Kohlebergbau, Dialekt und Fleischwurst stehen für das saarländische Lebensgefühl. Für das Gemecker und Palaver des wohl bekanntesten TV-Saarländers Heinz Becker interessiert sich auch die Wissenschaft. Sprachforscher der Universität Saarbrücken untersuchen den saarländischen Dialekt, der unter anderem vom Kabarettisten Gerd Dudenhöffer (alias Heinz Becker) auf die Bühne gebracht wird.
Für einen aktuellen Fragebogen suchen die Wissenschaftler dialektsichere Testpersonen. Es geht zum Beispiel um die Frage, wie sich Saarländisch von der Mundart unterscheidet, die die Luxemburger und Rheinland-Pfälzer sprechen.
„Das eigentliche Saarländisch gibt es ja nicht“, erklärt der Sprachforscher Christian Ramelli. Von Nord-Ost nach Süd-West laufe die "dat-das-Grenze" durchs Rheinland. Sie trennt das Moselfränkische ("dat") vom Rheinfränkischen ("das"), das ja auch in Rheinland-Pfalz und Teilen von Hessen gesprochen wird. Der Wissenschaftler interessiert sich dafür, wie sich der Dialekt von Ort zu Ort verändert.
Im Fragebogen sollen die Testpersonen standarddeutsche Sätze in ihren Ortsdialekt übersetzen und aufschreiben. „Ich habe den Hund gebadet“ heißt dann beispielsweise „Ich hann de Hund gebaad.“ Gefragt sind aber auch die saarländischen Versionen von „In Schottland wird wieder nach Gold gegraben“ oder „Der gekaufte Eierlikör schmeckt auch nicht schlechter als der selbst gemachte“.
Obwohl es keinen rein saarländischen Dialekt gibt, sprechen die Bewohner des kleinsten Bundeslandes eine ganze Bandbreite verschiedener Mundarten. Neben der "dat-das-Grenze" verläuft durch das Land noch eine „datt-watt-Grenze" entlang der Prims.
Als Platt bezeichnen viele Saarländer ihre Redensart, was aber (wie man unschwer erkennen kann) rein gar nichts mit dem nordischen Plattdeutschen zu tun hat.
Die Kerch (saarländisch für Kirche) ist ein Grund für die Sprachgrenze im Land. Die rheinfränkischen Sprachgebiete gehörten vor 1815 zu den protestantischen Herrschaften, während die moselfränkischen Teile vom katholischen Kurfürstentum Trier beeinflusst waren.
„Saarländer haben einen starken Bezug zu ihrem Dialekt“, sagt Ramelli. Rund 95 Prozent hätten bei einer Umfrage erklärt, Saarländisch zu sprechen. Wenn früher Dialekt bisweilen als „schlechtes Deutsch“ galt, so habe sich das Image gewandelt. „Ein Dialekt ist wie eine Zweitsprache und hat beispielsweise eine eigene Grammatik“, erklärt der Germanist. An der Saar macht sich auch die Nähe zu Frankreich bemerkbar. So sagt ein frierender Saarländer „Ich habe kalt“ - angelehnt an das französische „J'ai froid“.
Ganz typisch für Dialekte allgemein ist nach Ramellis Worten, dass ganze Silben unter den Tisch fallen. Wie bei dem vielleicht bekanntesten saarländischen Spruch „Hauptsach gudd gess“. „Sprechen ist anstrengend, daher kürzen Dialektsprecher gerne ab“, erklärt der Wissenschaftler. Wie dies genau geschieht, das untersucht er gemeinsam mit der Potsdamer Professorin Ulrike Demske. In einer Datenbank haben die beiden allein rund 100.000 Partizipformen gesammelt.
Saarländer sprechen einen eher gemütlichen Dialekt, der teils mit kurzen Wörtern auskommt, erklärt der Mundartkabarettist und Autor Günther Hussong. Und gibt gleich ein Beispiel, wie eine Begrüßung ablaufen kann: „Un?“ („Guten Tag, wie geht es Dir?“), „Jo. Un selbst?“ (Danke gut, wie geht es Dir?), „'s muss“ („Danke, soweit alles in Ordnung“).
Hussong sorgt sich um seinen Dialekt: „Die Verarmung der Sprache betrifft nicht nur das Hochdeutsch.“ Selbst bei Auftritten vor Saarländern könne er oft nur rund 30 bis 40 Prozent der Wörter aus seinem Mundartlexikon verwenden - „der Rest geht vergessen“. Unterstützung bekommt Hussong von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), die selbst sehr dialektsicher ist. Sie hatte sich zum „Tag der Muttersprache“ für mehr Mundartpflege an Schulen eingesetzt.
Die Dialektforschung ist kein neues Phänomen, schon Ende des 19. Jahrhunderts interessierte sich etwa der Sprachwissenschaftler Georg Wenker für deutsche Dialekte. Er verschickte einen Fragebogen mit 42 kurzen Sätzen an Schulen und ließ sie von Lehrern in die Ortsdialekte übersetzen. Für Forscher wie Ramelli ein Schatz: „Dieser Dialektatlas ist für uns bis heute extrem wertvoll.“
Mehrere tausend Fragebögen mit je 18 Satzkonstruktionen haben die Wissenschaftler in den vergangenen Wochen über das Internet ausfüllen lassen, um die Besonderheiten der Sprache im kleinsten Flächenland Deutschlands herauszuarbeiten. Die ersten Ergebnisse der Dialekt-Forschung sollen auf dem Jahrestreffen der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie im September in Kiel vorgestellt werden. (dpa/dapd)
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