Warum haben Giraffen derart lange Hälse? Die Frage bringt nur Erwachsene ins Grübeln. Ein Kind wüsste die Antwort sofort: "Damit sie Blätter von hohen Bäumen fressen können." Das Problem ist nur: Woher weiß schon ein Giraffen-Fötus im Mutterleib, dass man sich nach frischem Laub ganz übel strecken muss? Der Fötus hat davon natürlich keinen blassen Schimmer. Und trotzdem wächst ihm dieser lange Hals.
Der berühmte Naturforscher Charles Darwin, der im kommenden Februar vor 200 Jahren geboren wurde, hätte mit seiner revolutionären Evolutionstheorie auch die Giraffenhals-Frage beantworten können - nämlich in etwa so: Für die Vorläufer moderner Giraffen erwies es sich zunehmend als Vorteil, etwas größer zu sein als die Artgenossen. Denn so reichten sie an mehr Futter heran, das anderen entzogen blieb. Dadurch wuchsen sie rascher, konnten sich schneller und erfolgreicher fortpflanzen, überlebten sogar Zeiten mit kargem Futterangebot in größerer Zahl und konnten ihren körperlichen Vorteil an mehr Nachkommen weitergeben.
Professor Joachim Bauer, Jahrgang 1951, ist Internist, Psychiater und Facharzt für Psychosomatische und Psycho- therapeutische Medizin an der Uniklinik Freiburg. An der Uni leitet er auch die Psycho- somatische Ambulanz und hat eine Professur für Psychoneuroimmunologie inne. Bauer ist Autor mehrere Sachbücher; zuletzt erschienen von ihm "Prinzip Menschlichkeit" und "Lob der Schule".
Denn die Voraussetzungen für den längeren Hals - oder auch für längere Beine - lagen im Erbgut der Tiere. Darin zufällig aufgetretene Veränderungen, so genannte Mutationen, ließen Hals und Beine überdurchschnittlich lang werden. Und so würde es auch bei allen Nachkommen der Tiere sein - vorausgesetzt, die veränderten Stellen im Erbgut werden darin gewissermaßen festgeschrieben.
Sinnvoll ist diese Mutation aber nur gewesen, weil es gutes Futter in Wipfelhöhe gab. Ansonsten wäre es schiere Energieverschwendung für Giraffen, wenn ihnen ein langer Hals wüchse. Doch weil der Zufall im Erbgut, dem Genom, etwas Vernünftiges bewirkt hatte, entschieden die Langhälse unter den Giraffen den Wettbewerb um die erfolgreichste Weitergabe ihrer Erbanlagen für sich. Darwin zufolge wurde ihr Vorteil ganz allmählich herausgezüchtet - und zwar von der Selektion im Verlauf des "Daseinskampfs".
Durch zufällige, fortwährend erfolgende Mutationen und gnadenlose Selektion - so erklärt die Fachwelt das Prinzip der Evolution auch heute noch, auch wenn Darwin von Genetik nichts wissen konnte. Selbst Gregor Mendels zeitgenössische Vererbungslehre kannte er nicht.
Doch die gängige Evolutionslehre der allmählichen, rein zufälligen Anpassung des Erbgutes bezweifelt der Mediziner Joachim Bauer. In seinem neu erschienenen Buch "Das kooperative Gen" (Hoffmann & Campe, 19,95 Euro) wirbt er schon im Untertitel für einen "Abschied vom Darwinismus". Der Autor ist nicht nur ein vielseitiger Arzt an der Freiburger Uniklinik; er hat auch jahrelang an Genen des Immunsystems und des Gehirns geforscht.
Allerdings steht Bauer weder dem Kreationismus noch der Idee des "Intelligenten Designs" nahe - beides Konzepte, die als Ursache der Artenvielfalt einen lenkenden Schöpfergott behaupten. Solche Sichtweisen gründen laut Bauer "auf reinem Glauben", hätten mit wissenschaftlicher Biologie nichts zu tun und seien in biologischen Lehrbüchern fehl am Platz.
