Depression bleibt die unbekannte und häufig auch unerkannte Volkskrankheit Nummer eins. Entsetzen und Überraschung angesichts des Suizids von Nationaltorhüter Robert Enke sind typische Reaktionen auf eine in der Selbsttötung endende Depression, die vom weiteren Umfeld nicht erkannt wurde.
Robert Enke ist insofern nicht die große Ausnahme - er ist fast schon der Regelfall. Denn trotz Aufklärungsprogrammen, Bündnissen gegen Depression und spezieller Diagnostiktrainings für Hausärzte: Das Wissen um ihre vielfältigen Erscheinungsformen und den Umgang mit depressiv Erkrankten mündet immer noch häufig in gut gemeinte Ratschlägen, die den Depressiven jedoch wie eine Keule treffen: "Reiß dich zusammen", "das wird schon wieder" oder "da musst du jetzt durch" sind häufig Sätze, die sich der Depressive selbst sagt und damit die Spirale von Selbstentwertungen und Niedergeschlagenheit noch verstärkt.
Belächeln oder nicht ernst nehmen der Symptome durch Dritte ist ebenso häufig wie die Annahme einer körperlichen Erkrankung, wenn somatische Symptome wie Magen-Darm-Verstimmungen, vegetative Symptome oder Schlafstörungen und Appetitlosigkeit im Vordergrund stehen.
Frauen sind häufiger betroffen als Männer
Je nach Schätzung werden zwischen zehn und zwanzig Prozent der Erwachsenen in ihrem Leben mindestens einmal eine Depression erleiden. Frauen sind mit zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent häufiger betroffen oder wenigstens besser diagnostiziert als Männer. Mit sieben bis zwölf Prozent scheinen Männer weniger anfällig zu sein; sie sind aber auch viel weniger als Frauen bereit, bei depressiven Symptomen Hilfe zu suchen.
Enkes verhängnisvolles Versteckspiel gegenüber Teamkollegen und Öffentlichkeit ist keineswegs ungewöhnlich - genauso wenig wie die Blindheit der Getäuschten. Sich als Mann eine Depression einzugestehen, ist umso schwieriger, je mehr pseudo-männliche Werte beim Betroffenen wie seinem Umfeld gelten: Auch männliche Migranten aus dem islamischen Raum haben größte Schwierigkeiten das Krankheitsmodell Depression für sich zu akzeptieren.
Die Angst Enkes vor den sozialen Konsequenzen seiner Erkrankung hat durchaus zwei Seiten. Enke fürchtete, "was sollen die Leute denken?!" und er war fixiert auf den Gedanken, das Jugendamt könne ihm das Sorgerecht für die gemeinsame Adoptivtochter entziehen. Diese Befürchtung ist fernab jeder Realität: Wäre es so, müssten die Jugendämter hunderttausenden Deutschen das Sorgerecht für ihre Kinder entziehen.
Wenigstens dieses Symptom könnte auf einen wahnhaften Anteil der Depression hinweisen: Ist ein Patient unkorrigierbar von seiner Schuld an der Welt, kommenden Katastrophen oder der Versündigung an seinen Angehörigen überzeugt oder fühlt er sich von Behörden oder Instanzen ohne realistischen Grund verfolgt oder bedroht, muss man an eine sogenannte wahnhafte Depression denken, die besonders häufig in schwere Suizide oder Suizidversuche mündet.
Finale Attacke gegen Körper und Selbst
"Harte" Suizide sind solche, bei denen sich der Betreffende von hohen Gebäuden stürzt, vor den Zug wirft, mit hoher Geschwindigkeit sein Fahrzeug gegen ein Hindernis steuert oder sich erschießt oder erhängt. "Weiche" Suizide lassen den Betreffenden sanfter in den Tod gleiten, zum Beispiel durch Einnahme von Tabletten oder Eröffnen der Pulsadern.
Je drastischer der Suizid, desto mehr wird der eigene Körper und das verhasste, weil als schlecht, schuldhaft und versagend empfundene Selbst vernichtet. Diese finale Attacke gegen Körper und Selbst ist immer auch eine gegen das soziale Umfeld, das fassungslos, schockiert und traumatisiert auf die Zerstörung reagiert: Harte Suizide sind letztlich auch eine Abrechnung mit der Welt und der sozialen Umgebung.
Tatsächlich weiß man aus Schilderungen von Überlebenden ernst gemeinter Suizidversuche, dass sie sich in ihren Fantasien nicht wirklich tot wähnen, sondern aus einer überhöhten, schwebenden Position weiterleben: Von dort betrachten sie in ihrer Vorstellung ihr eigenes Begräbnis, die Reaktionen der Umwelt, die nun endlich einsieht, wie sehr man dem Betreffenden Unrecht tat, wie wertvoll er als Mensch war oder wie bestraft und schuldhaft man sich angesichts seines Todes fühlt. Dass Robert Enke nicht wusste, wie verheerend sein Suizid und die Art der Durchführung auf Adoptivtochter, Ehefrau, Teamkollegen und Fans wirken würde, ist kaum vorstellbar.
Doch jenseits der krankheitsbedingten Angst vor dem Öffentlichwerden der Depression ist Robert Enkes Umgang mit seiner Krankheit wiederum Abbild der Gesellschaft - nicht nur der Fußballwelt. Wenn der Berliner Senat sich bei Arbeitsplatzbewerben detailliert besonders auch nach psychischen Erkrankungen oder psychotherapeutischen Behandlungen erkundigt, dann ist das Menschlichste jedes Arbeitnehmers, nämlich Krankheit, Abweichung und Individualität unerwünscht.
Wo menschliche Schwäche zum Makel wird, bestätigt gesellschaftliches Klima die Angst des Depressiven: Ein Versager zu sein, nicht ein Kranker, ein unwerter Mensch, nicht etwa einer mit individuellen Konflikten und Schwächen. Dann wäre die Fußballwelt das, was Theo Zwanzigers DFB beständig predigt: Abbild der Gesellschaft. Doch mit seinem Plädoyer für Offenheit täte Zwanziger etwas, was weder inner- noch außerhalb des DFB die Norm ist: Anerkennen, dass auch Spitzenverdiener und Leistungsträger Menschen mit Schwächen und Konflikten sind, die an sich und ihrer Welt verzweifeln.
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