent Männer, die eine wilde Konstruktion aus Schnüren und Seilen gebaut haben, die über Türklinken und Stühle laufen, womit sie sich langsam die Luft abdrücken", erklärt Breitmeier.
Um sich solche ausgeklügelten Aufbauten auszudenken und sie aufzubauen braucht man Zeit und Muße. In der Regel sterben die Menschen nicht bei den ersten Versuchen, ihre Fantasien zu verwirklichen. Die Suche nach dem noch intensiveren, noch aufregenderen, noch längeren Orgasmus gleicht einer Sucht. Sie kann harmlos beginnen und in den bizarrsten Situationen enden.
In Hamburg wurde ein Fall bekannt, bei dem sich ein Mann über und über mit Scheiblettenkäse belegte, sich anschließend eine Nylonstrumpfhose über den Oberkörper zog, sich einen Plastikregenmantel anzog und dann in einen Taucheranzug stieg, sich in der Nähe der eingeschaltete Heizung hockte und sich eine Plastiktüte über den Kopf stülpte. Er erstickte. In der Nähe seiner Leiche fand man Bilder einer Frau in Plastikkleidung und eine Dose Äther. Die Kombination von Sauerstoffmangel und Drogen ist öfters anzutreffen, mal ist es Alkohol, mal Kokain, mal Ketamin - letztlich alles, was das Orgasmusempfinden steigern könnte.
"Menschen, die sich bei autoerotischen Betätigungen selbst verletzen oder töten, leiden an einer sexuellen Präferenzstörung. So bezeichnen Sexualmediziner das, was früher Perversion genannt wurde", erklärt Christoph Joseph Ahlers. Der Klinische Sexualpsychologe arbeitet an der Charité und als niedergelassener Sexualtherapeut in Berlin.
Bei einer Präferenzstörung entwickeln sich die sexuellen Neigungen eines Menschen in eine ungewöhnliche Richtung, häufig hin zum Fetischismus und Sadomasochismus. "Durch Fesselungen und Knebel erleben die Betroffenen eine befreiende Einengung", sagt Ahlers. Was zunächst paradox klinge, lasse sich einfach erklären, wenn man die begleitenden Sexualfantasien von Betroffenen betrachte: Der Mensch ist gefesselt, er kann nicht mehr handeln. Dinge geschehen mit ihm, er trägt keine Verantwortung dafür. Auf diese Weise kann sexuelle Erregung vollkommen schuldfrei zugelassen werden.
Meist paart sich diese Vorliebe mit einem Hang zum Fetischismus. Dabei wird eine Mensch durch einen Gegenstand, ein bestimmtes Material oder ein Objekt sexuell erregt, etwa Leder oder Uniformen. Die Frage, die bei solchen Störungen unweigerlich kommt, lautet: angeboren oder anerzogen? "Beides", sagt Ahlers, "die Vorlieben werden meist schon vor der Pubertät entwickelt und in der Pubertät mit sexueller Erregung gekoppelt." Da sie meist ein Leben lang stabil blieben, deute vieles darauf hin, dass es neben den psychologischen und soziologischen Aspekten auch eine biologische Komponente gebe.
Der Tod von David Carradine erinnert an jenen von Michael Hutchence, dem INXS Sänger, der 1997 an seinem Gürtel erhängt in einem Hotelzimmer gefunden wurde. Der Gerichtsmediziner stellte Selbstmord fest, doch seine damalige Lebensgefährtin plauderte zwei Jahre später über Hutchences sexuelle Vorlieben. Auch aus Carradines Leben sind solche Details bekannt geworden. Wie aus den Scheidungspapieren hervorgeht, die ein auf Justizfälle spezialisierter Internetdienst veröffentlicht hat, stand Carradine auf ungewöhnliche Sexpraktiken.
"Prominente sind nicht überdurchschnittlich sexuell gestört", erklärt Ahlers. Aber in ihrer Unabhängigkeit komme es eher zum exzessiven Ausleben ihrer Vorlieben.
Selbsttötungsabsichten haben Menschen mit diesen Faibles nicht, in ihren Fessel-Knebel-Würge-Konstruktionen gibt es oft Rettungsmechanismen: Seile die Gleitknoten haben, damit sie schnell geöffnet werden können, Messer und Scheren in greifbarer Nähe oder ein Stuhl, um sich darauf zu stellen. Aber dann war der Knoten doch falsch gebunden, das Messer zu weit weg, der Stuhl fiel um. Wenn der Gerichtsmediziner an einen solchen Tatort gerufen wird, dann findet er einen nackten Mann, der sich erhängt hat. So wie Carradine. Wie unterscheidet man in einem solchen Fall zwischen Mord, Selbstmord oder Unfall?
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