kalaydo.de Anzeigen

Brailleschrift: Sechs Punkte

In der Sattlerwerkstatt seines Vaters verletzte sich der junge Franzose Louis Braille schwer und erblindete. Jahrelang tüftelte er, bis er aus sechs Punkten eine Blindenschrift entwickelte.

Eine Idee und ihr Erfolg: Auch in China lernen Blinde mit der Brailleschrift.
Eine Idee und ihr Erfolg: Auch in China lernen Blinde mit der Brailleschrift.
Foto: Getty

Im Oktober 1825 schuf der Franzose Louis Braille 16-jährig die aus sechs Punkten bestehende Blindenschrift. Mit dieser genialen Erfindung stieß der am 4. Januar 1809 in Coupvray bei Paris geborene und mit drei Jahren durch einen Unfall in der väterlichen Sattlerwerkstatt erblindete Junge für die Blinden in aller Welt das Tor zur Bildung auf.

Die sechs Punkte, die vollständig wie die Zahl sechs auf einem Würfel in zwei Reihen senkrecht nebeneinander stehen, lassen sich einschließlich eines Leerraums 64fach kombinieren. Damit sind alle Buchstaben und Satzzeichen rasch erkennbar darzustellen.

Louis Braille (1809-1852)
Zum Autor

war Sohn eines französischen Sattlers und erblindete im Alter von drei Jahren. Nach längeren erfolglosen Versuchen gelang ihm mit 16 Jahren die Entwicklung einer Blindenschrift auf der Basis von sechs Punkten.

Den weltweiten Siegeszug seiner Brailleschrift erlebte er nicht mehr. In Deutschland wurde seine Blindenschrift erst 1879 eingeführt.

Keyvan Dahesch ist von Geburt an blind. Er wurde 1941 in Teheran geboren und schreibt seit 35 Jahren für die Frankfurter Rundschau:

"Selbst alles zu lesen, war schon immer mein Traum. Denn meine Eltern und Geschwister hatten selten Zeit, mir etwas vorzulesen. Kurz bevor mein Vater mich, 16-jährig, 1958 zur erhofften Heilung der Blindheit in die Bundesrepublik brachte, machte ich in der Blinden-Schule der Christoffel- Blindenmission in der iranischen Stadt Isfahan die Bekanntschaft mit der deutschen Sprache und den sechs Punkten. Da aus der Heilung nichts wurde, blieb ich in Deutschland und besuchte die Blindenschule Nikolauspflege in Stuttgart.

Ohne die sechs Punkte hätte ich nicht so gut Deutsch gelernt. Bei der Massageausbildung hätte ich keine Notizen machen, das Examen nicht mit der Note "Gut" bestehen und den Beruf über zehn Jahre nicht weitgehend ohne Hilfe in medizinischen Institutionen ausüben können. Ohne sie hätte ich ebenfalls nicht die Voraussetzungen für das Studium und dieses nicht mit gutem Ergebnis bestehen, eine Verwaltungsausbildung nicht mit der Note "Sehr gut" abschließen und 27 Jahre nicht mit Erfolg als Bürgerbeauftragter und Pressesprecher einer Landessozialbehörde arbeiten können. Ohne die Blindenschrift hätte ich mir auch nicht die journalistische Fähigkeit aneignen und entfalten können. Ja: ohne die sechs Punkte hätte ich nicht meine heutige berufliche und gesellschaftliche Position erreicht, die niemand - am wenigsten ich selbst - vorauszusagen gewagt hätte.

Deshalb bedauere ich sehr, dass Anfang der 1970er Jahre manche Blindenschule das Lehren der segensreichen sechs Punkte durch die Bedienung des Kassettenrecorders ersetzte. Trotz guter Sprachausgaben am PC möchte ich nicht die auf acht Punkte erweiterte, 1825 von dem 16-jährigen blinden Schüler Louis Braille in Paris genial erfundene Schrift missen!"

Auf die Idee mit den Punkten brachte den bildungshungrigen Knaben im April 1821 ein Hauptmann Namens Charles Barbier. Im Pariser Blindenbildungsinstitut erläuterte er eine Methode, die er kreiert hatte und Nachtschrift nannte. Mit ihr übermittelten sich seine Soldaten in der Dunkelheit Nachrichten. Barbier dachte, dass auch blinde Menschen sie verwenden könnten. Bei dieser Schrift wurde das Wort in Laute zerlegt. Jeder Laut erhielt ein anderes Muster aus elf erhabenen Punkten, deren Stellung zueinander ihre Bedeutung ausmachten. Es gab weder Zahlen noch Satzzeichen.

