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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

02. November 2010

Deutsch lernen von Anfang an

 Von Jeannette Goddar

16 Bundesländer, 17 verschiedene Sprachtests: Im Föderalismus fördert jeder anders – Wirkung    ungewiss / Neues Bundesprogramm

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Früher Sprechen

„Offensive frühe Chancen“ heißt das neue Programm, mit dem die Bundesregierung bis 2014 400 Millionen Euro für 4000 Brennpunkt-Kitas zur Verfügung stellen. Mit dem Geld sollen 25 000 Halbtagesstellen für die Sprachförderung von Kleinkindern geschaffen werden. Nach Angaben von Familienministerin Kristina Schröder wollen alle Länder bei dem Programm mitmachen.
Allerdings werden Mädchen und Jungen in dem Alter bisher vor allem in den Bundesländern betreut, in denen wenige Migranten leben: In den neuen Ländern geht laut Nationalem Bildungsbericht mehr als jedes dritte Kind unter drei Jahren in die Kita. In den meisten Regionen im Westen sind es weniger als 15 Prozent; in Großstädten wie Frankfurt, Stuttgart und Köln unter 25 Prozent.
Kinder aus Migrantenfamilien gehen nur halb so oft in die Kita wie deutschstämmige Kinder. Wenn sie es tun, sind sie häufig in Einrichtungen untergebracht, in denen sie in der Mehrheit sind: Jedes dritte Kind nichtdeutscher Herkunft besucht eine Kita, in der mehr als jeder zweite Migrationshintergrund hat. jago

Am Tisch von Kindergartenleiterin Eva Liebke nahmen gestern gleich zwei Ministerinnen in trauter Eintracht Platz. Die Erzieherin hätte sich bei der Prominenz gleich um mehr Personal für die Sprachförderung bewerben können. Die Berliner Kita gehört nämlich vom Profil her genau zu jenen Einrichtungen, für die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) und die bayerische Familienministerin Christine Haderthauer (CSU) mehr Geld locker machen wollen. Das gemeinsame Ziel: eine bessere Sprachförderung.

Die Kita liegt mitten in etwas, was man gemeinhin sozialen Brennpunkt nennt; die Zusammensetzung der Eltern könnte das nicht deutlicher spiegeln: 97,7 Prozent der Kinder an der Kindertagesstätte im Berliner Wedding haben Deutsch nicht als Muttersprache; 85 Prozent stammen aus sozial schwachen Familien. „Sprache beginnt mit dem ersten Schrei,“ sagte Eva Liebke gestern vor der Presse, „aber der Ort, an dem die Kinder deutsch lernen, sind wir.

Viele, die zu uns kommen, beherrschen nicht einmal die einfachsten Worte.“ Damit sie es lernen, sprächen die Erzieherinnen „von der Begrüßung bis zur Verabschiedung nur deutsch.“ In dem neu eingerichteten Familienzentrum lernen aber auch die Mütter mit. „Mitunter“ allerdings, erklärte Eva Liebke, vielleicht angesichts der sie einrahmenden Ministerinnen eher vorsichtig, fehle es aber doch auch an Personal.Künftig könnte es eine halbe Stelle mehr geben. Pünktlich zum heutigen Integrationsgipfel stellte Kristina Schröder ein Programm vor, das die gezielte Sprachförderung in der Kita früher beginnen lassen soll als bisher üblich.

Mit 400 Millionen Euro sollen von 2011 bis 2014 rund 4 000 Kindertagesstätten bundesweit zu so genannten „Schwerpunkt-Kitas Sprache und Integration“ ausgebaut werden. Konkret will der Bund mit jeweils 25 000 Euro eine Halbtagskraft finanzieren, die qualifiziert, aber nicht unbedingt Erzieherin sein muss. Die Bewerber sollten entweder eine Ausbildung in Sprachförderung oder in frühkindlicher Bildung haben, erklärte Schröder: „Es können auch Logopäden sein.“

Besonders gern genommen wird die sprichwörtliche Eier legende Wollmilchsau: An „Männer mit Migrationshintergrund, am liebsten türkisch- oder arabischstämmig, und der entsprechenden Ausbildung,“ appellierte Schröder ganz besonders.

Kitas, die in das Raster „viele Kinder mit Förderbedarf“ und „in einem sozialem Brennpunkt“ passen, können sich bis Mitte Dezember unter der eigens eingerichteten Website www.fruehechancen.de bewerben. Die Entscheidung, wer bei – wohl zu erwartenden – mehr als 4 000 Bewerbungen das Geld für die Sprachförderkraft bekommt, soll den Ländern obliegen.

Die nämlich sind, in Bildungsfragen selten, aber offenbar möglich, mit im Boot. Damit das auch jeder sieht, wurden auch gleich die ersten Kooperationsverträge mit der bayerischen Ministerin Haderthauer und der Berliner Bildungs-Staatssekretärin Claudia Zinke vor Kameras und Notiznehmern unterzeichnet. Alle drei Politikerinnen betonten erstens, dass Sprache der wichtigste Schlüssel zu Erfolg und Integration ist. Und zweitens, dass es daran längst nicht nur Migranten mangelt.

„Auch die Sprachkompetenz der deutschen Kinder ist bei weitem nicht mehr so wie vor zehn Jahren,“ konstatierte Haderthauer. Schröder verwies auf eine Sprachstandsmessung unter Hessens Vierjährigen, die 2005 ergeben habe: Auch jedes fünfte deutsche Kind spricht nicht gut genug deutsch.

