Wenn man seine Schwächen genauso akzeptiert wie seine Stärken, müssen einem eigene Fehler nicht wirklich peinlich sein. Die peinlichsten Momente waren in meinem drei Jahrzehnte währenden Berufsleben als Lehrer also weniger Situationen, in denen ich selbst Fehler gemacht habe oder in denen mir irgendeine Dämlichkeit passiert ist.
Vielmehr war und ist es mir persönlich, aber auch als Mitglied des pädagogischen Berufsstandes immer wieder extrem peinlich, beobachten zu müssen, wie in Konferenzen (die frustrierendsten, wenn nicht sinnlosesten Stunden meines Lebens) und vor allem in Gesprächen im Lehrerzimmer über Schüler hergezogen wird: So viel menschenverachtender Zynismus wird da von viel zu vielen (nicht von der Mehrheit!) viel zu oft verspritzt. So viel sadistische Freude am, oft auch noch ungerechten, Verteilen schlechter Noten - ohne jede Selbstkritik.
Andreas Müller war 25 Jahre lang Lehrer für Deutsch und Politik in Groß-Umstadt in Hessen. Jetzt ging er in Pension und beantwortete aus diesem Anlass einen Fragebogen von Schülern. Hier seine gekürzte Antwort zur Frage, was ihm als Lehrer peinlich war.
Bestimmt 75 Prozent aller Versetzungsprobleme sind durch schlechte Noten im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich verursacht - nicht ein einziges Mal habe ich es erlebt, dass jemand aus diesem Fachbereich Zweifel an den eigenen Methoden auch nur in Erwägung gezogen hätte: Ausschließlich immer waren die "dummen, faulen, unfähigen" Schüler selbst schuld.
Der Schüler ist der Feind
Offen demonstrieren die Kollegen da die Einstellung, die Schüler seien der Feind, den es zu unterdrücken gilt: Jedem, der seinen pädagogischen Beruf als Berufung, als Dienstleistung für Schüler ernst nimmt, muss so etwas nicht nur peinlich sein.
Mir ist vor allem richtig peinlich, dass ich mit den Jahren immer seltener etwas dagegen gesagt oder gar unternommen, dass ich stattdessen immer mehr resigniert habe. Selbst wenn dies auch ein Ergebnis der Erfahrungen aus 15 Jahren Tätigkeit als Verbindungslehrer und aus fast 20 Jahren in der Drogenberatung ist, muss ich es mir vorwerfen, nicht konsequenter geblieben zu sein.
Als ich an der Max-Planck-Schule in Groß-Umstadt angefangen habe, gab es im Kollegium eine Gruppe, die politisch zumindest als "rechtsaußen" bezeichnet werden musste. In meiner ersten Stunde fand ich ein Tafelbild meines Vorgängers vor, auf dem der Nationalsozialismus als "ideologiefrei" verherrlicht wurde. Seitdem hat sich viel geändert, und dazu haben auch die jungen Kollegen beigetragen, die nach und nach dazukamen. Seit etlichen Jahren ist es aber leider so, dass viele der neuen, jungen Kollegen nicht nur in politischer Hinsicht konservativer sind als diejenigen, die in Pension gehen.
Ich empfinde es als peinlich, wenn ich beobachten muss, wie schnell manche Kollegen vergessen, wie es für sie auf der anderen Seite des Klassenzimmers war, wie sie sich als Schüler manchen Lehrern gegenüber gefühlt haben - das trifft leider immer öfter gerade auf junge Kollegen zu. Wenn sie nicht so vergesslich wären, könnten sie sich gegenüber Schülern nicht so schnell so ablehnend, ja feindlich äußern und verhalten.
Sie würden wissen, dass ein Lehrer mit (natürlicher und fachlicher) Autorität nie autoritär sein muss. Sie würden darauf achten, Schülern zu helfen, sie beim Lernen und beim Sammeln und Auswerten von Erfahrungen zu unterstützen. Man muss keine Hausaufgaben aufgeben, nur, weil man eben Hausaufgaben gibt. Es ist ja nicht verkehrt, wenn Schüler ihren Hobbys nachgehen, sich mit Freunden treffen, Zeit dafür haben, eigene Erfahrungen zu machen, eine selbstständige Persönlichkeit entwickeln - am Ende gar eine mit einem eigenständigen, kritischen Verstand.
Wie sich Menschen im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung ohne eine starke eigene Persönlichkeit als selbstbestimmte Individuen behaupten sollen ist mir schleierhaft. Wie sollen Menschen, die vor allem Buckeln, Kleinmachen, Einschmeicheln und Hinabsehen auf Unterlegene gelernt haben, diese Gesellschaft mitmenschlich und demokratisch in Gang halten?
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