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26. August 2013

Depressionen: Wenn der Urlaub kränker macht

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Grau und trostlos: Eine Depression stürzt die Erkrankten oft in tiefe Hoffnungslosigkeit.  Foto: picture alliance / dpa

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Depression. Im Schnitt ist jeder Fünfte einmal im Leben betroffen. Doch nicht die Zahl der Erkrankten hat zugenommen, sondern die Zahl derer, die sich Hilfe holen.

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Nichts bereitet mehr Freude, der Antrieb ist gleich Null, alles erscheint trostlos, ein grauer Schleier liegt über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – typische Anzeichen, die auf eine Depression hinweisen. Aber auch das gehört dazu: Was für die meisten Menschen die schönste Zeit des Jahres bedeutet, kann bei Depressiven leicht das Gegenteil bewirken. Urlaub lässt sie ihr Leiden oft als noch unerträglicher erleben und verschlimmert es deshalb; ebenso wie übrigens langes Schlafen. Und auch das klingt überraschend: Eine Krankschreibung und die damit verbundene Auszeit vom Arbeitsalltag helfen nicht jedem Patienten.

Die Depression, die wir heute unter dem Schlagwort „Volkskrankheit“ so oft und teils auch leichtfertig im Mund führen, birgt für Laien viele unbekannte Aspekte – die teilweise sogar manchen Ärzten nicht immer geläufig sind. Rund vier Millionen Menschen leiden derzeit in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression, im Schnitt ist jeder Fünfte einmal im Leben betroffen. Und doch stimmt das Klischee nicht, die Erkrankung hätte in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen.

„Dafür gibt es keinen Hinweis“, sagt Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: „Was allerdings zunimmt, ist die Zahl der Menschen, sich Hilfe holen, bei denen die Depression erkannt und so benannt wird.“ Dafür spreche auch die Tatsache, dass die Zahl der Suizide in Deutschland von 18 000 vor 30 Jahren auf aktuell etwa 10 000 im Jahr gesunken ist, eine freilich immer noch erschütternde Zahl.

Falsch sei zudem die weit verbreitete Annahme, das Risiko zu erkranken, steige mit höherem Lebensalter. Wohl aber seien Frauen weit häufiger als Männer betroffen; möglicherweise schütze letztere das Testosteron, während Hormonschwankungen labiler machten. Und auch Kindern können bereits depressiv werden. Warnsignale seien Rückzug, fehlende Freude an allem und Angst vor der Schule.

Behandlungsmöglichkeiten unterschätzt

Eine behandlungsbedürftige Depression sei für Fachleute gut zu erkennen und von „Befindlichkeitsstörungen“ oder „nachvollziehbaren Reaktionen auf die Bitternisse des Lebens“ abzugrenzen, erläutert Professor Hegerl. Drei „Kernsymptome“ führt er auf: gedrückte Stimmung, Freud- und Interesselosigkeit sowie eine Antriebsstörung, verbunden mit dem Gefühl, stetig erschöpft zu sein. Zwei davon müssten seit mindestens 14 Tagen bestehen – und zudem zwei weitere Krankheitszeichen hinzukommen: etwa Schuldgefühle, die Überzeugung, nicht zu genügen, nichts wert zu sein, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Hoffnungslosigkeit bis hin zu Gedanken an den Tod – oder auch Konzentrationsstörungen. „Manche Patienten befürchten, Alzheimer zu bekommen, weil sie sich nichts mehr merken können“, sagt der Psychiater.

Klare Anzeichen im Gespräch mit einem Patienten seien der Eindruck, „dass jemand wie eingefroren wirkt“. Dennoch geht Hegerl davon aus, dass immer noch die Mehrheit der Erkrankten keine optimale Behandlung erhält – warum? „Viele depressiv erkrankte Patienten gehen wegen körperlicher Beschwerden, etwa Rückenschmerzen, zum Hausarzt. Wenn dieser nicht nach psychischen Beschwerden fragt, kann er die dahinter liegende Depression übersehen. Bei einem Zeitbudget von etwa 15 Minuten pro Patient besteht vielleicht auch eine gewisse Versuchung, sich zunächst eher den körperlichen Erkrankungen zu widmen“, sagt Hegerl. Oft würden zudem auch die guten Behandlungsmöglichkeiten unterschätzt.