Höchste Auszeichnung

Das Verfahren eignete sich allerdings nur für kurze Mitteilungen. Außerdem erschwerte die große Punktzahl nach Ansicht des Institutsschülers Braille das Lesen. Eifrig tüftelte er mehr als drei Jahre, bis er mit den sechs Punkten die Lösung präsentierte. Daraus entwickelte der leidenschaftliche Klavier- und Orgelspieler 1828 auch noch die Notenschrift für Blinde.

Doch viele Jahre kämpfte Braille vergeblich für seine Schrift. Erst 1851 - der Gesundheitszustand des seit Jahrzehnten an der Tuberkulose leidenden Braille verschlechterte sich dramatisch - überreichte ihm in der Krankenstube des Bildungsinstituts ein Staatsrat der Regierung die höchste Auszeichnung seines Vaterlandes, das Kreuz der Ehrenlegion.

Am 6. Januar 1852 starb Louis Braille im Alter von 43 Jahren - zwei Jahre, nachdem sein Schriftsystem in Frankreich offiziell in der Blindenbildung eingeführt worden war. In Deutschland war es erst 1879 soweit.

Ohne Brailles Schrift aus sechs Punkten, die später auf acht Punkte erweitert wurde, hätten blinde Menschen viele außergewöhnlichen Leistungen nicht erbringen können. Hier einige Beispiele:

Als der blinde Hans-Eugen Schulze 1936 mit 14 Jahren in der Blindenschule in Soest mit der Ausbildung zum Korbmacher, Stuhlflechter und Bürstenbinder anfing, konnte er sich so ziemlich alles vorstellen, nur nicht, dass er 50 Jahre später mit vielen Ehrungen als Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe in den Ruhestand verabschiedet werden würde. Sein Werdegang vom Handwerker über den Stenotypisten in der Justizbehörde, das Abitur in der Deutsche Blindenstudienanstalt in Marburg, das Jurastudium und Promotion, die Richtertätigkeit in Nordrhein-Westfalen bis hin zum Wechsel an den Bundesgerichtshof 1963 zeigen, welche Fähigkeiten nichtsehende Menschen mit Hilfe der Punktschrift entwickeln können, wenn sie eine Chance bekommen.

Der 1932 in München geborene Herbert Demmel besuchte dort die Landesblindenschule, ließ sich in einer kunsthandwerklich ausgerichteten Weberei ausbilden. 1949/50 absolvierte er die damals für Blinde recht aussichtsreiche Stenotypistenausbildung und arbeitete von 1951 bis 1959 in der Nachrichtenaufnahme des Bayerischen Rundfunks. Mit 320 Silben pro Minute wurde er 1956 Bayerischer Stenografenmeister. Durch den Besuch einer Abendschule schaffte er 1958 das Begabtenabitur und studierte bis 1963 an der Ludwig-Maximilian-Universität in München Rechtswissenschaft. Nach dem 1967 bestandenen zweiten juristischen Examen arbeitete er bis Ende Januar 1992 als Rechtsanwalt und Landesgeschäftsführer des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes. Noch mit 70 Jahren promovierte Demmel 2002 ebenfalls an der Ludwig-Maximilian-Universität zum Dr. jur.

Den Vorlese-Wettbewerb des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Frankfurt gewann mit zwölf Jahren eine ohne Sehvermögen geborene Schülerin der Blindenschule Ilvesheim. Dafür müssen sich die Sechstklässlerinnen und Sechstklässler über Klassen-, Schul-, Stadt, und Landesmeisterschaften qualifizieren. Auch beim Bundesentscheid müssen sie einen unbekannten Pflichttext und als Kür einen selbst gewählten Text lesen. Anja Geißler schaffte das ohne Behindertenbonus.

Nach Abitur, Handelsschule und einem Studium arbeitet Anja Geißler heute in Mainz als Landtagsstenografin. Sie schreibt über 300 Silben in der Minute. "Zwischenrufer erkenne ich an der Stimme", sagt sie schmunzelnd.

