Erstens gibt es "die" afghanische Bevölkerung gar nicht, was ein afghanisches Bonmot zum Ausdruck bringt: "Wenn zwei Afghanen zusammenstehen, gibt es drei Meinungen." Und zweitens stellt der Versuch, eine demokratische Zivilgesellschaft zwangsweise zu etablieren, einen Angriffskrieg gegen eine traditionelle Kultur dar.
Die drei toten Zivilisten von Kundus zeigen, dass die Bundeswehr geostrategische Ziele verfolgt, ihre humanitäre Hilfe ist lediglich Teil einer Strategie, die jedoch immer mehr unterminiert wird. Der psychologische Krieg um die Herzen kann nicht gewonnen werden, indem man ein paar Brunnen und Krankenhäuser baut, aber die so genannten Kollateralschäden jeden Clan und bald auch jede Familie betreffen werden. Die psychologisch höheren Werte liegen in den persönlichen Verbindungen, nicht in der Einsicht in die Notwendigkeit von Infrastrukturmaßnahmen durch Besatzer. Kriege gehen zuerst psychologisch verloren, bevor sie militärisch scheitern.
Psychologische Last
In der Bundesrepublik sind militärische Einsätze mit hohen Hürden verbunden, von denen eine die psychologische Last der deutschen Geschichte ist. Wie wenig die Frage nach Humanität oder Skrupellosigkeit eines Militäreinsatzes rationalen Überlegungen unterliegt, zeigte die Debatte über die Balkankriege: Wegen Auschwitz müsse Deutschland intervenieren, forderte der damalige Außenminister Joschka Fischer. Eben wegen Auschwitz dürfe man nicht, argumentierte sein Fraktionskollege Hans-Christian Ströbele.
Ähnlich droht die anstehende Debatte über die Verlängerung des Bundeswehrmandats von unreflektierter Emotionalität und historischer Schuld belastet zu werden. Nüchtern würden die Fragen lauten, welche Ziele Deutschland in Afghanistan verfolgt: Welche Schäden in der Zivilbevölkerung und welchen Zerstörungsgrad ist man gegenüber der fremden Kultur zu tragen bereit? Welche eigenen Verluste ist man gewillt zu akzeptieren? Wann ist die Mission, gemessen an welchen Kriterien, als gescheitert zu beurteilen?
Wofür man auch plädiert, selbst der Ausstieg ist nicht mehr ohne tragische Schuld zu haben. Das leichtfertige Plädoyer für den Abzug deutscher Truppen übersieht ebenso die Folgen dieses Schrittes wie zu Beginn die verklärte Proklamation eines angeblich in Großteilen humanitären Einsatzes. Die Lehre aus der deutschen Geschichte besteht nicht im naiven Versuch der Vermeidung, sondern in der Annahme prinzipiell tragischer Schuld - allerdings mit dem entscheidenden Unterschied der bewussten Akzeptanz - nämlich lediglich auf ein Weniger an Leid und menschlicher Not begrenzten Einfluss nehmen zu können. Zurück bleiben immer traumatisierte Menschen als Opfer, ob in der Zivilbevölkerung oder als Akteure des Krieges. Die Bundeswehr hat gerade neue Traumaopfer nach Deutschland zurückgeflogen - auch wenn sie vordergründig tragische Täter waren.
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