Beim großen Kongress der US-amerikanischen Psychologenvereinigung im vergangenen Jahr referierte der prominente Harvard-Professor Daniel Gilbert noch einmal die skeptische Lehrmeinung zum Thema Eltern-Glück: Kinder machen nicht glücklich, sondern senken die Lebenszufriedenheit ihrer Erzeuger. Gilbert weiß natürlich, dass Mütter und Väter das Gegenteil glauben – das gelte auch für ihn, wie er selbstironisch in seinem Buch „Ins Glück stolpern“ anmerkte: „Ich habe einen 29-jährigen Sohn und bin restlos überzeugt, dass er eine der größten Quellen der Freude in meinem Leben ist und immer war.“ Wenn aber anhand von Befragungsergebnissen die Lebenszufriedenheit von Eltern und Kinderlosen tatsächlich verglichen werde, zeige sich das Gegenteil.
Wie kann es zu diesem verblüffenden Widerspruch kommen und wie lässt er sich aufklären? Müsste nicht die Evolution dafür gesorgt haben, dass Eltern durch Kinder glücklich werden? Schließlich überleben nur die Gene derjenigen, die Kinder bekommen und fürsorglich aufziehen. Ein Forscher nannte dies das „Paradox der Elternschaft“. Erst in jüngster Zeit beginnen Wissenschaftler, das Rätsel zu lösen, wobei sich ganz unterschiedliche Ansätze ergänzen.
Zunächst: Es ist nicht wahr, dass Kinder immer und überall ihren Eltern die Laune verderben. Dieser Effekt zeigt sich zwar typischerweise in amerikanischen Untersuchungen – und sie werden in der Wissenschaft und erst recht in Bestsellern besonders ausgiebig zitiert. Doch in anderen Ländern verhält es sich nicht so.
In einer vor Kurzem erschienenen Studie haben Rachel Margolis von der University of Pennsylvania und Mikko Myrskylä vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock Umfragedaten von mehr als 200000 Frauen und Männern aus 86 Ländern ausgewertet.
Für marktwirtschaftliche Länder, in denen es mit dem Sozialstaat nicht weit her ist (dazu zählen etwa die USA) zeigt sich das gewohnte Bild: Je mehr Kinder, desto unglücklicher sind die Befragten. Für frühere sozialistische Staaten und Entwicklungsländer, wo die Verhältnisse noch rauer sind, gilt dies erst recht.
Wie zufrieden sind sie alles in allem mit ihrem Leben?“ So oder ähnlich fragen Glücksforscher in großen Studien und bitten um Antworten auf einer Skala von eins bis zehn. Für die Resultate interessieren sich sogar Regierungen. Die britische behält neben dem Index für das Bruttosozialprodukt auch einen Glücksindex im Auge. In Frankreich empfiehlt eine Kommission des Präsidenten Ähnliches, in den USA belebt die Glücksforschung sogar die Steuerdebatte.
Viele Erkenntnisse sind wenig überraschend. So hilft es vor allem, wenn ein Land über ein gutes Gesundheitssystem verfügt. Im Ländervergleich steigt die Zufriedenheit auch mit dem Wohlstand, ebenso mit der Bildung. Doch es gibt auch Grund zur Überraschung. Beispielsweise geben Asiaten meist eine überraschend niedrige Zufriedenheit zu Protokoll, selbst in wohlhabenden Ländern wie Japan. Überhaupt steigt das Glück mit dem Geld kaum an, wenn erst einmal ein gewisser Wohlstand erreicht ist, obwohl die Einkommenswünsche offenbar keine Grenzen kennen.
Für besonderes Aufsehen haben aber die Daten zum Wohlbefinden von Eltern gesorgt. Obwohl Kinderlosigkeit als Unglück und der Tod eines Kindes überall als Katastrophe gilt, erweisen sich Eltern in den meisten Untersuchungen nicht als glücklicher als Kinderlose. Mitunter sind sie gar unzufriedener. Neue Studien zeigen, dass diese Daten verzerrt sind.
Doch in Ländern wie Deutschland, Frankreich und der Schweiz, in denen Eltern eher auf die Unterstützung des Staates zählen können, ist es anders: Hier geht das Glück mit steigender Kinderzahl tatsächlich nur minimal zurück.
Die Erklärung liegt auf der Hand: Wer Kinderzimmer, Spielzeug und Ausbildung allein finanzieren und sich den ganzen Tag persönlich um die eigenwilligen Kleinen kümmern muss, büßt Lebenszufriedenheit ein. Wo Vater Staat einen Teil der Kosten übernimmt und Betreuung anbietet, lässt sich die Kinderpflege entspannter angehen. Klingt nachvollziehbar.
Nach der gleichen Logik erklärt sich teilweise auch das vielleicht bemerkenswerteste Ergebnis der neuen Elternglück-Forschung: Verheiratete Eltern mit mittlerem Einkommen sind tatsächlich glücklicher als Kinderlose, wenn auch nur leicht. „Ruiniert“ werden die Statistiken von Alleinerziehenden und Paaren ohne Trauschein. Das zeigte sich, als Luis Angeles von der University of Glasgow 89 000 Antworten einer britischen Langzeitbefragung auswertete.