Reiner Unglaub ist Vorleser - von Berufs wegen. Der Wahlmünchner hat nicht nur eine ganze Reihe Hörbücher aufgenommen, sondern liest auch live. Die Brailleschrift hat er bereits als Siebenjähriger im Internat in Weimar gelernt. Später studierte er Sprachwissenschaft und Germanistik und kam als Sprecherzieher an den Berliner Rundfunk in Ost-Berlin. Dort bildete er Moderatoren aus, verlor nach einigen Jahren aber aus politischen Gründen die Stelle. Danach studierte er Theologie und war als Pfarrer tätig. Von einem Besuch in Westen kehrte er nicht mehr zurück. In Marburg bildete er für die Hörbücherei Sprecherinnen und Sprecher aus, die später beim Hessischen Rundfunk Karriere machten. 1987 wurde er Leiter der Bayerischen Blindenhörbücherei in München. Heute ist er ein gefragter Hörbuch- und Vorleser.

Die weltweit bekannte und bewunderte US-Schriftstellerin Hellen Keller verlor knapp zweijährig durch eine Hirnhautentzündung Hör- und Sehvermögen. Trotzdem brachte es die 1880 geborene Hellen durch die unermüdliche Arbeit ihrer Lehrerin Anne Sullivan als Schriftstellerin und Friedensbotschafterin zum Weltruhm.

Mühsam brachte Sullivan ihrem Schützling das aus Strichen und Punkten in die Hand bestehende Tastalphabet bei, danach die Brailleschrift. Damit schrieb Hellen Keller ihre Berichte und Erzählungen und übertrug sie anschließend mit der gewöhnlichen Schreibmaschine in Normalschrift. Bis zu ihrem Tod 1968 kommunizierte sie mit Besucherinnen und Besuchern mit dem Tastalphabet, mit den vielen Freundinnen und Freunden in der Welt in Braille- oder Normalschrift.

Ähnlich bewunderte Leistungen erbringt Helge Maistryszin. 1956 in Frankfurt am Main gehörlos zur Welt gekommen, machte er trotz zunehmender Sehschwäche seinen Realschulabschluss und die Ausbildung zum staatlich geprüften Masseur. Danach arbeitete er - inzwischen völlig blind und gehörlos - als ein begehrter Therapeut in einem Frankfurter Krankenhaus. Eine Hilfskraft teilte ihm mit dem Tastalphabet den Namen, die Diagnose und verordnete Therapie mit, die er in Blindenschrift notierte. Mit der Erschließung des Computers für auch nichtsehende Menschen war er einer der ersten, die sich die Methode aneignete.

Damit korrespondiert Maistryszin fleißig mit Freunden und Bekannten. Die Tageszeitung holt er täglich aus dem Internet und liest sie auf der Braille-Zeile, einer Schiene unterhalb der PC-Tastatur. Nach der Heirat arbeitet er heute in München. In der Freizeit ist er ein schwer besiegbarer Schachspieler, schneller Tandemfahrer und Bergwanderer.

Autor:  Keyvan Dahesch
Datum:  3 | 1 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.

Aurora Borealis

Wie eine gigantische Lasershow aus dem Weltall wirken die außerordentlich spektakulären Polarlichter - Bilder und Videos.

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Anzeige

Videos
Ressort

Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung


Spezial
www.museocereanatomiche.it

Neue Forschungsergebnisse in der Medizin, der Blick in das Innere des Menschen - mehr zu lesen im FR-Spezial Medizin.

Rückblick auf 50 Jahre
Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin in seinem Raumanzug bei Übungen zum ersten bemannten Weltraumflug. Gagarin umkreiste am 12. April 1961 in der Raumkapsel Wostok als erster Mensch die Erde.

Zum fünfzigsten Jahrestag des ersten Starts der Menschheit ins Weltall hat die russische Raumfahrtagentur ein Video veröffentlicht.

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

Spezial
Blick in die Magellanwolke

Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

Spezial

Vor vierzig Jahren brachen mutige Männer auf, um einen Menschheitstraum zu erfüllen - die Landung auf dem Mond.

Umfrage: Sind Feedback-Fahrten für Fahranfänger sinnvoll?

Die Koalition plant offenbar, nach österreichischem Vorbild sogenannte Feedback-Fahrten für Führerscheinneulinge einzuführen. Die müssen drei Monate nach ihrer Prüfung erneut Fahrstunden nehmen. Gute Idee - oder Unsinn?

Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Harry Nutt
Leitartikel zum Eurovision Song Contest 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
Spezial

Sie sollte das Studium vereinfachen, das Hochschulwesen europaweit vereinheitlichen. Die Kritik an der Bologna-Reform lässt nicht nach.

Ein Jahr Fukushima
Test auf Strahlenspuren.

Ein Jahr nach dem 11. März 2011 zeigen wir, wie das Unglück Japan und die Welt verändert hat.

ANZEIGE
- Business
- sonstiges
- Kauftipps!