Bei der Therapie gibt es zwei Hauptsäulen, erklärt Hegerls Kollegin Christine Rummel-Kluge von der Uni Leipzig und Geschäftsführerin der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Das sind Medikamente und Psychotherapie, die meistens im Zusammenspiel verordnet werden. Bei ersteren steht den Ärzten heute eine ganze Palette verschiedener Präparate zur Verfügung – von den älteren trizyklischen Antidepressiva bis zu neueren Serotonin-Wiederaufnahmehemmern. Der Botenstoff Serotonin spielt eine wichtige Rolle bei Depressionen, welche Prozesse dabei jedoch genau ablaufen, ist noch unklar.

Wer auf welchen Wirkstoff anspricht und diesen auch gut verträgt, muss zuweilen ausprobiert werden. Auf manche Antidepressiva reagierten einige Patienten in den ersten Tagen mit Nebenwirkungen wie Schwindel oder Übelkeit, während sich der gewünschte Effekt erst nach zwei oder drei Wochen einstelle: „Da ist es wichtig, die Patienten gut darüber aufzuklären“, so Rummel-Kluge.

Oft kein Grund für Erkrankung

Gleiches gilt für weit verbreitete Ängste, sagt Ulrich Hegerl: „Antidepressiva sind keine Drogen oder Happy-Pillen. Sie machen nicht süchtig und verändern die Persönlichkeit nicht. Klingt die Depression unter Antidepressiva ab, so sagen die Patienten, dass sie wieder so sind, wie sie sich kennen.“ Aber auch dann muss das Medikament noch etwa sechs Monate weiter genommen und danach sorgfältig geprüft werden, ob es schrittweise abgesetzt werden kann.

Die Psychotherapie setzt laut Christine Rummel-Kluge vor allem darauf, mit einer kognitiven Verhaltenstherapie die Einstellung „Mir gelingt nichts, ich brauche erst gar nichts anzufangen“ zu verändern. Bei einigen Patienten verbessere auch Schlafentzug oder eine Lichttherapie die Stimmung. Und wenn gar nichts hilft, steht als letztes Mittel die „Elektrokrampf-Behandlung“ zur Verfügung, bei dem in einer kurzen Vollnarkose künstlich ein Krampfanfall ausgelöst wird. „Das klingt zunächst vielleicht etwas erschreckend, wirkt aber gut und hat wenig Nebenwirkungen“, sagt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. In den USA setzten Mediziner diese Methode häufig ein., in Deutschland werde sie nur in Unikliniken praktiziert.

Aber warum erkrankt ein Mensch überhaupt an einer Depression? „Es gibt negative Erlebnisse, ein Todesfall oder der Verlust des Arbeitsplatzes, die auslösende Faktoren sein können“, sagt Ulrich Hegerl. Aber auch zunächst positiv erscheinende „Veränderungen im Lebensgefüge“ wie eine bestandene Prüfung, Urlaub oder Beförderung können eine ähnliche Wirkung entfalten.

Damit solche Faktoren zu einer Depression führen, muss allerdings eine Veranlagung vorliegen. Diese kann erworben (etwa durch Traumatisierungen und Missbrauch in frühen Lebensabschnitten) oder genetisch bedingt sein. Menschen, bei denen Verwandte ersten Grades an einer Depression leiden, haben ein zwei-bis dreifach erhöhtes Risiko, zu erkranken, sagt Ulrich Hegerl. Oft, ergänzt Christine Rummel-Kluge, fände sich aber auch gar kein Grund für eine Erkrankung: „Wir Menschen wollen immer Erklärungsmodelle haben. Aber so leicht ist es eben nicht immer.“

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