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Burn-out und Depressionen: „Die Diagnose Burn-out gibt es nicht“

Experten streiten darüber, ob das Ausgebranntsein nur ein Modewort ist, denn dahinter steckt eigentlich eine Depression.

Wie hier im Film Matrix Revolutions  fühlen sich viele Menschen, als würden sie ausbrennen.
Wie hier im Film Matrix Revolutions fühlen sich viele Menschen, als würden sie ausbrennen.
Foto: Cinetext

Alle sprechen über Burn-out. Ralf Rangnick schmeißt deswegen seinen Trainerjob hin. Rosenstolz-Sänger Peter Plate sagt Konzerte ab und Miriam Meckel schreibt über ihr Ausbrennen ein Buch. Fachleute diskutieren dagegen darüber, ob das sogenannte Burn-out-Syndrom überhaupt eine eigenständige Krankheit ist. „Es gibt keine Diagnose Burn-out“, sagt Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Leipzig. „Der Großteil der Prominenten, die derzeit unter Burn-out laufen, erfüllen die Diagnosekriterien einer Depression.“

Tatsächlich ist der Begriff Burn-out im ICD-10, dem Klassifikationskatalog der Weltgesundheitsorganisation (WHO), nicht als anerkannten Krankheit definiert. Er steht unter der Ziffer Z 73.0 im letzten Kapitel: „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen.“ Nach dieser Einstufung ist Burn-out eine Rahmen- oder Zusatzdiagnose und keine voll anerkannte Krankheit.

Ärzte weichen deshalb bei ihrer Diagnose häufig auf psychische Krankheiten wie Depressionen oder Anpassungsstörungen aus. So konnten deutsche Krankenkassen zwar auch für dieses Jahr wieder einen Anstieg der psychischen Krankheiten verzeichnen. Zwölf Prozent aller Fehltage sind darauf zurückzuführen. Doch wie viele tatsächlich wegen eines Burn-outs ausfallen, ist schwer zu sagen.„Burn-out ist immer eine Erschöpfungsdepression“, meint Wolfgang Merkle, Chefarzt der psychosomatischen Klinik des Hospital zum heiligen Geist in Frankfurt am Main. Aber nicht jede Erschöpfungsdepression sei auch ein Burn-out. Der sei in erster Linie durch die Situation am Arbeitsplatz entstanden. „Man kann nicht leugnen, dass sich die Berufswelt grundlegend gewandelt hat“, sagt der Psychosomatiker. In den vergangenen Jahren habe die Zahl der Patienten, die deshalb zu ihm in die Klinik kommen, klar zugenommen. Zeitdruck, Arbeitsverdichtung und fehlende Anerkennung – sowohl in finanzieller als auch in persönlicher Form – hätten sie in die Erschöpfungsdepression geführt.

Hohe Ideale und Erwartungen

Burn-out wird meist als ein schleichender Prozess beschrieben. Am Anfang steht ein großes Engagement. Der Betroffene hat hohe Ideale und Erwartungen an sich selbst, die er mit überdurchschnittlichem Einsatz erfüllen will. Die Kraft schwindet, weil Ausgleich und Erholung fehlen. Die Leistung lässt nach, was er mit noch mehr Arbeitspensum auszugleichen versucht. Die Folge ist eine totale körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung. Der Ausgebrannte leidet unter Schlaflosigkeit, einer inneren Leere und Gefühllosigkeit, ist distanziert, zieht sich zurück – alles Symptome, die auch bei einer Depression auftreten können.

„Jeder Depressive ist erschöpft“, sagt Ulrich Hegerl. „Das gehört zur Krankheit grundsätzlich dazu.“ Betroffene fühlen sich kraftlos, haben keinen Antrieb, kommen häufig morgens nicht mehr aus dem Bett. Ein Urlaub oder eine Auszeit bringen keine Besserung. Die Ursache für diese Erschöpfung sei aber nur bei einer Minderheit aller Depressiven eine Überlastung am Arbeitsplatz. Auslöser seien viel häufiger Verluste, Kränkungen, Misserfolge oder Konflikte in der Partnerschaft. Viele Menschen erkranken in Übergangsphasen ihres Lebens, wenn sie eine neue Rolle übernehmen müssen – als Berufseinsteiger, Mutter, Rentner oder Witwe. Manche rutschen nach einer Beförderung, einem Umzug oder sogar im Urlaub in die Depression.

