Ständig zu arbeiten kann zum Burnout führen. Mit freiwilliger, unbezahlter Mehrarbeit fängt es an. Das Gefühl, unentbehrlich zu sein und nie Zeit zu haben, gesellt sich hinzu. Dann folgt chronische Müdigkeit, Desillusionierung und Zynismus. Die Betroffenen verlieren sich in Tagträumen, arbeiten weniger und haben Konflikte in der Familie. Sie werden depressiv, leicht reizbar und nörgeln viel. Dann baut ihre Leistungsfähigkeit stark ab, ihre Motivation verschwindet, sie werden unkreativ und machen höchstens noch Dienst nach Vorschrift. Am Ende steht die völlige Verzweiflung, das Gefühl der Sinnlosigkeit, Selbstmordabsichten.
Matthias Burisch hat in den 90ern Merkmale des Burnouts zusammengetragen. Heute ist er Professor in Hamburg und beklagt, dass die Erforschung der komplexen Krankheit nicht wesentlich vorangekommen sei. Es gebe zu wenig Geld dafür. Krank werden durch Arbeit sei noch kein Thema für die Gesellschaft.
Vor einer wichtigen Präsentation war Eliane mehrere Nächte lang so angsterfüllt, dass sie kein Auge zu bekam. Sie hoffte, Leiterin der geplanten neuen Internet-Abteilung zu werden, die sie geplant hatte. Nach ihrem Vortrag gratulieren die Direktoren und fragen nach den Quellen. Sie ist irritiert. Tags darauf erfährt sie, dass die Leitung der Abteilung auf mehrere Leute verteilt wird. Sie weint das gesamte Wochenende. Am Montag kommt es zu der heftigen Auseinandersetzung mit der Personalleiterin, danach bleibt Eliane das Herz stehen.
Der Zusammenhang zwischen dem plötzlichen Tod und der Arbeit ist in Frankreich kaum, in Japan hingegen sehr gut untersucht. Karoshi heißen solche Fälle dort, wörtlich übersetzt: Tod durch Überarbeiten. Der erste Fall wurde 1969 beschrieben, Herzstillstand bei einem 29-jährigen Angestellten. Seit 1987 können die Angehörigen von Karoshi-Opfern eine Entschädigung bekommen. Heute werden jedes Jahr 20 bis 60 Fälle anerkannt - bei etwa 600 Anträgen. Japanische Rechtsanwälte allerdings schätzen die tatsächliche Zahl der Tode durch Überarbeiten auf bis zu 10 000 pro Jahr.
In Elianes Fall kommt zur Überarbeitung noch die fehlende Solidarität hinzu. Die Gründe für die Entsolidarisierung am Arbeitsplatz sieht Christophe Dejours in den neuen Methoden der Personaler, vor allem in der ständigen Evaluation der einzelnen Arbeitnehmer. "Das Teuflische daran ist, dass dadurch alle in der Firma zueinander in Konkurrenz stehen, jede Abteilung, jeder Mitarbeiter", sagt Dejours, Professor am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris. Er hat dort den Lehrstuhl für Psychoanalyse, Gesundheit und Arbeit inne und leitet das Labor für Arbeitspsychologie.
Die totale Konkurrenz zerstört die Arbeitsgemeinschaft. "Die Mitarbeiter verhalten sich unloyal und feindlich gegenüber Kollegen", sagt Dejours. "Sie geben falsche Informationen, damit sie besser dastehen." Die Menschen vereinsamen und ertragen so die Intrigen noch schlechter. "Das führt zu Depressionen." Seit Ende der 90er stieg die Zahl der Selbstmorde am Arbeitsplatz in Frankreich. Heute sind es Schätzungen zufolge 300 bis 400 im Jahr.
Diese Entwicklung begann Dejours zufolge 1983, dem Jahr der neoliberalen Wende in Frankreich. Die Produktivität wurde mit allen Mitteln gesteigert und die Gewerkschaften gerieten in die Krise. Das Streben nach maximaler Rendite machte die Arbeit immer unmenschlicher.
Die Zukunft sieht Dejours düster. Weder Firmen noch Staaten wollten in den Prozess eingreifen, "der politische Wille fehlt". Die Marburger Forscherin Renate Rau ist ebenfalls pessimistisch: "Wir sitzen gerade wie ein Kaninchen vor der Schlange. Wenn sich nichts ändert, dann knallt's." Die Psychoanalytikerin Marie Pezé fürchtet sogar, dass die aktuelle Finanzkrise die Situation noch verschlimmern werde. "Wir sind dabei, unsere Gesellschaft zu zerstören", sagt Pezé. "Wir werden noch Sabotage erleben und Morde an Managern." Einen gab es bereits, bei einer Tochterfirma des Schweizer Industriekonzerns OC Oerlikon nahe Neu Delhi in Indien. In einem heftigen Streit um Entlassungen prügelten 150 indische Arbeiter den Manager Lalit Kishore Chaudhary zu Tode.
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