Im Saal üben sie, wie ein Clown zu gehen und sich wie ein Clown zu drehen. Stampfend, grölend, manchmal stöhnend, als Michael Stuhlmiller von der Bühnenkante springt und die Übung unterbricht. "Dein Körper ist mir noch zu undefiniert, Edith", sagt er. "Das muss groß sein, lesbar sein. Ihr fuchtelt mir noch zu viel rum." Stuhlmiller, Typ Verleger, Mitte vierzig, dunkelbraunes Haar bis auf die Schultern. Er geht im Saal umher zwischen schwer atmenden Schülern, ruft "aah" und "mmh" und sagt: "Das ist lesbar! So muss das sein!" Dann entlässt er alle in die Pause.
Draußen auf dem Balkon setzt sich Helge, 23, auf eine Bank, ein schmaler junger Mann mit Dreadlocks. Er kaut auf einem Käsetoast. "Ein Clown zu werden ist harte Arbeit", sagt er leise. "Man muss in der Gruppe viel miteinander aushalten. Jeder hat mal seine Heulphase."
In vier Semestern bildet die Mainzer Schule für Clowns ihre Schüler zu staatlich anerkannten Clownschauspielern aus. Die Ausbildung besteht aus Grundtechniken der Clownerie, des Schauspiels, der Mime, Musik, Stimmarbeit, Körperbeherrschung und Artistik. Zur Vertiefung in späteren Semestern wählen die Schüler zwischen Akrobatik, Einradfahren, Jonglage, Instrument oder Gesang. Ab dem dritten Semester entwickeln sie eigene Clown-Charaktere, zum Abschluss erarbeiten alle eine oder mehrere Szenen oder Nummern, mit denen sie auf eine gemeinsame Abschlusstournee gehen.
Die Ausbildung endet mit einer schriftlichen Prüfung im Fach Clown-Theorie und einer Vorführung der eigenen Clowntheaterproduktion. Die Teilnahme an der Profiausbildung kostet 4740 Euro im Jahr, die Schüler können dafür Bafög beantragen. Neben der Profiausbildung umfasst das Angebot auch einzelne Clown-Seminare. Erfolgreiche Absolventen arbeiten später im Zirkus genauso wie im Jugendstrafvollzug oder als Sterbebegleiter im Kinderkrankenhaus. Gegründet hat die Schule der Schauspieler Michael Stuhlmiller.
Gleich hinter Finthen führt eine Landstraße ins Mainzer Vorland. An einem Schild mit der Aufschrift "Layenhof" biegt der Linienbus nach links ab, holpert über eine löchrige Straße und hält vor einem grauen Gebäude, an dem der Putz von den Wänden bröckelt. Gebäude 5803 war einmal das Kasino der amerikanischen Streitkräfte auf dem Militärgelände Mainz-Finthen. Das ist lange her. Heute steht neben dem Eingang "Schule für Clowns".
Die clownsche Wende steht an diesem tristen Herbsttag auf dem Stundenplan, das Gehen mit plötzlichem Richtungswechsel. Michael Stuhlmiller hat 15 Schüler im Saal um sich versammelt. Es komme darauf an, was Chaos bedeutet, sagt Stuhlmiller von der Bühne herab, "wie viele Parameter Unruhe bringen und wie viele unterhaltsam sind." Als einige der Clownschüler zu tuscheln beginnen, dreht sich Stuhlmiller um die eigene Achse, ruft: "Hallo, ich rede!" Es ist eine ernste Angelegenheit, ein Clown zu werden.
Für zwei Jahre haben sich die 15 Schüler verpflichtet, am Ende ihres Studiums werden sie staatlich geprüfte Clownschauspieler sein, die Schule für Clowns ist eine öffentlich anerkannte Berufsfachschule. Sie werden hart arbeiten, ihre Stimme und ihre Mimik trainieren, Akrobatik und Musik üben, Clownerie und Schauspiel studieren, so steht es im Lehrplan. Später werden sie im Zirkus auftreten, in der Fußgängerzone und auf der Kinderkrebsstation. Die Guten werden können, was mit so wenigen Mitteln nur Clowns können: ein Spiegel der Gesellschaft sein. Die Schlechten werden sich wahrscheinlich ganz schnell einen neuen Job suchen.
