Es ist noch weit weg, aber ich höre es schon, tack, tack, hochfrequent, tack, tack. Es kommt näher und näher, es wird lauter und lauter, und wenn es an meinem Fenster vorbeigetackert ist, stehe ich senkrecht im Bett. Einer meiner Vielflieger-Nachbarn ist heimgekommen. Jetzt wissen es alle in der Straße, denn er reist mit meinem persönlichen Hassobjekt: dem Rollkoffer.
Wer in einer weniger ruhigen Gegend wohnt, kann darüber natürlich nur lachen. Wer dem Verkehrslärm nicht entrinnen kann, der hat schlechte Karten. Die Augen kann man schließen, die Ohren aber nicht. Straßenlärm, Schienenlärm, Fluglärm, die akustische Umweltverschmutzung nimmt zu, besonders in den Städten.
Lärm macht krank. Lärm signalisiert von jeher Gefahr, im Körper schalten die Hormone auf Angriff oder Flucht, der Stoffwechsel reagiert, der Blutdruck steigt, Herz und Kreislauf fahren hoch. Aber in einer Einflugschneise, an einer Hauptverkehrsstraße oder an einer Bahntrasse ist weder Angriff noch Flucht möglich. Und deswegen macht Lärm krank. Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Schlafstörungen, Ohrgeräusche, Depressionen sind nur einige der schwerwiegenden Reaktionen des Organismus auf chronische Lärmbelastung.
Als Lärmgeschädigter versucht man, dem Krach wenigstens auf Zeit zu entkommen. Man steigt ins Auto, in die Bahn oder ins Flugzeug, macht Urlaub in Übersee oder Wochenendtrips in stille Täler. Noch mehr Lärm. Man versucht in Vororten eine ruhige Wohnung zu finden und fährt immer größere Strecken zur Arbeit. Noch mehr Lärm.
In Frankfurt am Main – ähnlich geplagt wie Berlin – war ein Großversuch geplant, an ausgewählten Hauptstraßen in den Nachtstunden Tempo 30 einzuführen. Mit ausgetüftelten Messkonzepten und unter wissenschaftlicher Begleitung sollte herausgefunden werden, ob das den lärmgeplagten Menschen an diesen Straßen hilft, wieder schlafen zu können.
Der hessische Verkehrsminister Florian Rentsch (FDP) hat diese Hoffnung jetzt mit einem Federstrich beendet. Das passt dem freien Bürger Rentsch nicht bei seiner freien Fahrt in tiefer Nacht. Für wen macht er das bloß? Die Lärmgeschädigten werden weiterhin in den Wartezimmern sitzen und mit Medikamenten gegen Bluthochdruck, Herzinfarkt, Depression, Schlafstörungen und Tinnitus nach Hause gehen.
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