Ihm zufolge gehen Darwins moderne Anhänger bis heute davon aus, die Selektion sei das "einzige Steuerungsprinzip hin zu neuen Arten", sagt Bauer. Doch "dass Arten überwiegend deshalb zugrunde gehen, weil sie einer fortwährenden Selektion ausgesetzt sind, stimmt so nicht". Zwar bestreitet der Mediziner nicht, "das Mutationen sich ständig ereignen". Eine Körperzelle könne aber "Einfluss nehmen, ob und wo sie sich ereignen".
Hauptursache für den massenhaften Untergang von Arten seien globale Katastrophen gewesen, die durch Vulkanismus, durch Meteoreinschläge oder durch beides verursacht waren. "Allein innerhalb der letzten 500 Millionen Jahre gab es fünf solche Mega-Ereignisse; einige davon hätten beinahe allem Leben den Garaus gemacht", sagt Bauer. "Diese Ereignisse sind alles andere als das, was Darwin sich als das steuernde Prinzip der Selektion vorstellte, denn sie waren für alles, was lebte, eine Katastrophe."
Für Bauer waren vor allem solche "punktuell zugespitzten Ereignisse" die Zündfunken für entscheidende Schritte der Evolution. "Diese Stressoren waren etwas völlig anderes als jenes über allen Lebewesen schwebende Damoklesschwert, das in der Sprache des darwinistischen Dogmas als Selektionsdruck bezeichnet wird", urteilt der Mediziner.
Doch wie soll das Erbgut auf ökologischen Druck reagiert haben? "Genome besitzen genetische Werkzeuge, mit denen sie quasi ihre eigene Architektur verändern können", antwortet Bauer. "Eine der wichtigsten Möglichkeiten, dies zu tun, ist, Gene zu verdoppeln." Dies geschehe bevorzugt dann, "wenn die äußeren Lebensbedingungen für das Leben als Ganzes bedrohlich werden". Das Leben suche, "indem es seine Gene selbst verändert, sozusagen nach einem Ausweg".
Dabei würden "bevorzugt solche Gene verdoppelt, die bereits in starkem Gebrauch waren" und sich als nützlich erwiesen haben. Im Anschluss daran gebe die Zelle "die Kopie für Mutationen frei, während sie das Original, das sich ja bewährt hat, konserviert". Darin sieht Joachim Bauer eine im Erbgut angelegte "geniale Strategie", um sich aus der ökologischen Klemme zu befreien.
Für Bauer sind die in seinem Buch diskutierten Fragen "für jeden von Bedeutung". Es sei in den Genen keineswegs unveränderlich vorherbestimmt, wie wir sind. Vielmehr habe "die Art, wie wir leben, Einfluss auf unsere Gene". Denn Erbanlagen "empfangen Signale und reagieren auf sie, kommunizieren also mit der Umwelt. Sie steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert".
Zweierlei räumt der Freiburger Mediziner allerdings gerne ein. Erstens bleibe Darwin "einer der großen Aufklärer der Neuzeit". Schließlich verdankten wir ihm, "dass die biblische Schöpfungsgeschichte nicht mehr als wissenschaftliches Erklärungsmodell für die Entstehung der Erde und des Lebens herhalten muss".
Und zweitens bleibe Vieles in Sachen Evolution noch völlig ungeklärt. Zwar sei "experimentell gut belegt, dass es schwere äußere Stressoren sind, die Genome veranlassen, ihre genetischen Umbauwerkzeuge zu aktivieren und ihre Architektur zu verändern", etwa Radioaktivität oder Nahrungsmangel. "Über die konkreten Ursachen der schubartigen Veränderungen, die sich in der Evolution tatsächlich abgespielt haben, wissen wir aber kaum etwas." Es sei denn, das Futter am Boden würde mal wieder knapp und einige Tiere reckten sich den Baumwipfeln zu.
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