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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

19. Oktober 2012

Diagnose: Versuche an Wehrlosen

 Von Dr. med. Bernd Hontschik
Mediziner Bernd Hontschik.  Foto: Christoph Boeckheler

Ein Patient kommt wegen Herzproblemen in ein Krankenhaus. Vieles kommt ihm dort merkwürdig vor. Nach Jahren kommt heraus, dass an ihm ein neues Medikament getestet wurde, ohne sein Wissen

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Das Gefühl lässt sich nur schwer beschreiben: Beim gemütlichen Zappen landete ich vor wenigen Tagen in einer Dokumentation bei arte und blieb bei Hubert Bruchmüller hängen. Er berichtete von seinen Herzbeschwerden im Sommer 1989. Sein Hausarzt wies ihn in eine Spezialklinik für Herz- und Lungenkrankheiten ein. Dort wurde er untersucht, Herzkatheter, Belastungs-EKG, ein neues Medikament. Nicht nur sein anhaltend schlechter Zustand machte ihm damals Sorgen, auch die häufigen Blutabnahmen fielen ihm auf, und das unerklärliche Verschwinden einiger Mitpatienten.

Auch Jahre später noch lässt ihm das alles keine Ruhe, er recherchiert immer weiter und erfährt schließlich, dass er als Testperson für ein neues Medikament missbraucht worden war. Sechs Mitpatienten waren bei der Testreihe verstorben. Den Anfang der Sendung hatte ich ja verpasst, und so wurde ich mit jedem Satz unruhiger. Das kann doch nicht wahr sein. So etwas hatte ich in unserem Land bisher für vollkommen ausgeschlossen gehalten.

Im Dienste der Wissenschaft

Mir fällt der bis heute virulente Contergan-Skandal ein. Mir fallen die ersten und tödlichen Anti-Babypillen-Tests in Mittelamerika ein. Mir fallen die heimlichen Syphilisinfektionen in Guatemala in den 40er-Jahren ein, wiederholt beim „Tuskegee-Experiment“, bei dem ab 1932 infizierte Schwarze in Alabama noch bis 1972 unbehandelt blieben, obwohl es längst Penicillin gab. Die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen, nie waren die „Patienten“ informiert, immer waren und sind Ärztinnen und Ärzte beteiligt, im Dienste der Wissenschaft, im Dienste der Menschheit.

Die Geschichte von Hubert Bruchmüller klärte sich dann auf: Die Klinik stand in Magdeburg, die Tests fanden in der DDR statt, Auftraggeber waren westdeutsche und schweizerische Pharmakonzerne; alles zusammen wohl gar nicht im Dienste der Menschheit, sondern tausendfacher Verkauf von Gesundheit und Leben von DDR-Bürgern für Millionen D-Mark im Dienste der DDR-Devisenbilanz. Und als 1989 die BRD-Gesetze auch in der ehemaligen DDR Gültigkeit erlangten, zog die Pharma-Karawane einfach weiter, machte ihre Tests in Polen und in Rumänien.

Warum beteiligen sich Ärztinnen und Ärzte an Menschenversuchen? Warum überwachen sie Hinrichtungen, vollstrecken Todesurteile, helfen bei Folterungen? Mir wird das immer ein Rätsel bleiben.

www.hontschik.de/chirurg/rundschau.htm

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