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Diagnose: Vortäuschung

Bei den "Vorsorge"-Untersuchungen handelt es sich in Wirklichkeit um Früherkennungs-Untersuchungen. So täuscht der Begriff "Krebsvorsorge" eine falsche Sicherheit vor. Von Dr. med. Bernd Hontschik

Vorsorge ist, auf eine Leiter zu steigen, um ein Buch vom obersten Regalbrett zu holen, und nicht auf einen rollenden Bürostuhl. Vorsorge ist, beim Autofahren den Sicherheitsgurt anzulegen. Vorsorge ist, in guten Zeiten zu sparen, um in schlechten Zeiten nicht zu darben: beim Hamster abgeschaut. Eine eher drollige Vorsorge ist es, eine Rolle Toilettenpapier auf der Rückfensterablage des Autos zu platzieren, vielleicht noch mit einem gehäkelten Hütchen darauf: Im Ernstfall stünde man sonst dumm da.

Heutzutage sollen alle Versicherten regelmäßig zur Krebsvorsorge gehen.

Lesung

Die Kolumnen Bernd Hontschiks zu empörungswürdigen Themen aus der Welt der Medizin, die seit mehr als zwei Jahren auf der Seite Wissen & Bildung der Frankfurter Rundschau erscheinen, hat der Frankfurter Verlag Weissbooks.w in einem Buch herausgebracht. Autor Hontschik, der als Chirurg in Frankfurt am Main praktiziert, liest am Mittwoch, 30. September, aus seinen scharfzüngigen Texten. Beginn ist um 20.30 Uhr im Frankfurter Buchladen "Land in Sicht", Rotteckstraße 13. Telefon 069/443095.

Bernd Hontschik: Herzenssachen. So schön kann Medizin sein, Weissbooks.w, Frankfurt am Main 2009, 130 Seiten, 14 Euro

Es handelt sich dabei aber gar nicht um Vorsorge, sondern um Früherkennung. Die Medizin hat zur Vorsorge gegen Krebserkrankungen nichts zu bieten - außer gut gemeinten Appellen. Hören Sie auf mit dem Rauchen! Das wäre Lungenkrebs-Vorsorge. Setzen Sie sich nicht ungeschützt der prallen Sonne aus! Das wäre Hautkrebs-Vorsorge.

Aber bei den "Vorsorge"-Untersuchungen, zu denen wir immer wieder aufgefordert werden, handelt es sich in Wirklichkeit um Früherkennungs-Untersuchungen. Die Hoffnung dabei ist, dass eine Krebserkrankung umso erfolgreicher bekämpft werden kann, je früher sie vom Arzt erkannt wird.

Mit Vorsorge versucht man, noch nicht eingetretene Katastrophen zu verhindern. Mit Früherkennung versucht man, schon eingetretene Katastrophen so früh wie möglich zu erkennen und einzugrenzen. Anders gesagt: Das Gegenteil von Vorsorge ist Leichtsinn oder Gedankenlosigkeit. Das Gegenteil von Früherkennung ist Verleugnung oder Zuspätkommen.

Der Begriff "Krebsvorsorge" täuscht eine falsche Sicherheit vor. Krebsvorsorge gibt es leider nicht, jedenfalls nicht beim Arzt. Schade.

Autor:  Dr. med. Bernd Hontschik
Datum:  19 | 9 | 2009
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