„Dies soll keine moralische Verteidigung der Ehe sein“, merkt Angeles an. Er hält den Trauschein eher für ein äußeres Zeichen dafür, dass „die Menschen das Gefühl haben, dass sie bereit oder zumindest willens sind, Eltern zu werden“. Das ist bei Unverheirateten womöglich seltener der Fall. Dass diese Paare finanziell oft in der gleichen Lage sind wie Verheiratete, kann diesen Geburtsfehler offenbar nicht vollständig ausgleichen.
Der gleiche Trend zeigt sich in einer europaweiten Studie mit 35 000 Befragten, die vergangenes Jahr von der EU-Organisation Eurofound publiziert wurde. Verheiratete Eltern nannten sich glücklicher als Alleinerziehende. Letztere litten besonders, wenn sie Kinder unter 16 Jahren hatten. Das Elternglück ist allerdings ungleich verteilt. Die Mütter haben nach der britischen Studie deutlich mehr vom Nachwuchs als ihre Männer. Noch deutlicher zeigt sich dieser Unterschied in einer dänischen Studie mit mehr als 3000 Zwillingen.
Die Umstände müssen stimmen
Da Zwillinge die gleichen Gene haben und normalerweise in derselben Familie aufwachsen, ließen sich deren Einflüsse aufs Glück herausrechnen, was die Ergebnisse genauer macht. Väter erwiesen sich in dieser Untersuchung zwar wiederum als leicht glücklicher – aber nur weil sie in der Regel mit einer Frau zusammenlebten. Die Kinder selbst hatten kaum Einfluss. Die Mütter dagegen schätzten sich glücklicher, vor allem wenn sie nur ein Kind großzogen – selbst wenn sie keinen Partner hatten.
Wenn die Umstände günstig sind, können Kinder also durchaus die Lebensfreude erhöhen. Das Maß an Glück, das der Nachwuchs schenkt, bleibt allerdings bescheiden. Nüchterne Forscher wundert das nicht. Kinder bringen Eltern um den Schlaf, essen ihre Gemüse nicht und bocken bei den Hausaufgaben.
Als der Nobelpreisträger Daniel Kahneman rund tausend Frauen fragte, wie angenehm sie die verschiedenen Aktivitäten eines Tages fanden, schnitt das Kümmern ums Kind schlechter ab als fernsehen und nur wenig besser als die Arbeit und das Pendeln dorthin.
Warum halten Eltern ihre Kinder dann trotzdem für die wichtigste Quelle ihres Glücks? Vielleicht gerade weil die Kinder so viel Mühe machen, argumentieren verschiedene Forscher. Nach dieser Überlegung sind Eltern bemüht, ihren hohen Aufwand vor sich selbst zu rechtfertigen. Tatsächlich zeigt eine kürzlich erschienene Studie: Wird Müttern und Vätern vorgerechnet, wie viel ein Kind bis zur Volljährigkeit kostet (in den USA sind das knapp 200 000 Dollar), idealisieren sie die Elternschaft anschließend stärker als sonst und wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen.
Offensichtlich kommt es nicht infrage, stattdessen zu überlegen, ob Kinder sich wirklich lohnen. Denn alle Kulturen trichtern ihren Mitgliedern ein, wie wichtig Kinder sind. Gilbert nennt die Idee einen „Super-Replikator“. Was er damit meint: einen Glauben, der sich in der Evolution zwangsläufig durchsetzt.
Er verweist auf das Schicksal der Shaker, eine im 19. Jahrhundert entstandene amerikanische Sekte. Die Shaker hatten eigentlich nichts gegen Kinder, missbilligten aber den zu ihrer Entstehung nötigen Sex. Die Konsequenz: Die Shaker sind heutzutage fast ausgestorben.
Doch selbst wenn von der Regierung bis zur Schwiegermutter alle beteuern, dass Kinder toll sind, müssen Eltern ja immer noch ihr eigenes Gefühlsleben entsprechend ausrichten. Das schaffen sie, indem sie unerfreuliche Gefühle als notwendige Übel abhaken und sich auf die positiven Emotionen konzentrieren, glaubt der renommierte Psychologie-Professor Roy Baumeister von der Florida State University: „Wenn man die negativen Gefühle wie Stress, Sorgen, Wut, Frustration und so weiter ignoriert, kann man glauben, dass Elternschaft das Glück vergrößert, auch wenn das irrational scheint.“
In gewisser Weise könnten die Eltern sogar recht haben, wenn sie behaupten, dass ihre Kinder sie glücklich machen. Womöglich meinen sie damit, dass sie ihrem Leben einen Sinn geben. „Kinder zu haben“, argumentiert die bekannte Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky von der University of California in Riverside in den USA, „schenkt Menschen viel Wertvolles und Wichtiges, das zum Glück beiträgt, aber mit den üblichen Fragebögen zur Lebenszufriedenheit nicht gut zu erfassen ist.“
Auch der Politologe Ronald Inglehart von der University of Michigan in Ann Arbor ist überzeugt, dass es nicht reicht, die Leute einfach nach ihrer Befindlichkeit zu fragen. Seiner Meinung nach kommt es auch darauf an, wie Menschen Erfahrungen im Licht ihrer Überzeugungen subjektiv würdigen: „In diesem von Werten durchdrungenen Prozess kann die eine Minute, in der einen ein Kind mit einem Lachen und einer Umarmung begrüßt, die hundert anderen aufwiegen, in denen man hinter ihm her putzt.“
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