Gesamtschulen brauchen erst mal Nachhilfe, damit sie einigermaßen an das Leistungsniveau von Realschulen herankommen, meint die NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU). Darüber kann Schulleiter Jürgen Nimptsch nur müde lachen. Seine Schule, die Integrierte Gesamtschule in Bonn-Beuel, hat den zweiten Platz beim Deutschen Schulpreis 2008 belegt.
Als einzige Schule hat sie bei allen Lernstandserhebungen in NRW seit 2005 in allen Fächern "exzellente Ergebnisse" erzielt. 80 Prozent aller Schüler machen mindestens einen Mittleren Abschluss, und niemand muss ohne Abschluss abgehen. Über die Hälfte seiner Zehntklässler können in die gymnasiale Oberstufe wechseln, obwohl nur 30 Prozent von ihnen im fünften Schuljahr mit einer Gymnasialempfehlung angefangen haben. Auch bekommt hier niemand einen Abschluss geschenkt. Als die zentrale Abschlussprüfung nach der Klasse zehn eingeführt wurde, schnitten die Schüler besser ab als zuvor.
"Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie Schüler, denen ich im fünften, sechsten Schuljahr keine große Schulkarriere zugetraut habe, dann auf einmal ins achte, neunte oder zehnte Schuljahr kommen und leistungsstark werden", stellt Peter Dreesen fest. Seit 1985 ist er an dieser Schule.
Gute Leistungen waren ein Kriterium für die Jury des Deutschen Schulpreises. In Bonn-Beuel musste man sich darüber keine Sorgen machen. "Das Gymnasium unter den Gesamtschulen", kommentiert die Lehrerin einer anderen Gesamtschule den Erfolg von Bonn-Beuel, nicht ohne Neid. In der Beamtenstadt Bonn hat diese Schule einen so guten Ruf, dass sie von den 500 Anmeldewünschen die meisten ablehnen muss. In unmittelbarer Nachbarschaft sind drei Privatgymnasien, trotzdem melden sich hier immer genug Schüler mit einer Empfehlung fürs Gymnasium.
Das war nicht immer so. Ende der neunziger Jahre gingen die Anmeldezahlen der fürs Gymnasium empfohlenen Schüler zurück. Da besann man sich darauf, dass man nicht nur die schwachen Schüler besonders fördern müsse, sondern auch die Hochbegabten. Sie können nun Kurse höherer Klassen und zusätzliche Arbeitsgemeinschaften besuchen oder ganze Klassen überspringen. "Da wir eine große Schule sind, können wir diese Kinder auch stundenplantechnisch besser in andere Kurse geben. Da haben wir viel mehr Möglichkeiten als ein normales Gymnasium", sagt Andrea Kaupert, die Schulpsychologin. Sie können hier zum Beispiel neben Spanisch oder Russisch auch Chinesisch bis zum Abitur lernen.
In Bonn-Beuel hat man gelernt zu individualisieren, weil dort seit 1985 Kinder mit Behinderungen gemeinsam mit den anderen unterrichtet werden - vom körperbehinderten bis zum lernbehinderten Kind, vom Kind mit Down-Syndrom bis zum Erziehungsschwierigen. Auch für sie gibt es besondere Kurse, in denen sie zum Beispiel in Rollenspielen lernen, sich selbst richtig einzuschätzen und ihre Wirkung auf andere zu verstehen. Der gemeinsame Unterricht hat einen handfesten Vorteil: Es gibt zusätzliche Lehrer. Die Sonderpädagogen kümmern sich ja nicht nur um die behinderten Kinder. Die Integrationsklassen haben drei Klassenlehrer, die sie bis zum zehnten Schuljahr begleiten. Jedes Kind findet unter den dreien seinen Ansprechpartner.
Auch Behinderte sind dabei
Es ist die bunte Mischung, die die Schule besonders attraktiv macht, zum Beispiel für Jana im elften Schuljahr. Ihre Freunde verstanden nicht, warum sie mit ihrem guten Grundschulzeugnis zur Gesamtschule ging. "Behinderte und Nichtbehinderte, Kinder aus verschiedenen Bildungsschichten - wir lernen zusammen, wir helfen uns, das macht diese Schule so menschlich" und für sie attraktiver als das exklusive Privatgymnasium nebenan.
An dieser Schule waren Ex-Bundespräsident Johannes Rau und Bill Gates zu Gast. Sie beteiligt sich an zahlreichen Wettbewerben, hat eine Multimediaausstattung auf dem letzten Stand und selbst die Mensaküche wurde prämiert. Das 30 Jahre alte Klinkergebäude ist in Jahrgangs-Inseln unterteilt, über der zentralen Schulstraße hängen zwei große Leinwände, auf denen normalerweise der Vertretungsplan und aktuelle Neuigkeiten gezeigt werden. Aber hier können Schüler auch ihre Multimedia-Produkte zeigen.
Das Gebäude sieht noch aus wie neu, und das zeigt zweierlei: Einmal, dass Schulleiter Jürgen Nimptsch es versteht, alle sich bietenden Fördertöpfe und Sponsorings auszuschöpfen. Zweites, dass diese Schule von ihren Nutzern geachtet und gepflegt wird. Die IGS in Bonn-Beuel ist nicht nur für die Schulpreisjury, sondern auch für Eltern und Schüler am Ort die erste Wahl. Wer einmal seine Vorurteile über Gesamtschulen auf den Prüfstand stellen will, ist hier richtig.
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