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Bundeswehr in Afghanistan: Der Untergang der Illusionen

An den toten Zivilisten von Kundus zerbricht die Illusion einer kurzen Friedensmission der Bundeswehr in Afghanistan. Von Micha Hilgers

Militärische Präsenz als Friedenseinsatz.
Militärische Präsenz als Friedenseinsatz.
Foto: ddp

Zwei erschossene Kinder und eine getötete Zivilistin in Afghanistan: Der Vorfall erfordert eine lückenlose Aufklärung, die es vermutlich nie geben wird. Tatsache ist, dass deutsche Soldaten erstmals nachweisbar am Tod von unschuldigen Zivilisten in einem sich ausweitenden Krieg am Hindukusch beteiligt waren. Ob sie selbst die tödlichen Schüsse abgaben oder afghanische Polizisten - der Traum von der guten, hilfsbereiten Bundeswehr, die lediglich humanitäre Aufgaben erfüllt, und nur wenn angegriffen oder als Zeuge von Übergriffen zur Waffe greift, weicht bösem Erwachen: Der Krieg ist schmutzig und befleckt früher oder später alle Beteiligten mit Schuld.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, die Nachricht von den getöteten Kindern emotionalisiert jedoch: Der Traum von der guten Mission der anständigen Bundeswehr weicht der Ahnung tragischer Verstrickung. Was für die Kritik an der US-amerikanischen Außenpolitik gilt, dass es nämlich abwegig ist, mit einfachen Gut-Böse-Rastern die Welt einzuteilen, fällt nun auch auf die Deutschen zurück. Allenfalls könnte es eine relative konstruktive Rolle deutschen Engagements geben, die jedoch mit der Dauer des Einsatzes ihren Frieden fördernden Einfluss immer mehr einbüßt und daher auch an Überzeugungskraft verliert.

Zur Person

Micha Hilgers ist Psychoanalytiker und Publizist in Aachen.

Zuletzt erschienen von ihm: Mensch Ödipus. Konflikte in Familie und Gesellschaft. Vandenhoeck & Ruprecht 2007. Scham. Gesichter eines Affekts. Vandenhoeck & Ruprecht 2006.

Neigung zu Gewalt besteht fort

Ohnehin kann es keine zeitlich eng umgrenzte militärische Intervention in einer Krisenregion geben, wie dies westliche Verteidigungspolitiker glauben machen wollen. Tatsächlich erwies sich diese Ideologie schnellen Eingreifens und relativ raschen Abzugs bereits auf dem Balkan als falsch. Denn unberücksichtigt bleibt dabei die menschliche Seite der bereits vor dem Eingreifen lang andauernden, oft über Generationen währenden gewalttätigen Konflikte.

Eindrücke schreienden Unrechts bei allen beteiligten Konfliktparteien, Traumatisierungen von Opfern, Angehörigen und Zeugen wirken über Generationen fort. Wechselseitige Ressentiments von eventuell Tür an Tür lebenden Mitgliedern unterschiedlicher Ethnien, Religionen oder Clans drohen jederzeit wieder aufzubrechen. Will man tatsächlich belastbaren Frieden schaffen, so erfordert dies massive militärische und polizeiliche Präsenz über mindestens eine Generation - die stabile Instabilität zivilen Friedens im Kosovo beweist das nachhaltig.

Tatsächlich prägt die alltägliche Erfahrung von Gewalt, Misshandlungen und vordemokratischen Normen, wie sie in Clangesellschaften üblich sind, das Individuum auch über den Fortbestand solcher Strukturen hinaus. Selbst wenn es gelingen würde, in Afghanistan terroristische Anschläge dauerhaft abzustellen, Drogenbarone und von ihnen abhängige politische Kasten zu entmachten und so etwas wie demokratische und zivile Verhältnisse herzustellen, würden die vormaligen Strukturen, mit denen die Menschen identifiziert waren, fortwirken. Denn sowohl psychische Traumatisierungen wirken über die Generationen hinweg, wie die moderne Traumatologie eindrücklich nachweist. Auch die Identifizierungen mit vormaligen Normen und Werten, Beziehungsformen und deren Konfliktlösungsstrategien lassen sich nicht einfach wie ein altes Kleidungsstück ablegen. Mithin besteht die Neigung zu Gewalt in jeder Form individuell und kollektiv fort, selbst wenn die politischen Gewaltstrukturen gewichen sind.

Werte der Stammesgesellschaft

Auch das Entnazifizierungsprogramm der Alliierten, so halbherzig es teilweise durchgeführt wurde, konnte nicht verhindern, dass nationalsozialistisches Gedankengut bis in die Spitzen der bundesdeutschen Politik immer wieder aufbrach.

Doch Afghanistan ist nicht der Balkan und schon gar nicht das Nachkriegsdeutschland, in dem es ja immerhin schon Erfahrungen mit demokratischen Verhältnissen gegeben hatte. Werte und Normen einer Stammesgesellschaft sind meilenweit von einem zusammenbrechenden Vielvölkerstaat entfernt, bei dem räumlich wie ethnisch einigermaßen definierte Gruppen eindeutig vom Militäreinsatz des Westens profitierten (und diesen auch herbei wünschten). Die Präsenz des Westens traf auf dem Balkan von vorneherein auf Verbündete, die wenigstens ansatzweise ähnliche Wertvorstellungen und Zielvorstellungen hatten.

In Afghanistan sind kaum wesentliche Übereinstimmungen über das, was eine zivile demokratische Gesellschaft ausmachen könnte, erkennbar.

Der Krieg in Afghanistan beruht auf einer fatalen Mischung aus einem imperialem Einsatz gegen die in Afghanistan teilweise beheimateten Rückzugsgebiete terroristischer Islamisten. Zudem gründet er auf einer psychologischen Illusion. Diese zweite ideologische Voraussetzung der Militärpräsenz, dass nämlich für eine konform gehende Bevölkerung Frieden und demokratische Strukturen aufgebaut werden sollen, mithin ein humanitärer Ansatz verfolgt wird, verwechselt Eigenes mit Fremden: Mitnichten werden die Mitglieder einer traditionellen Stammesgesellschaft freudig deren Zerschlagung zugunsten eines westlichen Modells von christlich-abendländischer Kultur begrüßen. Die toten Kinder von Kundus machen auf den gigantischen Irrtum aufmerksam, dem sich die deutsche Außenpolitik hingibt, wenn sie mit dem Aufbau einer Zivilgesellschaft argumentiert und dabei suggeriert, man befände sich damit im Einklang mit einer Mehrheit der afghanischen Bevölkerung.

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Autor:  MICHA HILGERS
Datum:  2 | 9 | 2008
Seiten:  1 2
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