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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

11. September 2012

Chancengleichheit beim Studieren: Immer weniger gehen an die Uni

 Von Jeannette Goddar
Kinder von Nicht-Akademikern studieren selten.  Foto: dpa

Die Studienbereitschaft in bildungsfernen Schichten nimmt ab. Aus Arbeiterfamilien nehmen nur noch vier von zehn Kindern mit Fachhochschulreife ein Studium auf. Familien, in denen es bisher keine Akademiker gibt, sind vom Projekt Studium oft abgeschreckt.

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Allen Debatten über Chancengleichheit zum Trotz nimmt die Studienbereitschaft in bildungsfernen Schichten ab. Das ist das Ergebnis einer Studie des Mannheimer Sozialforschers Steffen Schindler, der die Bildungsexpansion der vergangenen vier Jahrzehnte durchleuchtet hat. Zwar haben der Ausbau des zweiten Bildungsweges sowie der berufsbildenden Wege zur Hochschulreife dazu beigetragen, dass der Anteil Studienberechtigter in Nicht-Akademiker-Familien von 15 auf 35 Prozent gestiegen ist. Doch immer weniger nehmen wirklich auch ein Studium auf.

Berufsausbildung mit Abitur

In den 70er-Jahren begannen noch acht von zehn Kindern aus Arbeiterfamilien, die an einer beruflichen Schule ihre Fachhochschulreife erlangt hatten, mit einem Studium. Heute sind es nur noch etwa vier von zehn. Die Studierbereitschaft von Akademikerkindern, die ein Gymnasium besuchen, nahm im gleichen Zeitraum zwar auch ab – allerdings nur von 90 auf etwa 80 Prozent. Insgesamt haben Akademikerkinder nach Schindlers Berechnungen eine etwa sechsmal so hohe Chance, ein Studium aufzunehmen, wie Kinder von Eltern ohne Hochschulabschluss.

Dass die Bildungsexpansion vor den Hochschulen Halt macht, hat der Studie zufolge vor allem zwei Gründe: Zum einen wird das Abitur immer mehr als Schulabschluss selbst wahrgenommen und die Entscheidung für oder gegen ein Studium häufig erst nach der Schule getroffen. Zum anderen setzen immer mehr Ausbildungsberufe das Abitur voraus. In der Folge streben auch immer mehr junge Leute das Abi an, ohne je vorzuhaben, ein Studium aufzunehmen. Laut Schindler schreckt Familien, in denen es bisher keine Akademiker gibt, am Projekt Studium eine ganze Menge, darunter „die Länge, die zu erwartenden Kosten, aber auch die Angst zu scheitern“.

In Auftrag gegeben hat die Studie „Aufstiegsangst“ die Vodafone-Stiftung. Ihr Programmleiter Bildungsforschung, David Deißner, forderte am Montag in Berlin eine ganze Reihe Konsequenzen: Die – für Kinder von Nicht-Akademikern traditionell attraktiveren – Fachhochschulen müssten gestärkt, Jugendliche jeder Herkunft besser über das Studium und seine Finanzierungsmöglichkeiten informiert werden. Auch habe die Exzellenzinitiative zur Etablierung von Leuchtturm-Universitäten möglicherweise einen falschen Zungenschlag in die akademische Bildung gebracht: „Wir müssen aufpassen, dass die wichtige Verzahnung der Masse der Hochschulen mit der mittelständischen Industrie nicht aus dem Blick gerät.“

Gymnasien in der Pflicht

In der Pflicht seien aber auch die Gymnasien – an denen Benachteiligte zwar häufiger als früher, aber immer noch nicht sehr oft ihr Abitur ablegten. So weist die Studie darauf hin, dass etwa jeder zweite Schüler aus einer bildungsfernen Familie das Erlangen der Hochschulreife nach wie vor gar nicht erst in Erwägung zieht.

Als Steilvorlage bezeichnete Katja Urbatsch, Gründerin des Internetportals Arbeiterkind.de, die Studie. Auch ihre Initiative zur Förderung des nichtakademischen Nachwuchses mit inzwischen 5000 Ehrenamtlichen stelle immer wieder fest: Es gebe zu wenig Unterstützung, zu wenig Informationen. Vor allem in ländlichen Regionen seien Schulen und Universitäten kaum verzahnt. Schüler erführen zu wenig über Finanzierungsmöglichkeiten wie Leistungsanforderungen. „Wir dürfen es nicht dem Zufall überlassen, wer welche Informationen bekommt“, sagte Urbatsch. „Auch wer keine Eltern zu Hause hat, die er all das fragen kann, braucht Unterstützung.“

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