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Deutsche Buche: Schattenbaum verdient mehr Rampenlicht

Als Baum der Deutschen gilt die Eiche - dabei hätte die Buch diese Stellung viel eher verdient. Orte von Buchholz bis Bochum tragen ihren Namen und sogar das Buch wurde nach ihr benannt. Von Walter Schmidt

Ein Herz für Verliebte in der Rinde einer Buche.
Ein Herz für Verliebte in der Rinde einer Buche.
Foto: Joern Sackermann/Bilderberg

Sie ist ein Spätzünder. Anfangs empfindlich gegen Frost und große Hitze, schätzt sie eine behütete Jugend. Gerne dürfen ihr andere Bäume Licht rauben - sie hat viel Zeit und wird die Konkurrenz später locker in den Schatten stellen. Kein anderer Laubbaum verträgt davon in jungen Jahren so viel. Und keiner fängt mit seiner Krone ähnlich viel Sonnenstrahlen ab.

Nur sprichwörtlich steht die Rotbuche im Schatten anderer Bäume - vor allem in dem der weithin verehrten Eiche. Die oft knorrigen Stiel- und Traubeneichen stehen für Stärke - längst nicht nur in Deutschland. Ginge es jedoch gerecht zu, käme nur die Rotbuche (Fagus sylvatica) als Baum der Deutschen in Betracht.

Robustes Parkett

Die Rotbuche (Fagus sylvatica): Durch die jüngste Eiszeit verdrängt, ist der Baum seit etwa 4500 Jahren wieder in Deutschland heimisch. Heute stellt sie knapp jeden siebten Baum in unseren Wäldern - von Natur aus wären es deutlich mehr. Der 30 bis 45 Meter hohe Baum mit dem silbernen, über viele Jahre glatten Stamm trägt seinen Namen nicht etwa wegen roter Blätter, wie sie die in Parkanlagen anzutreffende Blutbuche, eine Kulturvariante, aufweist. Namensgeber ist das im Vergleich zur Hainbuche rötlichere Holz.

Die gut aus dem Stock ausschlagende Hain- oder Weißbuche (Carpinus betulus) wiederum ist kein Buchen-, sondern ein Birkengewächs (Betulaceae) und somit näher mit den Birken verwandt.

Von Ausnahmen abgesehen werden Rotbuchen im Waldbestand 250 bis 300 Jahre alt. Ihr hartes Holz wird zwar gerne für Parkettböden sowie für Furniere, Spielzeug und Möbel genutzt. Als Bauholz ist es jedoch ungeeignet, da es im Vergleich zur Eiche anfälliger für Fäulnis und nicht elastisch genug ist.

Blätter: Andere als die gesägten Blätter der Hainbuche sind die eiförmigen der Rotbuche ganzrandig. Die Buche bildet reichhaltig Laub: Im Jahresdurchschnitt wirft sie 900 Gramm je Quadratmeter Waldboden ab, das sind rund neun Tonnen je Hektar Buchenwald. Unter günstigen Umständen bildet sich so durch Regenwürmer, Pilze und andre Zersetzer am Erdboden viel Humus - nicht umsonst wird die Rotbuche deshalb die "Mutter des Waldes" genannt. Eine große Buche bildet etwa fünf Kilo Sauerstoff pro Tag, bindet sechs Kilo Kohlendioxid und erneuert 20 Kubikmeter Luft.

Bucheckern, die nahrhaften Früchte der Buche, enthalten 15 bis 20 Prozent Öl, aus dem sich auch Speiseöl herstellen lässt. Roh sollten sie jedoch wegen des schwach giftigen Inhaltsstoffes Fagin nicht genossen werden. W.S.

Denn nach dem Willen der Natur brächten zwei Drittel der Böden im Land von Buchen beherrschte Wälder hervor - kein Baum ist so konkurrenzstark wie sie. Nur hier und da muss die Buche Mitbewerbern um Licht und Nährstoffe den Vortritt lassen - etwa an zu nassen oder zu trockenen, zu kalten oder zu warmen Standorten.

Die Buche ist seltener geworden

Doch in Deutschlands Forsten ist die Buche fast so selten geworden wie die Eiche. Beide bringen es gerade einmal auf 15 beziehungsweise zehn Prozent aller Waldbäume - zusammen ein bescheidenes Viertel.