Ein Blick auf die Sprachtests im Vorschulalter (nicht zu verwechseln mit den verpflichtenden Einschulungstests) macht aber auch deutlich, dass sich an der einen Stelle nun etwas tun soll – und an der anderen Stillstand herrscht. Von einem Trend zu verbindlichen und bundesweit vergleichbaren Sprachstandtests, wie Union und FDP sich das in der Koalitionsvereinbarung vorgenommen haben, kann keine Rede sein. Schlimmer noch: Der Wildwuchs der Verfahren nimmt zu, nicht ab.

Elf verschiedene Sprachtests hatten die Verfasser des Nationalen Bildungsberichts 2008 gezählt und das Durcheinander unverblümt kritisiert. Dieses Jahr stellten sie überrascht fest: Inzwischen gibt es 17 Tests – in 16 Bundesländern. „Es gibt Länder, die sogar bei zugewanderten und nicht-zugewanderten Kindern verschiedene Tests anwenden,“ erläutert Mariana Grgic vom Deutschen Jugendinstitut in München (DJI). „Wünschenswert“ sei das nicht.

Ein Blick auf die Tabelle, die sie für den Bildungsbericht – und damit im Auftrag von Kultusministern und Bundesbildungsministerium – erstellt hat, macht mehr als nur kleine Abweichungen deutlich. Die Tests heißen nicht nur mal Hase, mal Delfin und mal auch „Sismik“ – was für „Sprachverhalten und Interesse an Sprache bei Migrantenkindern im Kindergarten“ steht – sie funktionieren auch ganz verschieden.

Manche Länder testen ein, manche zwei Jahre vor der Einschulung. In Berlin kündigte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) jüngst an, schon Dreijährige zu testen – damit wäre ein weiterer Sonderweg eröffnet. Mal sind die Tests zudem für alle und mal nur für Kinder mit Migrationshintergrund verpflichtend. In Hessen sind sie immer noch freiwillig; Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen testen gar nicht.

Auch die Art und Weise, wie getestet wird, ist höchst unterschiedlich. In dem einen Land setzen sich Erzieherinnen mit Stofftieren und Brettspielen mit den Kindern zusammen. Ein paar Kilometer weiter müssen Kinder für die Sprachstandsfeststellung zum ersten Mal in ihrem Leben in der Schule antreten und sich von Fremden überprüfen lassen. In Bremen führte das Testverfahren im vergangenen Jahr gar zu massenhaftem Elternprotest: Ist es wirklich nötig, Vierjährige an einen Computer zu setzen und binnen 25 Minuten mit 170 Fragen zu bombardieren?

Da die Sau vom vielen Wiegen nicht fett wird, stellen sich die wirklich interessanten Fragen aber ja erst nach dem Test: Welche Förderung bekommt der, der nicht so gut abschneidet? Auch da gilt, in Kürze: Die einzige Gemeinsamkeit ist. dass im Anschluss an den Test irgendwie deutsch gelernt wird. Mal folgen 12, mal 18 Monate Deutschförderung. Selbst wenn, wie in den überaus vergleichbaren Stadtstaaten Hamburg und Berlin jeweils „12 Monate“ im Plan stehen – die Unterschiede können immens sein: In Berlin wird jedes siebte Kita-Kind 15 Stunden in der Woche gefördert – in Hamburg jedes vierte, dafür aber nur vier Stunden. Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen verzeichnen in der Spalte „Förderstunden pro Kind“ nach wie vor eine Leerstelle. Eine ebensolche Leerstelle müsste, wenn es sie gäbe, in der Spalte „Was bringt was?“ stehen. Bisher finde da viel in einer „Blackbox“ statt, gesteht DJI-Forscherin Grgic. Noch im November wolle das DJI allerdings einen Überblick über bisher gesammelte Erkenntnisse aus den Ländern vorlegen.

Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein: Erste Resultate werfen nämlich ein ernüchterndes Bild auf den Effekt des Deutschlernens in der Kita. In Baden-Württemberg zum Beispiel hat die gleichnamige Landesstiftung bereits 2002 ein 39 Millionen Euro teures Sprachförderprogramm namens „Sag mal was!“ gestartet.

Nach drei Jahren, in denen sie 1200 Kinder beobachtet und verglichen haben, wollten Forscher der Pädagogischen Hochschule Weingarten dieses Jahr wissen, wer denn am meisten profitiert habe. Sie stellten fest: Es machte gar keinen Unterschied, ob Kinder mit oder ohne „Sag mal was!“ groß wurden.

Zwar wurden alle Kinder im Laufe der Jahre besser – aber sowohl mit als auch ohne Sprachförderung. Statt „Förderstunden,“ so die Forscher, sei vor allem der „Faktor Zeit“ ausschlaggebend gewesen. Als mögliche Begründungen ziehen sie heran: Erzieherinnen seien – auch nach ihrer eigenen Ansicht – für die neuen Aufgaben noch gar nicht entsprechend ausgebildet.

Zweitens: Die Sprachförderung folge zu sehr schulischen Vorbildern und fließe zu wenig in den Alltag ein. Sprechen, stellt auch der Kita-Experte der Bildungsgewerkschaft GEW, Bernhard Eibeck, nüchtern fest, lerne man vor allem beim Sprechen: „Sprache gehört in den Alltag integriert – nicht in Unterricht für Dreijährige.“

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