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Burnout und Depression: Arbeit macht krank

Muskel-Skelett-Erkrankungen und depressive Störungen in Folge schlechter Bedingungen in den Firmen nehmen in Industrieländern zu.

Eliane steckt das Handy weg, stützt sich gegen eine Wand und bricht tot zusammen. Herzstillstand. Die Krankenschwester des Unternehmens ist sofort da und versucht, die junge Frau wiederzubeleben. Ohne Erfolg. Auch die später eintreffenden Rettungssanitäter sind machtlos.

Die junge Frau war gerade aus dem Büro ihrer Personalleiterin gekommen und hatte ihrem Mann von dem Gespräch erzählt, voller Verzweiflung. Das Gespräch war heftig. Eliane wollte wissen, warum sie den versprochenen Posten nicht bekommen hatte und die Personalleiterin antwortete, ihre Arbeit sei ausgezeichnet - aber nicht genug für eine Beförderung. Sie müsse noch mehr arbeiten. Dabei war sie bereits in Behandlung wegen chronischer Müdigkeit.

Die Ärztin von Eliane heißt Marie Pezé. Sie hat als erste eine Anlaufstelle eingerichtet für Menschen, die unter ihrem Job leiden. Das war vor elf Jahren, am Krankenhaus in Nanterre, einem Vorort von Paris. Inzwischen gibt es mehr als 20 Stellen dieser Art in ganz Frankreich. Über ihre Erfahrungen der vergangenen elf Jahre hat Marie Pezé ein Buch geschrieben, in dem sie das Schicksal Elianes schildert. Ein krasser Fall, der stellvertretend für die zunehmende Gewalt am Arbeitsplatz steht.

Marie Pezé hat ihre Erkenntnisse zwar in Frankreich gesammelt, doch sie gelten universell. "Da die Organisation der Arbeit in den westlichen Industrieländern gleich ist, treten in allen Ländern die gleichen Krankheiten auf", sagt die Psychoanalytikerin.

Die deutsche Forscherin Renate Rau von der Universität Marburg bestätigt: "Die durch Arbeit verursachten Krankheiten wie Muskel-Skelett-Erkrankungen und depressive Störungen nehmen in Deutschland und den anderen Industrieländern deutlich zu." Die Arbeitspsychologin leitet eine groß angelegte Studie im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin über Depressionen durch Arbeit, die am Dienstag, 14. Oktober, in Berlin vorgestellt wird.

Das Ergebnis der Studie ist eindeutig: "Schlecht gestaltete Arbeit erhöht klar das Risiko depressiver Störungen", sagte Rau der Frankfurter Rundschau. Die Forscherin untersuchte 517 Beschäftigte in den drei Branchen mit den höchsten Fehlzeiten wegen Depressionen, Gesundheit, öffentlicher Dienst und Banken. Mit einer objektiven Messmethode erfasste sie dabei den Grad der Arbeitsintensität an den Arbeitsplätzen. Ergebnis: "Diejenigen mit der höchsten Arbeitsintensität hatten ein vierfach erhöhtes Risiko, während ihres Arbeitslebens an einer klinischen Depression zu erkranken."

Gute Arbeitsbedingungen bedeuteten, dass die Menschen Arbeitswege selbst bestimmen könnten, sie bekämen Rückmeldungen, aus denen sie lernen, und sie würden ihrer Leistung gemäß gefordert. "Das Gefährliche ist, dass zurzeit die Arbeitsintensität hochgezogen wird", sagt Rau. Daher verlören selbst Menschen, die leitende Funktionen haben und Entscheidungen treffen, ihre Spielräume, weil ihnen die Zeit zum Nachdenken genommen werde.

Die Untergebenen stünden unter demselben Zeitdruck, müssten Fehlentscheidungen ertragen, und erhöhten ihren Stress zum Teil selbst, weil auch sie Karriere machen wollten. Wer dann noch in einem feindlichen Umfeld arbeite, habe keine Chance. Wie Eliane.

Die 34-Jährige war Marketing-Assistentin der Direktion, dreisprachig, fleißig, und wollte aufsteigen. Sie bekam Zwillinge, nahm Elternzeit und fand sich danach in einer Außenstelle des Unternehmens wieder. Die Personalleiterin sagte ihr kühl, als Mutter von Zwillingen werde sie ja jetzt weniger in ihre Arbeit investieren.

Eliane wehrte sich und klagte gegen die Versetzung. Sie kam zurück in die Hauptgeschäftsstelle, als Assistentin eines Direktors. Die Arbeitslast war enorm, die Arbeitszeiten unkalkulierbar, manchmal blieb sie bis 21 Uhr. Danach die Zwillinge und Hausarbeit. Ihre Schilddrüsen-Unterfunktion, bringt sie nicht mit ihrer Überarbeitung in Verbindung. Ihre Therapeutin Marie Pezé schon, doch der sagt sie: "Ich habe keine Zeit, mich mit mir zu beschäftigen." Sie nimmt Tabletten. "Ich muss immer voll da sein. Krank zu sein, das ist nicht einmal vorstellbar."

Eliane akzeptierte eine Organisation der Arbeit, die genau diese Vernachlässigung einfordert. Entsprechend reagiert der Körper. In Frankreich leiden 500 000 Menschen an Muskel-Skelett-Krankheiten wie Sehnenscheiden-Entzündung, Mausarm oder Rückenschmerzen. In den USA, Japan und Deutschland sind das ebenfalls die häufigsten Krankheiten, die den Experten zufolge eindeutig auf schlecht organisierte Arbeit zurückzuführen sind.

"Wer 27 Deckel pro Minute zuschraubt, bekommt natürlich eine Sehnenscheidenentzündung", sagt Marie Pezé. Sie kann die Krankheiten genau ihren Ursprüngen zuordnen. Den ganzen Tag Hähnchen schneiden: chronische Schmerzen in Hand und Arm. Den ganzen Tag telefonieren: kognitive Störungen. Jahrelang zu viel arbeiten: Burnout. Immer Angst um seinen Arbeitsplatz haben: psychische Störungen, von Depressionen über Paranoia bis hin zum Selbstmord. "Das ist eine Orgie der sozialen Gewalt", sagt Pezé.

Eliane unterwarf sich dieser Gewalt. Jeden Morgen, wenn sie im Büro ankam, ging sie auf die Toilette und erbrach sich. Sie hatte Angst. Alpträume, die ausschließlich um ihre Arbeit kreisten. Der Wissenschaftler Sami Ali sieht in solchen Träumen eine Form der Schlaflosigkeit. Da die Traumphasen unheimlich anstrengend sind, setze hier das Über-Ich den lange eingeschärften Befehl "Träum' nicht!" um. Statt erholsam zu schlafen, arbeite man weiter.

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Autor:  THORSTEN HERDICKERHOFF
Datum:  11 | 10 | 2008
Seiten:  1 2
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