Stuttgart/Stein am Rhein (ap) - Im Bodensee breiten sich seit einigen Jahren verstärkt neue Tierarten aus. Die ökologischen Folgen dieser sogenannten Neozoen sind weitgehend unbekannt.
Eingeschleppt wurden sie durch die Öffnung von Wasserwegen und die Handelsschifffahrt, wie der Neozoenforscher Patrick Steinmann sagte. Seit 2002 wurden im Bodensee vier neue Tierarten festgestellt, wie ein Sprecher des Umweltministeriums am Montag in Stuttgart sagte.
So tauchte die ein bis anderthalb Zentimeter lange Donau-Schwebegarnele das erste Mal 2006 in der Bregenzer Bucht auf. Inzwischen gibt es sie in riesigen Schwärmen im ganzen Bodensee.
Der aus der Region zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer stammende Eindringling breitet sich aber auch im Genfersee in der Schweiz aus.
Auch der aus dem Kaukasus eingewanderte Höckerflohkrebs wurde im Bodensee festgestellt. Er vertilgt in rauen Mengen einheimische Flohkrebse, Wasserasseln und Wasserinsekten. Der zwei Zentimeter messende Fremdling ist vor sechs Jahren das erste Mal im Bodensee gesichtet worden.
Durch Schifffahrt eingeschleppt
Große Sorgen verursacht gegenwärtig die aus dem Schwarzmeer-Gebiet stammende Quagga-Muschel. Auf ihrem Vordringen rheinaufwärts - Richtung Bodensee - ist sie bereits in Karlsruhe angelangt. Das Schalentier lebt in der Tiefe und ist gefürchtet, weil es in großen Massen Ansaugschächte für das Trinkwasser verstopfen kann. Der Bodensee ist Trinkwasserspeicher für rund fünf Millionen Menschen.
Für diese Migration sind die Menschen verantwortlich: "Schuld daran ist die Mobilität im Wassersport, die Öffnung der Wasserwege und auch die Handelsschifffahrt", sagte Experte Steinmann. Die Verschleppung der Organismen erfolge groß- und kleinräumig: einerseits durch Frachtschiffe, die außereuropäisches Ballastwasser ungefiltert in europäischen Häfen ablassen, andererseits durch die Öffnung von Wasserwegen wie im Fall des Rhein-Main-Donau Kanals.
Freizeitboote, die beispielsweise vom Bodensee in den Zürichsee oder in andere Gewässer wechselten, sorgten zudem für die kleinräumige Verteilung der fremden Organismen. Einige dieser Arten könnten sowohl im Süß- wie im Salzwasser leben.
Forschungsprojekt Anebo
Seit drei Jahren befasst sich das Forschungsprojekt Anebo - Aquatische Neozoen im Bodensee - mit den tierischen Neuzuzügern. In einem Zwischenbericht heißt es, dass das Neozoen bestimmt Auswirkungen auf das Ökosystem haben werde, jedoch seien die Folgen noch nicht absehbar.
Steinmann ist gleicher Ansicht, fügt aber hinzu: "Einige der fremden Arten haben sich anfangs explosionsartig ausgebreitet und sind inzwischen auf tiefem Niveau stabil." Das heiße jedoch nicht, dass vom aquatischen Neozoen keine ernsthafte Gefahr ausgehe. Die baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) sagte kürzlich, die Ausbreitung im Bodensee bereite Sorge. Es bestehe kein Grund zur Panik, es wäre aber geradezu fahrlässig, die möglichen Gefahren auf die leichte Schulter zu nehmen.
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