Muhammad Yunus ist Mathematiker. Wahrscheinlich wäre er ein guter Hochschullehrer geworden, hätte er sich damals nicht auf dieses kleine Experiment eingelassen. Vor gut dreißig Jahren lieh Yunus armen Dorfbewohnern in seinem Heimatland Bangladesch ein paar Dollar - als Startkapital für ein eigenes kleines Geschäft. Der zinslos gewährte Kredit wurde zu 99 Prozent zurückgezahlt und beim nächsten und übernächsten Mal ebenso. Aus derart bescheidenen Anfängen entstand die Grameen-Bank, die mittlerweile mit hundert Millionen Dollar im Monat Menschen in Not hilft, sich aus eigener Kraft hochzuarbeiten.
Eine gute Idee, Beharrlichkeit, Begeisterung und eine gewisse Selbstlosigkeit - diese Mischung führte Muhammad Yunus zum Erfolg, sie ist aber genauso wichtig in der Forschung.
Vielleicht flogen dem strahlend-freundlichen Friedensnobelpreisträger aus Bangladesch auch deshalb die Herzen zu, als er Anfang der Woche beim Berliner Wissenschaftskongress Falling Walls auftrat. Yunus kam gerade von einem deutschen Sportschuhfabrikanten und erzählte, wie er die Manager überzeugen konnte, demnächst Qualitätsschuhe zum Verkaufspreis von einem Euro herzustellen. Die Idee dahinter: Wenn die Menschen in armen Ländern sich Schuhe leisten können, haben Parasiten kaum Chancen, über die Fußhaut in den Körper einzudringen.
"Wann immer ich ein soziales Problem sehe, entwickle ich daraus eine Geschäftsidee", sagte Yunus. Unterstützt von Unternehmen, die für die gute Sache auf Gewinn verzichten, hat der Mathematiker aus Bangladesch drei Dutzend Unternehmen gegründet, die seine Landsleute mit besonders nahrhaftem Joghurt bis hin zu preiswerten Mobiltelefonen versorgen.
Mit seinem Social-Business-Konzept macht Yunus das Unmögliche immer wieder möglich. Er verkörperte daher besonders gut die Idee des Kongresses Falling Walls, mit dem die Berliner Einstein-Stiftung ihre Besucher an die Grenzen der Wissensgesellschaft führen wollte. Dorthin, wo in nächster Zeit Mauern fallen werden - so wie vor zwanzig Jahren in Deutschland zur Wendezeit.
Daran erinnerte die Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede auf dem Kongress. Wissenschaft und Innovation hätten damals einen großen Beitrag geleistet: "Briefe konnte man öffnen und kontrollieren, bei Computernachrichten war das schon schwieriger." Von Physik verstehe sie heute nicht mehr so viel wie damals, 1989, als sie noch im Zentralinstitut für physikalische Chemie in Adlershof arbeitete: "Aber je geringer das Wissen, umso größer die Emotion", sagte sie und hatte die Lacher auf ihrer Seite.
Im voll besetzten Saal des ehemaligen Pumpwerks Radialsystem am Berliner Ostbahnhof saßen Menschen aus sechzig Nationen - hochkarätige Forscher und Wissenschaftsmanager, aber auch Firmenchefs, Banker und Politiker. Es war diese Mischung, die das besondere Flair der Konferenz ausmachte. Mit ihr feierte die im Mai gegründete Einstein-Stiftung den Beginn ihrer Arbeit.
Die Stiftung des Landes Berlin soll Spitzenforschung an den Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen der Stadt mit Millionenbeträgen fördern. Allerdings wurde nur ein Tag nach der illustren Auftaktveranstaltung bekannt, dass 33 Millionen Euro weniger als ursprünglich geplant zur Verfügung stehen; die Summe wird nun zur Förderung von Kitas eingesetzt.
Zum Glück ging es bei der Konferenz noch nicht um die Mauern des Berliner Haushalts, sondern um viel interessantere Probleme. Zum Beispiel um die Frage, wie man Impfstoffe so billig herstellen kann, dass sie auch Menschen in den armen Ländern zugute kommen. Dafür hatte Peter Seeberger, Professor für organische Chemie an der Freien Universität, etliche Pakete Zucker mitgebracht, die er neben dem Redepult aufbaute. Aus 4,5 Kilogramm Zucker - in seiner chemischen Bedeutung als Kohlenhydrat und nach diversen chemischen Prozessen - könnten 65 Millionen Kinder pro Jahr gegen Malaria geimpft werden, sagte Seeberger. Er hat eine Maschine entwickelt, mit der sich schnell und kostengünstig Substanzen herstellen lassen, die das Immunsystem gegen einen Erreger wappnen, gegen den bisher noch kein Impfstoff auf dem Markt ist.
Im Tierversuch habe sein Wirkstoff eine hundertprozentige Schutzwirkung entfaltet, berichtete der Chemiker. Im kommenden Jahr sollen klinische Tests an Menschen beginnen. Wann der Impfstoff zur Verfügung stehe, wollte in der nachfolgenden Diskussion der Botschafter von Mali wissen, der am Vormittag im Publikum saß. Das dauere noch mindestens bis 2017, zuerst müsse die Erprobung abgeschlossen sein, antwortete Seeberger. Sobald der Impfstoff aber zugelassen sei, könne er für rund fünf Euro pro Person zur Verfügung gestellt werden.
Bei neuen Schutzimpfungen rückt die Wissenschaft schon recht nah an die Anwendung, bei vielen Erkrankungen des Nervensystems aber steckt man noch tief in der Grundlagenforschung. Das gilt etwa für die Experimente des brasilianischen Neurowissenschaftlers Miguel Nicolelis. In seinen Laboren an der Duke University und in São Paulo versucht er, mit Elektroden, die in das Gehirn implantiert werden, Parkinson-Patienten und Querschnittsgelähmten zu helfen.
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