Frau Gadow, Sie sind am 17. Mai bei der Bologna-Konferenz in Berlin dabei. Politik und Hochschulen knüpfen daran die Hoffnung, dass die Studierenden ihre Streiklust verlieren. Geht die Rechnung auf?
Das wird der 17. Mai zeigen. Bislang ist ja nur klar, dass es um die Themen Studienbedingungen, Mobilität und um die Anerkennung des Bachelor auf dem Arbeitsmarkt gehen wird. Dabei muss dann schon was rumkommen. Eine Veranstaltung nach dem Motto "Wir sprechen alle mal schön miteinander und lächeln nett in die Kamera" würde die Studierenden wohl eher wieder auf die Straße bringen.
Zur Nationalen Bologna-Konferenz hat Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) für Montag ihre Fachkollegen aus den Ländern sowie Vertreter der Hochschulen und der Studierenden nach Berlin geladen.
Gemeinsam wollen sie Bilanz ziehen, wie sich die neuen Studiengänge Bachelor und Master bislang entwickelt haben. Zudem geht es darum, weitere Schritte zu vereinbaren, die die Studierbarkeit von Fächern verbessern, die Mobilität der Studierenden fördern und die Anerkennung der neuen Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt gewährleisten sollen.
Nach den großen Demos der Studierenden 2009 nahmen die Beteiligten bereits Gespräche auf, aus denen erste Initiativen hervorgingen: Die Bundesländer legten neue Richtlinien für die Bologna-Studiengänge vor. Die Unis überarbeiteten Studien- und Prüfungsordnungen und suchten mit den Studierenden nach Lösungen.
Probleme aber sind geblieben: Weil sich Leistungen schwer vergleichen lassen, können Studierende kaum den Studienort wechseln. Umstritten bleibt auch, ob jeder, der es will, zum Masterstudium zugelassen werden sollte. (yg)
Hätten noch weitere Punkte auf die Themenliste gehört?
Das Programm ist insgesamt sehr kurz. Vor allem die soziale Dimension Studierender fällt hinten runter. Und vieles weitere, was mit den Hochschulen zu tun hat, wie etwa Studiengebühren oder der Hochschulzugang, wird überhaupt nicht diskutiert - mit der Begründung, dass es am Montag ausschließlich um den Bologna-Prozess gehen soll.
Sie waren schon bei den Vortreffen mit Schavan und Co. Was erwarten Sie jetzt?
Auf jeden Fall nicht nur schöne Worte. Bund, Länder und Hochschulen sollen die Verantwortung für konkrete Lösungsansätze übernehmen. Es kann nicht sein, dass sie sich wie 2009 wieder gegenseitig den Schwarzen Peter zuspielen. Wir wollen einen Fahrplan, aus dem hervorgeht, was innerhalb eines Jahres umgesetzt werden soll. Die Ergebnisse müssen dann auch evaluiert werden.
Was fordern Sie denn konkret?
Das hängt vom Adressaten ab. Vom Bund erwarten wir, dass er die Hochschulen bedarfsgerecht ausfinanziert und dass er das Bafög dem Bologna-Prozess anpasst. Das heißt: Wenn wir heute vom lebenslangen Lernen sprechen, muss sich das auch in der Ausbildungsförderung niederschlagen. Und schließlich sollen Bachelor-Absolventen in den höheren Dienst eingruppiert werden können.
In genauen Zahlen hieße das...?
Die haben wir erst mal weggelassen. Der Wissenschaftsrat und die Hochschulrektorenkonferenz haben ja Zahlen für die Einrichtung neuer Professuren herausgegeben, diese betrachten wir als Minimalforderung. Zunächst soll es eine wesentlich stärkere Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern geben, damit der Bund nachsteuern und Geld ins Bildungssystem geben kann, wenn sich die 16 Länder wieder mal nicht einig sind. Wir wollen eine verlässliche Förderung, nicht nur die Finanzierung einiger weniger, wie bei der Exzellenzinitiative.
Kommen wir zu den Ländern.
Wir wollen, dass alle, die einen Master machen möchten, das auch können. Die Länder müssten dafür aber erst mal konkrete Zahlen vorlegen: Wie viele Bachelor-Studierende gibt es derzeit und wie viele Masterplätze stehen denen, die bald mit dem Studium fertig werden, tatsächlich zur Verfügung? Vor allem aber sollen die Länder die studentische Mitbestimmung ausbauen, denn die ist in den Landeshochschulgesetzen geregelt. Im Bologna-Prozess ist klar die Rede von der "Befähigung zur gesellschaftlichen Teilhabe" und dazu gehört letztlich, mitbestimmen zu können. Eine Möglichkeit wäre hier die aktive Unterstützung einer Verfassten Studierendenschaft in Bayern und Baden-Württemberg.
Fragt man die Unis nach Mitbestimmung, verweisen die auf immer mehr Arbeitsgruppen, in denen Profs und Studierende heute zusammen überlegen, wie sie die neuen Studiengänge besser machen können. Täuschen solche Best-practice-Beispiele über die wahre Situation hinweg?
Wir haben in Deutschland über 12 000 Studiengänge. Was Sie beschreiben, gilt für eine Handvoll Hochschulen und dort auch nur für einzelne Studiengänge. Insofern bin ich mit Freudenbotschaften eher zurückhaltend.
Dabei wurden auch die Studierenden kritisiert, weil sie bei den Forderungen in Sachen Mitbestimmung vage geblieben sind.
Wir wollen als gleichberechtigte Mitglieder der Hochschule wahrgenommen und vor allem ernst genommen werden. Schließlich sind wir doch die Experten für unseren Studienalltag. Es kann deshalb auch nicht sein, dass wir Studierende Seminare und Vorlesungen evaluieren und diese dann, wie bislang häufig geschehen, nachher nicht ausgewertet werden. Es ist doch klar, dass wir dann auch über mögliche Verbesserungen sprechen müssen.
Uns fehlen noch Ihre Wünsche an die Hochschulen.
Für die gilt: Wir brauchen endlich eine qualitative Studienreform. Bislang hat sich ja die Reform nur auf die Struktur bezogen. Und so wurde dann alter Wein in neue Schläuche gegossen, was für viele zu einem enormen Prüfungsdruck geführt hat. Ein wichtiger Punkt ist für uns auch, dass die Anwesenheitspflicht aufgehoben wird. Wer an die Hochschule kommt, ist ein mündiger Bürger, der selbst entscheiden soll, wann und wie er lernt.
Interview: Yvonne Globert
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