Widukind Lenz hatte nicht geplant, zur Tagung Rheinisch-Westfälischer Kinderärzte nach Düsseldorf zu fahren. Doch am Tag vor Beginn der Konferenz hatte er ein Telefongespräch geführt, das ihn dazu zwang, so schnell wie möglich zu handeln. Am Nachmittag des 18. November 1961 saß der Hamburger Kinderarzt im Auditorium und wartete auf einen passenden Moment, den größten Arzneimittelskandal der Nachkriegszeit öffentlich zu machen. Gerade hatten zwei Mediziner aus Münster ihren Vortrag über die „äußeren Ursachen von Extremitätenmissbildungen“ bei Embryonen beendet. Schon im Jahr zuvor hatten die beiden beunruhigende Röntgenbilder von Säuglingen gezeigt, denen die Ober- und Unterarmknochen fehlten, oder beide Schienbeine oder auch nur der Daumen.
Zunächst Radioaktivität unter Verdacht
Immer häufiger kamen Kinder mit ähnlichen Defekten zur Welt. Einige von ihnen ganz ohne Gliedmaßen. In der Verzweiflung, einen Namen für die angeborenen Leiden zu finden, nannten Mediziner die Krankheit Phokomelie, Robbengliedrigkeit, weil sie der Anblick von Händen, die an den Schultern ansetzen und von Füßen an Hüft- oder Kniegelenken an Flossen erinnerte.
Viele ahnten, die Ursache der immer häufigeren Missbildungen zu kennen: Die ansteigende Radioaktivität, freigesetzt durch die Atom- und Wasserbombentests der Supermächte. Widukind Lenz hatte eine andere Theorie. Die neu aufgetretenen Missbildungen ähnelten einander zu sehr, um von einem so unspezifischen Umweltgift wie der Radioaktivität ausgelöst zu sein. Er hatte eine Vermutung, die er noch nicht endgültig beweisen konnte, die er aber aussprechen musste, um noch Schlimmeres zu verhindern. Was er sagte, wurde von fast allen im Raum mit Unglauben und Skepsis aufgenommen.
Der Name Lenz war Kinderärzten in übler Erinnerung. Der Vater des jungen Privatdozenten, der da aufstand, um zu einem Koreferat anzusetzen, war ein berüchtigter NS-Ideologe gewesen; Verfasser eines Lehrbuchs für Rassenhygiene, verantwortlich für die illegale Sterilisierung Hunderter Kinder von Französischen Besatzungssoldaten aus dem Ersten Weltkrieg und beteiligt an den Krankenmorden der Nationalsozialisten. Nun schien sich auch der Sohn mit Humangenetik zu befassen. Wie sehr Widukind Lenz mit der Vergangenheit des Vaters und mit seiner eigenen anfänglichen Begeisterung für den Nationalsozialismus haderte, wussten zu diesem Zeitpunkt nur wenige.
Es war Contergan
Am Tag vor seiner kurz entschlossenen Abreise nach Düsseldorf hatte Lenz mit dem Leiter der Forschungsabteilung eines großen Pharmakonzerns telefoniert. Der autoritäre Ton des Ferngesprächs hatte ihn bestärkt zu reden. Allerdings war der Respekt vor den juristischen Konsequenzen, mit denen man ihm drohte, deutlich zu spüren: „Wir können den ursächlichen Zusammenhang zwischen gewissen schweren Missbildungen bei Neugeborenen und dem Einnehmen bestimmter Schlaf- und Beruhigungsmittel nicht beweisen, aber wir haben leider schwerwiegende Gründe, derartige Zusammenhänge zu vermuten.“
Zwanzig Fälle hatte Lenz im Einzugsbereich der Hamburger Kinderklinik beobachtet und gemeinsam mit den Eltern versucht, detailliert alle Vorkommnisse in der Schwangerschaft zu rekonstruieren. Das Ergebnis war, „dass ein bestimmtes Medikament, das in 17 von zwanzig Anamnesen auftauchte, ursächlich verantwortlich sein könnte. Über weitere Einzelheiten,“ so erklärte Lenz weiter, „kann ich bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge keine Angaben machen, aber ich halte es für meine Pflicht, meinen Kollegen meine Beobachtungen und Befürchtungen mitzuteilen.“
Nach den Einschüchterungen zögerte Lenz, den Namen des Präparates preiszugeben. Dann rief ein Kinderarzt ihm zu: „Wir haben auch ein Kind mit den von Ihnen beschriebenen Behinderungen. Und meine Frau hat in der Schwangerschaft Contergan genommen. Ist es Contergan?“ Lenz nickte.
Thalidomid erzeugte Hemmungsmissbildung
Am folgenden Montag lud die Hamburger Gesundheitsbehörde Vertreter der Firma Grünenthal ein, direkt auf die Vorwürfe zu reagieren. Noch eine Woche ließ sich der Aachener Konzern Zeit, dann stellte er den Verkauf seines Erfolgsprodukts mit Wirkung zum 27. November 1961 ein – vorläufig, wie es in der offiziellen Erklärung hieß. Erleichtert lobte die damalige Bundesgesundheitsministerin Elisabeth Schwarzhaupt das Entgegenkommen des Unternehmens. Kein Arzneimittelgesetz hätte ihr erlaubt, einzuschreiten. Für Arzneimittelsicherheit waren in der marktliberalen Bundesrepublik der Wirtschaftswunderjahre allein die Produzenten verantwortlich.
