"Abgespeist"
Jannes Koch (25), Vermittlungswissenschaft, Uni Flensburg
"Einige Probleme auf regionaler Ebene lassen sich nur über das große Bewusstsein der Gesellschaft anpacken. Bildung sollte für alle da sein. Bildung ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern der Zweck selber. Aber die Kinder werden in den Schulen bereits durch Leistungsdruck verschreckt. An meiner Uni stört mich, dass wir zu wenig Möglichkeiten haben, uns an der Bildungspolitik zu beteiligen. Ich habe das Gefühl, dass die Landesregierung den Wert der Bildung nicht zu schätzen weiß. Überall wird gespart und wir werden nur mit dem Nötigsten abgespeist. Unsere Bibliothek ist schlecht ausgestattet, unser Zentrum für Medien erhalten Studierende aufrecht, die schlecht bezahlt werden. Es fehlt an Personal."
"Mehr Gewicht"
Tilmy Alazar (26), Soziale Arbeit, Hamburg
"Für die Demokratiefähigkeit einer Gesellschaft ist ein Bildungssystem, das sich an emanzipatorischen Inhalten orientiert und frei von politischen, ökonomischen und religiösen Einflüssen ist, unabdingbar. Wie eine Demokratie heutzutage funktioniert - das ist eine sehr komplexe Sache geworden, die nicht mehr jeder Mensch durchdringt. Demokratie muss man aktiv im Laufe seines Lebens, in der Schule, im Studium lernen. Die Meinungen junger Menschen sollten bei Entscheidungen an ihrer Hochschule ein größeres Gewicht haben. Das gilt auch für Berufsschüler in den Betrieben. In Hamburg soll den Hochschulpräsidien mehr Machtbefugnis zugesprochen und die Struktur immer zentralistischer werden."
"Große Klassen"
Matthias Köhne (16), Pascal-Gymnasium, Münster
"Die Zustände, mit denen die Schülerinnen und Schüler heutzutage konfrontiert werden, sind katastrophal. An meiner Schule gibt es verdammt große Klassen, 35 Schülerinnen und Schüler sind da normal. Die Ausstattung ist unzureichend, insbesondere mit Blick auf das auf verkürzte Gymnasium. Zwischen der sechsten und siebten Stunde wurde eine Stunde Pause eingeführt, aber es gibt nicht genügend Aufenthaltsräume. Es fehlt an Lehrmaterialien, Experimente in Chemie können nur theoretisch durchgeführt werden. Ich erhoffe mir durch Aktionen in der Streikwoche Reaktionen aus der Politik, die Veränderungen bringen."
"Ständig Ausfälle"
Emily Jaskulla (17), Gesamtschule Mörfelden-Walldorf
"Ich möchte, dass die, die nach mir in die Schule kommen, später mal sagen können: Wow, ich hatte ein tolles Leben in der Schule. Das kann ich von mir bis jetzt nicht behaupten. An meiner Schule fällt extrem viel Unterricht aus, in einem Monat waren es mal 60 bis 70 Stunden. Wir schreiben ja auch Zentral-Abi in Hessen, da sagt niemand: Oh, weil bei euch so viele Stunden ausgefallen sind, machen wir die Prüfungen mal ein bisschen leichter. Ich habe wöchentlich 35 Stunden Unterricht und davon fallen durchschnittlich drei bis fünf aus. Wir haben kaum Vertretungslehrer."
"Mehr in die Tiefe"
Alexander Herr (21), Politik und Geschichte, Uni Halle-Wittenberg
"Obwohl wegen des Föderalismus-Prinzips die Länder die Bildungshoheit haben, muss die Diskussion auf allen Ebenen geführt werden. Ich glaube, dass man im Dialog etwas bewegen kann. Ich merke, dass die Lehr- als auch Lernbedingungen an der Uni, an der ich studiere, - um es positiv auszudrücken - verbesserungswürdig sind. Professoren sind mit der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master allein gelassen worden. Jetzt wird viel mehr in die Breite gelehrt, weniger in die Tiefe. Für ein selbstbestimmtes Studium fehlt sowieso die Zeit."
"Etwas ändern"
Patrick Simon (17), Gymnasium Hermeskeil (Trierer Land)
"Über den Bildungsstreik haben Schüler/innen eine Stimme. Gemeinsam können wir etwas verändern, was sonst nur begrenzt geht. Im Unterricht wird viel frontal gepredigt und wenig auf Schüler/innen eingegangen. Alternative Formen wie Projektarbeit gibt es gar nicht. Das liegt auch zum Teil daran, dass keine Zeit dafür ist. Während des Streiks habe ich einen Austauschschüler aus Amerika bei mir. Den will ich mitziehen. Dort gibt es SchülerInnenvertretungen gar nicht. Da kann ich ihm zeigen, wie Mitsprache funktioniert."
"Lernen, lernen"
Marielle Meurers (22), Soziale Arbeit, Fachhochschule Frankfurt
"Im Studium geht es inzwischen weniger um persönliche als vielmehr um die berufliche Entwicklung. Deshalb sind viele unglücklich. Von den Bachelor-Studenten kann niemand etwas anderes machen als Kurse besuchen und lernen. Es bleibt wenig Freizeit, was sich schlecht auf die Motivation auswirkt. Es muss Druck rausgenommen und Freiraum geschaffen werden. Nur so kann man sich persönlich entwickeln. Bei uns in der Sozialarbeit wird momentan unglaublich viel auf Methoden und wenig auf Inhalte gesetzt."
Alle Beiträge aufgezeichnet von Michael Billig.
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