Wie kein anderer personifiziert Charles Darwin jene gotteslästerliche Sicht, wonach nicht ein Schöpfer - als gleichsam göttlicher Uhrmacher - die Welt mitsamt seinen belebten und unbelebten Dingen hervorgebracht hat. Vielmehr gibt es natürliche Ursachen für das Werden und Vergehen des Lebens.
Heute wissen wir: Seit Milliarden von Jahren gibt es Leben auf der Erde, seit mehr als 600 Millionen Jahren belegt dies eine Fülle versteinerter Zeugnisse der Tier- und Pflanzenwelt. Dagegen ist unsere eigene direkte Ahnenlinie, die der Gattung Homo, nur knapp zwei Millionen Jahre alt. Wir sind Spätankömmlinge unter den irdischen Bewohnern - und folglich ist die Natur wohl kaum von Anbeginn zu unserem Nutzen eingerichtet. Vielmehr sind wir selbst Teil dieser Natur; nur mehr ein Glied in einer endlos langen Kette von Entwicklungsprozessen.
Angetrieben von zufällig entstehenden genetischen Veränderungen (Mutationen) in der Erbsubstanz der Organismen, sorgt die Anpassung (Adaptation) an und die Auslese (Selektion) durch eine sich wandelnde Umwelt für eine sich verändernde Natur mit einer faszinierenden Vielzahl an Tieren und Pflanzen.
Darwin argumentierte, dass ähnlich wie bei der Wahl des Züchters auch in der Natur eine Auslese herrsche; dank dieser "natürlichen Zuchtwahl" seien es kleinste Unterschiede, die darüber bestimmten, wer überleben wird und wer untergeht. Dank sich ständig verändernder natürlicher Bedingungen hätten stets jene Variationen die größte Chance zu überleben, die am besten an die jeweils vorherrschenden Bedingungen angepasst seien. Die Auslese sorge auch dafür, dass immer wieder neue Arten entstünden.
Eine im Kern einfache Theorie
So lösten sich Arten allmählich ab, ähnlich wie ein Baum immer weiter wächst und oben neues Grün entwickelt, während unten tote Äste bleiben. Für Darwin wurde der "Kampf ums Dasein" in der Natur zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Denn obgleich jede Art eine überreiche Nachkommenschaft produziert, liefert die Natur selbst jene Kontrolle, die die schwächsten und am wenigsten perfekt angepassten Lebewesen ausmerzt; so überleben nur die Angepasstesten und vermehren sich. Zugleich geben sie dabei ihre vorteilhaften Merkmale an die folgenden Generationen weiter, mit dem Ergebnis, dass durch die natürliche Auslese neue Arten entstehen.
Bis heute werden Kritik und Zweifel an der Evolutionstheorie oft allein an der Person Charles Darwins festgemacht. Paradoxerweise leidet der Darwinismus zudem darunter, dass er eine im Kern ebenso geniale wie einfache Theorie ist. Während jeder glaubt, sie begriffen zu haben, geben wir gern zu, weder Albert Einsteins Relativitätstheorie noch Max Plancks Quantentheorie zu verstehen. Derweil ziehen Kreationisten und Anhänger eines angeblichen "intelligenten Designs" gegen eine bloße Karikatur dieses Darwinismus zu Felde.
Die Belege dafür, dass Evolution stattgefunden hat und dass die natürliche Auslese dabei eine treibende Kraft ist, werden heute von keinem ernstzunehmenden Biologen in Abrede gestellt; ebenso wenig wie die Ansicht, dass die Erde ein kugelförmiger Körper ist, der um die Sonne kreist. Ähnlich wie dieses heliozentrische Weltbild und die Beschreibung der Planetenbahnen sind Darwins Vorstellungen einer Evolution eine wissenschaftliche Theorie und keinesfalls ein Dogma oder eine Lehre. Deshalb sollten wir auch die Bezeichnung "-ismus" vermeiden, so wie wir nicht vom Einsteinismus oder Planckismus reden. Tatsächlich liefert uns Darwins Theorie Erklärungen für unser Weltbild.
Das Darwin-Jahr 2009 sollte also willkommener Anlass sein, den "Einstein der Arten" neu zu entdecken. Zu seinen Lebzeiten waren viele der Fakten, Belege und Beispiele, mit denen heute das Phänomen der Evolution demonstriert wird, noch weitgehend unentdeckt. Als sein wegweisendes Werk entstand, waren nicht einmal der Urvogel Archaeopteryx oder einer der gigantischen Dinosaurier entdeckt, ganz zu schweigen von den Vererbungsregeln der Genetik, der Molekülstruktur der Nukleinsäure oder der Buchstabenfolge eines Genoms.
Daher sei es höchst beeindruckend, meinte bereits der britische Embryologe Gavin de Beer vor 50 Jahren, wie es Darwin gelang, einen zielgeraden Kurs durch diesen großteils noch unvermessenen Ozean des Wissens über die Evolution zu steuern.
Mit seiner pfadfinderischen Leistung hat Darwin unsere Sicht auf die belebte Natur geprägt. Deshalb sehen wir heute Darwin zu Recht als geistigen Revolutionär. Er entdeckte Grundprinzipien der belebten Welt.
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