Stehen als Strafe? Das kommt den Fünftklässlern der Mittelschule Neumark komisch vor. Die Schüler der 5 b erstaunte bei ihrem Besuch des Schulmuseums in der sächsischen Kleinstadt kürzlich weniger der Eselskopf, den sich ungezogene Schüler vor 100 Jahren aufsetzen mussten. Besonders merkwürdig fanden sie, dass die Gemaßregelten samt Eselskopf in der Ecke stehen mussten.
Die 5 b findet Stehen nämlich großartig. Und die meisten anderen Schüler der Mittelschule auch. Zumindest haben vier Fünftel von ihnen in einer Befragung angegeben, dass sie weiter im Stehen lernen wollen. Die Mittelschule im vogtländischen Neumark war Anfang des Jahres die erste Schule in Deutschland, die einen Klassenraum mit Schaumstoffkissen ausstattete, die es Schülern erlauben sollen, eine Schulstunde am Stück zu stehen. Dazu wurden höhenverstellbare Stehpulte angeschafft.
Die in der Schweiz hergestellten Schaumstoff-Kissen animieren die Schüler zu ständiger Bewegung: Denn das Material gibt zwar nach, strebt aber immer wieder in die Ausgangsposition. 90 Prozent der Schüler empfanden die Abwechslung vom Sitzen als angenehm. Das ergab die Auswertung von 149 Fragebögen, die die Herstellerfirma am Ende der sechsmonatigen Testphase ausgeteilt hatte. Knapp zwei Drittel gaben an, ihre Aufmerksamkeit nehme im Stehen zu und die Müdigkeit ab.
Auch Rektor Günter Franke ist angetan. Er berichtet enthusiastisch vom Projekt Stehendes Klassenzimmer. So seien die Schüler in den Stunden im Stehpult-Raum ruhiger und aufmerksamer. Schon lange sei es das Ziel der Schule gewesen, mehr Bewegung in den Unterricht zu bringen. Dem Angebot von Bewegungstrainer Thomas Müller habe man deshalb nicht widerstehen können.
Müller, der in Deutschland für die Schaumstoffkissen wirbt, sieht im Projekt Stehendes Klassenzimmer einen Beitrag zur Gesundheitsprävention. Die Bewegung halte darüber hinaus die Aufmerksamkeit auf einem höheren Niveau als das sitzend möglich sei. Weil die Schüler den sanften Gegendruck der Kissen ständig ausgleichen müssten, könne sich der Körper gar nicht erlauben, die Aufmerksamkeit zu sehr sacken zu lassen. Wer gerade an ein Date oder Fußball denke, werde davon zwar nicht abgehalten, so Müller. "Aber wer mitmachen möchte, dessen Aufmerksamkeit wird immer wieder aufs Neue hergestellt."
Das bestätigt auch Dieter Breithecker von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung. Nicht das Stehen sei entscheidend, sondern der häufige Wechsel der Körperhaltung. "Dadurch wird der Kreislauf angeregt und so auch die Durchblutung des Gehirns."
Der Bewegungslobbyist bevorzugt deutlichere Positionswechsel und spricht sich daher für ein oder zwei Pulte pro Raum aus, statt gleich ein ganzes Klassenzimmer auszustatten. Das praktizierten bereits einige Schulen, darunter eine Förderschule für Kinder mit körperlichen Behinderungen.
Es gebe einen Zusammenhang zwischen Bewegung und Lernerfolg, betont Breithecker. Dieser sei nicht auf die Steigerung der Aufmerksamkeit beschränkt. "Bei Aktivierung des Gleichgewichts- und des Bewegungssinnes wird das Hormon Neurotrophin ausgeschüttet", erklärt der Bewegungswissenschaftler. Das sorge für einen intensiven Wachzustand des Gehirns und habe damit Einfluss auf dessen Leistungsfähigkeit.
Kinder, die mit den Stühlen kippeln, wollten nicht den Unterricht stören, sondern möglichst viel mitbekommen. "Sie machen uns vor wie es geht", widerspricht Breithecker tief verwurzelten Vorurteilen. "An ihnen können wir sehen, wie der Mensch veranlagt ist."
Wer heute in der Schule steht, ist also alles andere als ein Esel.
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