Einen Clown habe jeder in sich, sagt Helge auf dem Balkon. "Aber alle, die hier sind, gehen nicht den geraden Weg. Die haben alle ein bisschen einen an der Klatsche." Vor fünf Jahren ist er aus Bremen weg, dann lange in Berlin gewesen, irgendwann in Mainz gelandet. Seit er von zu Hause weg sei, habe er immer Straßentheater gemacht, sagt Helge. Er sei viel unterwegs gewesen, habe mal hier gearbeitet und mal dort und eine Zeitlang in einer Kinderpsychiatrie. "Für die Kinder war das vielleicht gut", sagt er. "Aber ich bin dabei draufgegangen."
Vielleicht sind solche Erfahrungen die Voraussetzung für einen guten Clown. "Wer vollkommen bei sich ist, hat es schwer als Clown", sagt Helge. Ein Clownschauspieler muss wissen, wie es sich anfühlt, zu scheitern - um auf der Bühne die Schönheit des Scheitern vorführen zu können. Denn darum geht es beim Clownsein: ums Scheitern. "Es ist das ständige Thema."
Im Saal sind sie darin Komplizen, so heißt das in der Clownsprache: Wenn man auf eine Ansammlung von Clowns trifft, in der einer etwas macht und die anderen darauf reagieren, dann ist der eine der Spieler und die anderen sind Komplizen. Das wechselt ständig; es ist die Kunst der Clownerie, diesen permanenten Übergang von Spiel zu Komplizenschaft zu beherrschen. "Die Aufgabe ist für euch da und nicht ihr für die Aufgabe", ruft Stuhlmiller, der Clownregisseur, von der Bühne herab.
Mach mal was Lustiges
Dann springt er in seinen Wildlederschuhen wieder runter in den Saal. Die Aufgabe lautet, ein Gerät darzustellen. Stuhlmiller ist unzufrieden. Gruppe eins hat sich entschieden, einen Toaster samt röstendem Toastbrot zu mimen; zwei sind das Gerät, einer der Hebel, einer das Toastbrot. Nach mehreren Versuchen sitzt die Nummer. Bei Gruppe zwei, der Waschmaschine, geht dagegen gar nichts zusammen. Jonas mimt die Wäsche, aber lustig ist es nicht. Stuhlmiller unterbricht ihn.
"Jonas, dein Spiel ist wie ein schwarzes Loch, da ist kein Atem drin, keine Energie." Jonas guckt verdattert. "Wie kriege ich das hin?" "Das ist Kopfsache", sagt Stuhlmiller, und dann: "Du implodierst, ich will aber, dass du explodierst. Du musst auf die Bühne kommen und den Raum öffnen, du musst geladen sein, du musst diese Energie haben." Er atmet tief, hebt und senkt die Arme vor der Brust. "So wie ich sie habe. Siehst du das?"
In einer anderen Ecke des Saals wackeln die Clowns in Turnhosen mit ihren Armen, einer duckt sich, einer streckt sich, sie rufen "ratsch, broooah, bling". Wieder wird ein Toastbrot fertig.
Wenn man draußen den Menschen erzähle, dass man Clown werde, sagt Imke. "Dann sagen viele: Mach mal was Lustiges." Die 19-Jährige sitzt auf dem Balkon zwischen Kevin, 26, dessen literaturwissenschaftliche Doktorarbeit aus Gründen des Clownerie gerade ruht, und Franziska, 18, die Franz genannt werden will, "aber bitte klein geschrieben", also franz. Imke und franz sind die Jüngsten unter den Clownschülern. Eigentlich hatten sie im Leben noch gar keine Zeit zu scheitern. franz sagt, sie habe eigentlich ein freiwilliges soziales Jahr in Afrika machen wollen, das habe sich dann aber zerschlagen. "Und dann war irgendwann das Wetter scheiße und ich habe auf den Bus gewartet und dabei gegoogelt, was man so Verrücktes machen kann", sagt sie. Gefunden habe sie die Clownschule. Also sei sie hingegangen.
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