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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

17. Mai 2013

Diagnose: Doc Pharma

 Von Dr. med.Bernd Hontschik
In den USA wurden bei sechseinhalb Millionen Schulkindern ADHS festgestellt, sie alle werden mit Psychopharmaka behandelt.  Foto: imago stock&people

Die katastrophale Veränderung der Psychiatrie führt zu einem gigantischen Anstieg der Verordnungen von Psychopharmaka und letztlich einer Medikalisierung des Lebens.

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Die katastrophale Veränderung der Psychiatrie führt zu einem gigantischen Anstieg der Verordnungen von Psychopharmaka und letztlich einer Medikalisierung des Lebens.

Bisher war Allen Frances nur Eingeweihten bekannt. Auch unter Psychiatern wussten nur wenige, dass er die Kommission zur Erstellung des Handbuchs der Psychiatrie, des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“, geleitet hat. Die Überarbeitung durch 38.000 führende amerikanische Psychiater zur fünften Version hatte die American Psychiatric Association 2010 ins Internet gestellt. Diese Fassung wird als DSM-5 erscheinen.

Jetzt ist Allen Frances aber ausgestiegen und zu einem der schärfsten Kritiker des DSM, vom Saulus zum Paulus geworden. In allen großen Zeitungen konnte man seine Philippika gegen diese Art von Psychiatrie lesen: In den USA werden Antipsychotika für 18 Milliarden Dollar im Jahr verordnet, Antidepressiva für 12 Milliarden, Stimulantien für 9 Milliarden.

Bernd Hontschik
Bernd Hontschik
 Foto: Barbara Klemm

Anstieg der ADHS-Diagnosen

80 Prozent dieser Medikamente werden nicht von Psychiatern verordnet, sondern von Hausärzten, Kinderärzten oder Internisten. Das Center for Disease Control in Atlanta berichtet von einem exorbitanten Anstieg der ADHS-Diagnosen bei inzwischen schon sechseinhalb Millionen US-amerikanischen Schulkindern: ein Anstieg von mehr als 50 Prozent in den letzten zehn Jahren. Das bedeutet gleichzeitig, dass diese Kinder mit Psychopharmaka behandelt werden, bei uns bekannt unter dem Namen Ritalin.

Im DSM-5 eskaliert ein Trend, der längst zuvor erkennbar war: Des normalen Lebens Auf und Ab bekommt medizinische Namen, Namen von Krankheiten. Ein Wutanfall könnte Ausdruck einer Psychose sein („Intermittent Explosive Disorder“), verträumt sein heißt „Cognitive Tempo Disorder“, Trauer ist eine Depression, Sammler leiden unter dem „Hoarding Disorder“, überschießende Gefühlsäußerungen sind „Dysruption Mood Dysregulation Disorders“.

Krankheiten müssen behandelt werden. Was hat das für Folgen? Diese katastrophale Veränderung der Medizin, der Psychiatrie führt zu nichts anderem als zu einer Medikalisierung des Lebens, zu einem gigantischen Anstieg der Verordnungen von Psychopharmaka. Wem nützt das? An der Verbesserung der Familienberatung, der Psychotherapie, der Sozialarbeit kann kein Pharmakonzern auch nur einen einzigen Cent verdienen.

Krankheiten werden neuerdings nach der Verfügbarkeit von Medikamenten definiert. Oder käme vielleicht jemand auf die Idee, Fieber als eine Krankheit zu bezeichnen und nicht als ein Symptom, bloß weil es mit Aspirin gesenkt werden kann? Was haben zwei Patienten mit Fieber gemeinsam – außer Fieber? Und was haben zwei Kinder mit „ADHS“ gemeinsam? Sie werden mit Ritalin behandelt.

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