Viele der Contergan-Geschädigten befinden sich 50 Jahre nach der Rücknahme des Medikaments vom Markt in einer akuten Notlage. Aus diesem Anlass veranstalten die Landesverbände Berlin/Brandenburg, Hessen und Hamburg an diesem Wochenende Aktionen in Berlin.
Sonnabend: Demonstration für angemessene Entschädigung unter dem Motto „5 vor 12 für Contergan-/Grünenthal-Opfer“. Start ist um 11.55 am Pariser Platz am Hotel Adlon, Brandenburger Tor. Ziel ist das Kanzleramt.
Contergan und die Medien: Informations- und Kulturprogramm, Sonnabend 18.30 bis 24 Uhr im Audimax der Alice-Salomon-Hochschule, Alice-Salomon-Platz 5, Eintritt 10 Euro.
Sonntag: „Eine einzige Tablette“, Spielfilm, 11 Uhr, Deutsches Historisches Museum, Zeughausgebäude, Unter den Linden 2.
Weitere Infos im Internet unter www.contergan-ag50.de.
Und so gab es weder eine staatliche Untersuchung, noch Hilfsangebote für die Opfer. Der Contergan-Skandal begann, nachdem das Mittel vom Markt genommen wurde. Regie führte die Presseabteilung der Firma Grünenthal. Ärzte und Apotheker wurden angeschrieben und über die Vorsichtsmaßnahme informiert. Es gelang, das Medienecho gering zu halten. Im Januar 1962 war Contergan fast vergessen. Als sich in Hessen eine erste Interessengemeinschaft der Opfer zusammenfand, war die Reaktion zurückhaltend bis ablehnend. „Einige Wissenschaftler“, berichtete die FAZ in ihrem Lokalteil, hätten „sogar erklärt, Missbildungen bei Neugeborenen seien auf das während der Schwangerschaft eingenommene Contergan zurückzuführen.“ Ohne Rückhalt in Politik und Öffentlichkeit begannen die Angehörigen der Opfer für ihre Kinder zu kämpfen. Hartnäckig bestritt die Firma Grünenthal die teratogene (fruchtschädigende) Wirkung ihres Produkts. Die Vorwürfe seien reine Spekulation.
Widukind Lenz sammelte Beweise. Bald hatte er Kontakt zu über hundert Familien. Auch sechs Schwangere, denen das Medikament verordnet worden war, meldeten sich. Der Conterganwirkstoff Thalidomid erzeugt eine sogenannte Hemmungsmissbildung. Am Tag der Einnahme wird die Embryonalentwicklung gestört.
So konnte Lenz annähernd voraussagen, welche Behinderungen zu erwarten waren. Und er prophezeite das Ende der Epidemie. Wenn das vom Markt genommene Medikament Ursache der Fehlbildungen sei, dürften nach dem 24. Juli 1962 keine weiteren Kinder mit den charakteristischen Behinderungen geboren werden.
Konsum weit unterschätzt
Als im Februar 1962 ein australischer Arzt in der angesehenen und traditionell den Patientenrechten verpflichteten britischen Fachzeitschrift The Lancet über zwei Contergan-Fälle in seiner eigenen Praxis berichtete, schickte der Hamburger Kinderarzt einen Leserbrief nach London.
Erstmals schätzte er das Ausmaß der Katastrophe, indem er die von ihm angenommene Zahl der verkauften Contergantabletten auf die mögliche Zahl der Betroffenen hochrechnete. 2 000 Kinder müssten betroffen sein. Lenz irrte sich, allein in Deutschland waren es doppelt so viele. Der Kinderarzt hatte den Beruhigungsmittelkonsum weit unterschätzt.
Contergan war ein Modemittel. Lange bevor der Begriff Lifestyle-Medikament für Arzneimittel geprägt wurde, die nicht zur Behandlung eines Leidens, sondern zur Steigerung von Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit eingenommen werden. In der Werbung wirkte Contergan gegen Angst, Kontaktschwäche und Unausgeglichenheit. Auch die vermeintliche Unschädlichkeit des Präparats war Gegenstand der Kampagnen. Noch im November 1961 schaltete der britische Thalidomid-Lizenznehmer eine Anzeige, die ein Kleinkind zeigt, das sich im Badezimmer der Eltern aus einem Tablettenröhrchen bedient. Barbiturate könnten es umbringen, Thalidomid ist sicher, sagt der Text unter dem Foto. Für Kinder gab es Contergan mit Himbeergeschmack, empfohlen für Kinder, die schlecht einschliefen. Im Volksmund hieß der Cocktail „Kinosaft“.
Renten reichen kaum zum Leben
Während etwa die DDR und auch die USA das Mittel nicht zuließen, war der Contergankonsum in anderen Ländern exorbitant. Fünfzehn Jahre nach Kriegsende verkaufte der Aachener Pharmakonzern Grünenthal jeden Monat mehr als 20 Millionen Tabletten gegen Unausgeglichenheit. 101 Millionen Euro zahlte die Firma nach jahrelangen Protesten an die Opfer der Contergan-Katastrophe, 51 Millionen in den 70er-Jahren nach einem für die Familien aufreibenden Prozess, und erneut 50 Millionen im Jahr 2009, nach andauernden Protesten und einem wochenlangen Hungerstreik von vier Contergangeschädigten, deren geringe Renten kaum zum Leben reichten. Bis heute kommt der Staat für den weitaus größten Teil der Entschädigungen auf.
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