Viel stärker vertreten sind mit 28 Prozent die Fichte und mit 24 Prozent die Kiefer, diese vor allem in der sandreichen Nordhälfte Ostdeutschlands. Die fast überall nicht standortgerechte Fichte verdankt vor allem den preußischen Forstbehörden ihre Vorherrschaft im Forst. Im 19. Jahrhundert sicherten sie durch massive Aufforstungen mit den schnellwüchsigen "Preußenbäumen" wenigstens die Waldstandorte und damit den Holznachschub - mit ökologisch üblen Folgen.

Die von Buchen dominierten Laubmischwälder waren vielerorts geplündert worden. Schon im Mittelalter, vor allem aber in der frühen Neuzeit hatten Köhler die Buchen großenteils in Meilern zu Holzkohle verschwelt. Nur mit Buchenholzkohle ließen sich in Schmelzöfen jene 1200 bis 1300 Grad Celsius erreichen, die Roheisen aus Erzen löst. Außer den Eisenhütten gierten auch unzählige Hammerwerke, Glashütten und Salzsiedereien nach Holzkohle. So begünstigte die Buche Deutschlands Aufstieg zum Industriestaat.

Viele der verbleibenden Buchenwälder überalterten durch die rings um Siedlungen gängige Waldweide-Haltung. Indem Schweine und Rinder in sogenannten Hute-Wäldern mit Eicheln und Bucheckern (Eckerich) gemästet wurden, futterten sie schlicht die nächsten Baumgenerationen weg. Wo früher artenreiche, altersgestufte Buchenmischwälder gestockt hatten, machten sich Ödland und Heiden breit - und später Fichtenäcker.

Dass die Buche im Mittelalter viel häufiger war als heute, verraten weit über tausend Ortsnamen in Deutschland - von Buchenau über Buchenbach und Buchenwald bis hin zu Bochum (zu hochdeutsch Buchenheim).

Schon die Germanen ritzten ihre Runen in Buchenholz

Nicht zufällig auch lesen wir heute nicht in Eichern oder Lindern, sondern eben in Büchern. Über Jahrhunderte nämlich verfügten diese über Deckel aus Buchenholz. Obendrein hatten schon die Germanen ihre Runen-Zeichen auf Stäbchen aus Buchenholz geschnitzt; das Wort "Buchstaben" wurde später für unsere Schriftzeichen entlehnt.

Dennoch wimmelt es in der Kulturgeschichte viel eher von Eichen. Vom 1903 gegründeten Kraftsportverein "Deutsche Eiche" im thüringischen Apolda über die seit 1708 bestehende Schützengesellschaft "Deutsche Eiche" in Roßtal westlich von Nürnberg bis hin zum Turnerbund "Deutsche Eiche" 1893 in Regenstauf ist allerhand an Vereinen mit Eichenlaub im Wappen versammelt. Ein Gasthof oder Hotel "Zur deutschen Buche" hingegen klänge reichlich sonderbar.

Erst recht darf der windverträgliche und deshalb oft als Wetterschutz gepflanzte Baum keine deutsche Orden schmücken - schon bei den Preußen war das so. "Als Friedrich Wilhelm III 1813 das Eiserne Kreuz stiftete, belegte er es mit drei Eichenblättern", berichtet der Berliner Althistoriker Professor Alexander Demandt. Noch heute werden Bundesverdienstkreuze mit Eichenlaub verliehen.

Vom größten Triumph der Eiche hat sich die Buche im Ansehen der Deutschen nie erholen können: Das Laub des krummastigen, bis zu tausend Jahre alt werdenden National-Baumes darf bis heute deutsches Münzgeld zieren.

Gegen die deutschtümelnde Eichen-Verehrung ist die Buche nie angekommen. Und so hatte sie auch den Schwulst der Romantik gegen sich. Zwar hat Eduard Mörike sich von einer Buche, die "ganz verborgen im Wald" stand, zu einem Gedicht anstiften lassen. Und auch "Die Judenbuche" von Annette von Droste-Hülshoff, eine schaurige Novelle um einen lange unentdeckten Mord, ist vielen Schülern bekannt. Doch neben der ebenfalls beliebten Linde beherrscht die Eiche die Dichtung. Sie gilt eben "als Charakterbaum des deutsch-derben Wesens", schreibt Carlheinz Gräter in "Der Wald Immergrün", seiner kleinen Kulturgeschichte von Baum und Strauch.

Schuld daran ist Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), einer der Wegbereiter der "Sturm und Drang"-Phase in der Dichtung. In seinen Oden grub er das germanische Altertum aus, und indem er es feierte, hat er die schon von den Germanen als heilige Götterbäume verehrten Eichen zu Sinnbildern deutscher Nation erklärt.

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Autor:  Walter Schmidt
Datum:  5 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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