Der Tyrannosaurus rex der Meere war nicht weniger furchteinflößend als sein Vetter an Land: Spitze Sägezähne zierten das Maul des riesigen Fischsauriers, der vor 240 Millionen Jahren in einem Flachmeer im heutigen Nevada lebte. Das Gebiss war bestens geeignet, um große Fleischstücke aus wehrlosen Beutetieren zu reißen. Nur zehn Millionen Jahre zuvor hatte das schlimmste Artensterben der Erdgeschichte die Meere fast komplett entvölkert. Dieser Zeitraum reichte, um aus dem Vorfahr des Monsters, einem eidechsenähnlichen Landtier, einen schlanken, schwimmenden Jäger zu machen, größer als ein Schwertwal.
„Dieser Fischsaurier war das mächtigste Raubtier seiner Zeit“, sagt Nadia Fröbisch. Die Paläontologin von der University of Chicago hat das mehr als zehn Meter lange Fossil 2008 zusammen mit Kollegen in den entlegenen Augusta Mountains im US-Staat Nevada ausgegraben, in der Nähe einer Geisterstadt mit dem Namen Berlin.
Jetzt begutachtet die Paläontologin das fast fertig präparierte Skelett des Urzeit-Reptils. Der mächtige Ichthyosaurier, der noch keinen Namen hat, war der erste Vertreter einer neuen Klasse gefährlicher Meeresräuber: Mit ihm begannen die Nachkommen von Landtieren die Ozeane zu beherrschen. Im Erdmittelalter tummelten sich dort außer den Fischsauriern noch andere Reptilien wie die furchterregenden Pliosaurier und später die Mosasaurier.
Nach den Wasserdrachen eroberten später die Wale den Spitzenplatz in der marinen Nahrungskette. „Diese ökologische Nische war also seitdem ständig besetzt“, sagt Fröbisch. „Dass unser Ichthyosaurier der erste dieser Räuber war, macht den Fund so interessant.“
Die Meeressaurier des Erdmittelalters rücken derzeit verstärkt ins Visier der Paläontologen. „Der Jurassic-Park-Hype um die Dinosaurier flaut allmählich ab, die marinen Reptilien kommen“, diagnostiziert Torsten Scheyer von der Universität Zürich. In China herrsche gerade eine Art Goldgräberstimmung, sagt der Paläontologe. Zahlreiche neue, noch nicht beschriebene Funde lassen hoffen, dass demnächst viele Rätsel um den Ursprung der Meeresreptilien gelöst werden könnten.
Zudem kamen jüngst mehrere gigantische Skelette ans Licht: In Spitzbergen entdeckten norwegische Forscher 2006 Einzelteile eines Pliosauriers, der ihrer Schätzung nach 15 Meter lang war. Allein die paddelförmigen Flossen maßen drei Meter. Ein zuvor in England gefundener Pliosaurier-Kiefer lässt vermuten, dass diese Räuber bis zu 18 Meter lang wurden und um die 30 Tonnen wogen – mehr als viermal so viel wie der Landsaurier Tyrannosaurus.
Die gewaltigste Meeresechse aller Zeiten war wahrscheinlich Shonisaurus, ein Fischsaurier aus dem Erdzeitalter Trias. Er lebte vor 210 Millionen Jahren und war mit 21 Metern so lang wie ein Finnwal. Ein Skelett wurde 2004 in Britisch-Kolumbien entdeckt.
Doch die Meeresechsen erreichten nicht nur gewaltige Ausmaße, sondern entwickelten im Laufe ihrer 180 Millionen Jahre währenden Herrschaft über die Meere auch vielfältige Formen und unterschiedlichste Ernährungs-Strategien. Wie schnell sie die Ozeane eroberten, fasziniert die Forscher. „In der mittleren Trias, also vor etwa 240 Millionen Jahren, kehrten mehrere Reptiliengruppen ins Meer zurück“, sagt Torsten Scheyer. „Die Artenzahl explodierte geradezu.“
Vor 240 Millionen Jahren kehrten einige Reptilienarten ins Wasser zurück
Merkwürdige Wesen mit unaussprechlichen Namen tummelten sich damals in den Küstengewässern. Die Thalattosaurier etwa, bis zu vier Meter lange, schlanke Echsen, die ihren langen, flachen Schwanz zur Fortbewegung nutzten. Oder die Hupehsuchia: Diese Saurier besaßen einen gedrungenen, mit festen Platten geschützten Körper und eine schnabelartige Schnauze.
Torsten Scheyer hat sich auf eine besonders rätselhafte Gruppe spezialisiert, die Placodontier (Pflasterzahnechsen). Sie sahen so aus wie eine Kreuzung aus Drache und Schildkröte. Wo sie im Stammbaum der Reptilien genau einzuordnen sind, weiß niemand, derzeit gelten Eidechsen und Schlangen als nächste lebende Verwandte. Unklar ist auch, wozu die oft mit Stacheln bewehrten Panzerplatten gut waren. „Vielleicht boten sie Schutz vor Räubern, vielleicht dienten sie aber auch als Ballast“, sagt Torsten Scheyer. Er hat die Mikrostruktur der Placodontier-Knochen untersucht und festgestellt, dass sie sehr dicht und schwer waren. Scheyer vermutet, dass dieses zusätzliche Gewicht es den Echsen erlaubte, in aufgewühlten Küstengewässern stabil zu schwimmen und ohne größeren Energieaufwand zu tauchen.
Am Ende der Trias, vor 200 Millionen Jahren, starben viele Gruppen der Meeresechsen aus; womöglich, weil der Meeresspiegel sank und die Flachmeere verschwanden. Im Jura blieben nur diejenigen Arten übrig, die sich aufs offene Wasser hinauswagten. Die Plesiosaurier etwa, die zur näheren Verwandtschaft der Pflasterzahnechsen zählen.
Auch die Ichthyosaurier entwickelten sich in der Jurazeit zu schnellen Schwimmern. Ihr gedrungener Körperbau und die halbmondförmige Schwanzflosse erinnern an Thunfische. Auf der Jagd nach Tintenfischen tauchten sie wohl so tief wie heute die Wale. Die Augen einiger Arten hatten einen Durchmesser von über 20 Zentimetern. So konnten sie ihre Beute selbst in der Finsternis der Tiefsee aufspüren.
Auch an kühle Temperaturen waren die marinen Echsen des Erdmittelalters bestens angepasst. Sie konnten ihre Körpertemperatur regulieren und bei etwa 35 Grad Celsius konstant halten, wie eine kürzlich in der Zeitschrift Science veröffentlichte Studie zeigt.
Der Erfolg der Meeresechsen währte allerdings nicht ewig: Bereits vor etwa 90 Millionen Jahren starben die Fischsaurier aus bislang ungeklärter Ursache plötzlich aus. Die Lücke, die sie hinterließen, wurde zunächst schnell wieder gefüllt – durch die Mosasaurier („Maasechsen“), bis zu 17 Meter lange Verwandte der Warane. Am Ende starben die Meeresdrachen aber genauso vor 65 Millionen Jahren aus wie die fliegenden Pterosaurier und die Dinosaurier an Land.
Nur eine kümmerliche Zahl von Reptilien lebt heute noch überwiegend im Meer: 50 Seeschlangen-Arten, sieben Arten von Meeresschildkröten – und eine Leguan-Art auf den Galapagos-Inseln, die bizarre Meeresechse. an-Art auf den Galapagos-Inseln, die bizarre Meeresechse.
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