„Das Phänomen Burn-out hat es wahrscheinlich zu allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben“, schreibt Wolfgang Kaschka, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Ulm, im Deutschen Ärzteblatt. Er findet es bereits im Alten Testament im Buch Mose („Es ist nicht gut, was du tust. Du machst dich zu müde. Das Geschäft ist zu schwer.“) und bei Shakespeare, der das Verb „to burn out“ (ausbrennen) bereits Ende des 16. Jahrhunderts verwendete. Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger war der Erste, der den Begriff in einem psychologischen Aufsatz verwendete. 1974 beschrieb er das Syndrom im Journal of Social Issues im Zusammenhang mit Menschen aus helfenden Berufen wie Krankenpfleger, Rettungsdienstpersonal und Ärzte, aber auch Lehrer, Sozialarbeiter und Erzieher, die aufgrund einer hohen Rate von Krankschreibungen auffielen. Er führte dies auf das Helfersyndrom zurück, bei dem eigene Wünsche zugunsten der Bedürfnisse anderer vernachlässigt werden, die erwartete Anerkennung und Dankbarkeit aber häufig ausbleiben. Die Sozialpsychologin Christina Maslach beschrieb das Burn-out in den 80er-Jahren als Folge schlechter Arbeitsbedingungen: Druck von Vorgesetzten, Personalabbau, Konkurrenz, Mangel an positivem Feedback oder Mobbing.

Diskussion über psychische Leiden

Ulrich Hegerl, der auch Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist, hält den Begriff dennoch für ein Modewort. Es gebe ein allgemeines Lebensgefühl in der Gesellschaft, den Eindruck: Man hat keine Zeit, alles ist zu schnell, alles ist zu viel. „Wir kennen das alle“, sagt Hegerl, „das heißt aber noch lange nicht, dass man deswegen eine schwere, manchmal lebensbedrohliche psychische Krankheit hat.“

Offensichtlich ist, dass psychische Krankheiten seit dem „Burnout-Boom“ viel stärker in der Öffentlichkeit diskutiert und thematisiert werden, auch dadurch, dass sich immer mehr Prominente dazu bekennen. „Früher hat man auch schon Ausweich-Diagnosen gesucht“, sagt Ulrich Hegerl. „Dann hat der Arzt eben chronische Rücken- oder Kopfschmerzen aufgeschrieben.“ Heute heiße es eben Burn-out. Psychische Krankheiten gelten immer noch als Schwäche. Über psychische Krankheiten spricht man nicht wie über einen Beinbruch. Sich zu einem Burn-out zu bekennen, fällt leichter, denn wer ausgebrannt ist, kann sich darauf berufen, vorher bis zum Umfallen gearbeitet zu haben – wie Professorin Miriam Meckel, Fußballtrainer Ralf Rangnick oder Hochleistungssportler Sven Hannawald.

„Medizinisch brauchen wir keine eigene Diagnose Burn-out“, sagt der Frankfurter Psychosomatiker Wolfgang Merkle. „Wenn der Begriff aber dazu beiträgt, dass die Stigmatisierung des Schwachseins nachlässt und Unternehmen die Arbeitsverhältnisse für ihre Mitarbeiter verbessern, finde ich ihn legitim.“

Merkle sieht die Zunahme stressbedingter Krankheiten auch in den Werten der Leistungsgesellschaft begründet. „Heute sind die Menschen eher dazu bereit, Selbstausbeutung zu betreiben“, sagt Wolfgang Merkle. Sie wollten etwas erreichen, weil sie sich über ihre Leistung definieren. „Wenn Menschen ihr Selbstwertgefühl, aber nur über ihre Arbeit beziehen, sind sie anfälliger für ein Burn-out.“

Betroffen seien häufig Personen, die schon in ihrer Kindheit Zuwendung als Folge von Leistung erfahren haben. Neben äußeren Faktoren sei deshalb immer auch die individuelle Vorgeschichte eines Menschen zu betrachten.

Autor:  Alice Ahlers
Datum:  7 | 12 | 2011
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